Ein Star (Stern), das wissen die Einheimischen, ist das, was laut Luis Durnwalder mit Blick auf den nächsten Landeshauptmann nicht am Südtiroler Polithimmel steht. Nicht verwechselt werden darf das mit jenem Star, der zur Gruppe der Singvögel gehört und auch in unseren Breiten heimisch ist; auch nicht mit dem Star, der die Linse im menschlichen Auge trübt und zum ständigen Ärgernis wird, wenn nicht ein Facharzt chirurgisch eingreift; und auch mit dem historischen Getreidemaß hat der Star, von dem hier die Rede geht, nichts zu tun.
Nein, wir sprechen von einem Star, wie er in der angloamerikanischen Welt kreiert worden ist, von wo ja auch die Bezeichnung kommt: ein Star ist eine weitum bekannte, durch bestimmte Fähigkeiten aufgefallene, meist beliebte Person. Geboren worden sind die Stars ja in der Welt des Films, und von dort sind sie zu Beginn in die Musikszene vorgedrungen und dann in die TV-Unterhaltungsindustrie hinübergewandert. James Dean und Liz Taylor, Anita Ekberg oder Rock Hudson waren solche Filmstars, bevor andere sie abgelöst haben, Harrison Ford etwa oder Nicole Kidman und viele andere. Und wo es Starschauspieler gibt, dürfen natürlich auch Starregisseure wie Alfred Hitchcock oder Steven Spielberg nicht fehlen. In der Musikszene waren oder sind Elvis Presley, die Beatles und die Rolling Stones, Madonna oder Michael Jackson Stars, aber auch die Operndiva Maria Callas oder Placido Domingo. Sie alle umgibt eine besondere Aura aus den Zutaten Bewunderung, Können, Extravaganz, Attraktivität, Geld, Ausschweifung, Luxus und Prominenz.
In der glitzernden Sternenwelt lebt es sich wie die Maden im Speck, denn wer einmal in den Statuts eines Stars erhoben wird, hat gut lachen und leichteres Spiel als gewöhnliche Sterbliche. Zwar ist diese Rolle durch die permanente Öffentlichkeit, mit der sie erkauft werden muss, auch eine Last, unter der manche Stars zusammengebrochen sind, aber sie bleibt in den Augen der Fans der Stoff, aus dem die Träume sind. Stars haben es leichter im Leben, ihnen fliegen die Sympathien und die Herzen und in der Folge auch die Geldscheine zu.
Von der Film-, Musik- und TV-Welt hat sich die Starwelle auf die Modebranche ausgebreitet, wo sich nur behauptet, wer als Stardesigner ausgemacht wird. Immer mehr Menschen erkannten, dass es sich als Star viel besser lebt – und immer mehr begannen damit, sich als Star in Szene zu setzen. „Jeder spielt den Superstar und sauft den Schampus an der Bar“, sang die Spider Murphy Gang schon in den 1980er-Jahren. Heute träumen Myriaden junger Mädchen und Burschen davon, ein Starmodel zu werden oder ein Starfußballer, und rund um den Erdball gibt es TV-Talentshows nach dem Muster von „Deutschland sucht den Superstar“.
Findige Menschen haben längst erkannt, dass es sich mit dem Beiwort Star gut leben und wirtschaften lässt. Ein Friseur ist meist ein ganz gewöhnlicher Berufstätiger, der um die Gunst der Kunden kämpfen muss. Besser hat es da einer, der einmal vier Wochen bei einem Prominentenfriseur in der Via Nazionale in Rom ein Praktikum absolviert hat und der dann in Bozen, Meran oder Brixen einen Salon eröffnet, wobei es ihm gelingt, die aktuelle Miss Südtirol gegen ein kleines Entgelt als Kundin zu präsentieren und vom Berichterstatter des lokalen Anzeigenblattes als Star-Coiffeur betitelt zu werden: der Mann hat gute Aussichten, sich zu etablieren, sofern er entsprechend teuer ist.
Hierzulande gibt es längst viele Gattungen von Stars, jede Menge Starköche zum Beispiel, gleichgültig, ob sie Sterne- oder Hauben-Köche sind oder selbst ernannte Leuchten; es gibt natürlich – wie es sich für ein Weinland gehört – Starwinzer (Starweinbauern klingt so umständlich), deren Weine mit solcher Ehrfurcht verkostet werden, dass ein leichter „Korken“ als „gutes Holz“ durchgeht, es gibt beinahe unzählige Sportlerstars, von denen viele nie in die Nähe eines Siegertreppchens gekommen sind, es gibt Starunternehmer, Starautoren, Starverkäufer und Stararchitekten, die die Villen von Starrechtsanwälten bauen, es gibt eine Starbankerin, die Karriere im Ausland macht, einen Stardirigenten, der Südtirol verlässt, und einen Starpolitiker, dem angeblich die Tageszeitung Dolomiten den Rang eines Stars nachträglich aberkennen will. Sogar von einem Startischler habe ich schon gelesen. Wer gewöhnlich ist, kann einpacken, wer das Zeug zum Star hat, ist fein heraußen. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis und angesichts der Wirkung, die soziale Medien haben, erwarte ich mir, dass es bald Starwirte, Starimker, Starlehrer, Starmaturanten, Starpolizisten, Starfernfahrer und Starsteuerberater gibt (die bräuchten wir am dringendsten, sofern sie wirken!).
Manche lokale Stars haben es nicht so sehr mit außergewöhnlichem Know-how dorthin geschafft, wo sie heute stehen, sondern mit geschickter Selbstvermarktung und dem Zutun von uns Medienleuten. Da haben wir doch glatt einen Einfluss: Wir machen durch Berichterstattung Stars – und wir verhindern sie durch Schweigen.
Nur wir selbst haben es versäumt, etwas aus uns zu machen. Wir sind keine Stars. Wir leuchten nicht – wir sind wie die Politiker. Die leuchten auch nicht – aber sie werden immer öfter beleuchtet.

















