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Die Oxforder Rechtsprofessorin

Lady Margaret Hall ist ein renommiertes College der Universität Oxford, das 1878 gegründet wurde, um Frauen ein Universitätsstudium zu ermöglichen. Hier lehrt und forscht die Südtiroler Rechtswissenschaftlerin Alexandra Braun. An ihrer Heimat liebt sie die Natur und die Landschaft, an Oxford schätzt sie die internationale Vielfalt und die vielen Forschungsmöglichkeiten.

Robert Weißensteiner von Robert Weißensteiner
19. Februar 2016
in Südtirol
Lesezeit: 5 mins read

Naturns/Oxford – Wer die Begriffe „Alexandra Braun“ und „Oxford“ in eine Suchmaschine eingibt, landet auf den Seiten der Rechtsfakultät der Universität Oxford, einer der ältesten, angesehensten und bekanntesten Universitäten weltweit. „Alexandra Braun is an Associate Professor of Law based at Lady Margaret Hall and a Research Fellow at the Institute of European and Comparative Law. Prior to joining LMH she was a Supernumerary Teaching Fellow and a Junior Research Fellow in Law at St. John‘s College, Oxford.“, heißt es hier in der Beschreibung ihrer Fuktionen, und weiter: „Since September 2014 she is also a Deputy Director of the Institute of European and Comparative Law in Oxford and the Academic Director of Undergraduate Exchange Programmes.“ Kein Zweifel: Die 41 Jahre alte Südtirolerin macht Karriere in Oxford, wohin sie vor zwölf Jahren gezogen ist, weil sich ihr dort einmalige Chancen boten. Die 90 Kilometer nordwestlich von London an der Themse gelegene Stadt ist ihr beruflich längst zur Heimat geworden.

Geboren wurde Alexandra Braun 1974 in Bozen als erstes von drei Kindern von Hans Braun und Heidelinde Unterthurner. Ihr Vater war Geschäftsführer verschiedener Raiffeisenkassen, zuletzt bis zu seiner Pensionierung jener von Nals. Die Mutter ist bei der Dienststelle für Steuern und Gebühren der Gemeinde Meran beschäftigt. Nachdem Alexandra Braun die Grundschule in Nals abeschlossen hatte, besuchte sie die Mittelschule in Naturns und absolvierte anschließend die Handelsoberschule in Meran. Obwohl sie sich als Jugendliche für Pädagogik, Psychologie und politische Geographie interessierte und eigentlich Journalistin werden wollte, inskribierte sich Alexandra Braun nach der Matura im Fach Jura an der Universität Bologna, wobei für sie von Beginn an klar war, dass sie weder Rechtsanwältin noch Richterin werden wollte. Von Bologna wechselte sie an die Universität Genua, wo sie unter anderen bei Maurizio Lupoi studierte, dem führenden Experten für Trusts in Italien. Die Themen Trusts, Rechtsvergleichung und Erbrecht haben sie seitdem nie mehr losgelassen. Nach dem Hochschulabschluss begann sie ein Doktoratsstudium an der Universität Trient, einer der wenigen Unis in Italien, die auf Rechtsvergleichung spezialisiert sind. In dieser Zeit lebte sie aber weiterhin in Genua und arbeitete am Lehrstuhl von Maurizio Lupoi.

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Thema ihrer Doktorarbeit war die Entwicklung der Rechtswissenschaft in England und deren Einfluss auf das englische Recht, das auf dem sogenannten Common Law gründet, dem im angelsächsischen Raum vorherrschenden Rechtskreis, der sich nicht vorwiegend auf Gesetze stützt wie in anderen europäischen Staaten, sondern auf richterliche Urteile in analogen Fällen (Präzedenzfällen). Brauns Arbeit ist später (2006) unter dem Titel „Giudici e Accademia nell’esperienza inglese – Storia di un dialogo“ im Verlag „il Mulino“ als Buch erschienen.

Im Zuge der Recherchen zu ihrer Doktorarbeit ging die junge Frau nach Oxford, um an der dortigen Universität Materialien und Rechtsquellen zu sichten. In der Folge wurde sie eingeladen, dort einen Vortrag am All Souls College zu halten. „Ich war natürlich wahnsinnig aufgeregt, denn für mich als damals 28-Jährige war es eine große Herausforderung, an einem solchen Ort und vor einem solchen Publikum sprechen zu dürfen. Außerdem war mein Englisch damals nicht so gut. Aber ich habe mich lange und gewissenhaft vorbereitet“, erzählt Braun.

Die junge PhD arbeitete dann noch einige Zeit in Genua, hatte aber schließlich genug vom italienischen Universitätsbetrieb und bewarb sich nach dem Abschluss der Doktorarbeit erfolgreich um eine Forschungsstelle (Junior Research Fellowship) am renommierten St John’s College in Oxford. Im Oktober 2004 übersiedelte sie schließlich nach England. „Dass man vier Jahre lang fürs Forschen, meine Lieblingsbeschäftigung, bezahlt wird, erschien mir wie ein Traum“, erzählt sie. Geforscht hat Braun insbesondere im Erbrecht als Teilgebiet des Eigentumsrechts, daneben befasste sie sich aber weiterhin mit dem Trust als Instrument der Familienvorsorge und Vermögensübergabe. Früher waren Trusts vor allem in Großbritannien verbreitet, inszwischen haben viele Rechtsordnungen Europas Trusts eingeführt, und durch die Ratifizierung des sogenannten Haager Trust-Übereinkommens von 1985 haben sie auch Eingang in das italienische Rechtssystem gefunden. Wenn sie über Trusts spricht, kommt Alexandra Braun so richtig in Fahrt; dann jagt ein Fachausdruck den anderen, und Laien haben Schwierigkeiten, ihr zu folgen. Die Geduld, mit der sie einzelne Aspekte auf Nachfrage erläutert, verrät, dass sie nicht allein Forscherin ist, sondern auch Hochschullehrein.

„Im dritten Jahr meines Forschungsaufenthaltes wurde mir angeboten, ein Jahr am St John’s College zu unterrichten – römisches Recht, Vertragsrecht und Trust-Recht“, erzählt sie. Bei dem einen Jahr ist es dann aber nicht geblieben. Sie erhielt zuerst einen Lehrauftrag für fünf Jahre, und inzwischen ist sie aufgrund ihrer Forschungsarbeiten und ihrer zahlreichen Publikationen „Associate Professor“ an der juristischen Fakultät in Oxford.

Alexandra Braun „gefällt es sehr gut in Oxford“, wie sie unterstreicht. Sie hält Hauptunterricht in Kleingruppen, wie er an den Colleges in Oxford gepflegt wird, Seminare für acht bis zwanzig Studenten sowie Vorlesungen, – drei Mal acht Wochen – zu den Themen römisches Recht, englisches Eigentumsrecht, rechtsvergleichendes Privatrecht und Trusts. Daneben ist sie weiterhin in der Forschung tätig und reist dabei viel (Europa und Amerika), und sie kümmert sich obendrein um die Acquisition von Drittmitteln, die es auch Studenten aus weniger begüterten Familien erlauben, an dieser Universität zu studieren. Ihre Begeisterung gründet auf dem, was die Universität Oxford in ihren Augen auszeichnet: Völlige Freiheit in der Forschung, der einzigartige Unterricht (die Studenten müssen nicht bloß pauken, sondern sich mit den Rechtsquellen kritisch auseinander setzen, eigene Argumente entwickeln und Positionen ständig hinterfragen) und die Vergabe von Lehr- und Forschungsaufträgen nach „meritokratischen Grundsätzen“, wie sie unterstreicht: Qualität und Leistung zählen, nicht Beziehungen, wie es in Italien zu häufig der Fall scheint. „Leider verliert Italien viele gute junge Forscher, insbesondere Naturwissenschaftler, ans Ausland, wo die Leistungsträger bessere Chancen und Arbeitsbedingungen vorfinden.“

Das Privatleben kommt aufgrund ihres starken beruflichen Engagements und der häufigen Reisen schon manchmal ein wenig zu kurz, gibt Braun zu. Wenn sie in Oxford ist, arbeitet sie sehr viel; zum Ausgleich macht sie Yoga, tanzt oder wandert. Im Mai dieses Jahres erscheint ein Buch zu lebzeitigen Verfügungen auf den Todesfall (will-substitutes), das sie zusammen mit einer Kollegin an der Bucerius Law School in Hamburg, Anne Röthel, herausgibt. Im nächsten Jahr wird, etwas später als geplant, ihr neues Buch über Erbrecht mit Oxford University Press erscheinen. Dabei geht es spezifisch um Erbversprechen und den Umgang der Gerichte mit diesen in verschiedenen Rechtskreisen. Solche Erbversprechen werden laut Braun oft gemacht, aber am Ende nicht immer eingehalten. Zudem werfen Erbversprechen viele ungelöste Fragen auf. Konkret geht es dabei neben der Beweisproblematik vor allem um die Bewertung von Willensabsichten, Vermögenserwartungen und Schutz­interessen in einem sozialen Gefüge.

Und welchen Platz hat Südtirol in ihrem Leben? „Es ist ein tolles Land; ich vermisse die Berge, die Natur, das schöne Wetter und auch das gute Essen. Aber die Arbeit entschädigt mich reichlich und hält mich in Oxford, denn sie ist äußerst interessant und spannend.“ Im Blick von außen auf Südtirol hat Alexandra Braun den Eindruck, dass es den Südtirolern manchmal nicht bewusst ist, wie gut es ihnen geht; sie nehmen oft vieles für selbstverständlich – vom kostenlosen und gut funktionierenden öffentlichen Gesundheitssystem bis zu den kostenlosen, hervorragenden öffentlichen Schulen, dem öffentlichen Nahverkehr und der Wohnbauhilfe.

Alexandra Braun kommt immer wieder einmal nach Hause, um ihre Familie und Freunde zu besuchen; zuletzt war sie im Februar zum Geburtstag ihrer Mutter hier. Ganz nach Südtirol zurückzukehren, das kann sich die junge Professorin derzeit nicht vorstellen. „Vielleicht komme ich irgendwann einmal zurück, um eine Alm zu übernehmen“ scherzt sie. Aber die Alm muss wohl warten, denn gegen die Universität Oxford hat sie derzeit keine Chance.

Schlagwörter: 07-16freenomedia

Ausgabe 07-16, Seite 4

Robert Weißensteiner

Robert Weißensteiner

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