London/Madrid/München/Rom – Die Stars des Fußballsommers heißen Angel Di Maria und Raheem Shaquille Sterling. Für Di Maria legte der französische Serienmeister Paris St. Germain 63 Millionen Euro auf den Tisch, um ihn von Manchester United zu bekommen – Gehalt nicht eingerechnet. Für Raheem Shaquille Sterling, gerade einmal 20 Jahre jung, überwies hingegen Manchester City 62 Millionen an den FC Liverpool. Kann ein einzelner Sportler wirklich so viel wert sein? Diese Frage stellt sich im Falle von Di Maria, und sogar noch mehr im Falle von Sterling. Denn während sich der 27-jährige Argentinier immerhin Vizeweltmeister 2014 nennen darf, fällt der 20-jährige Brite mit jamaikanischen Wurzeln regelmäßig mit Eskapaden abseits des Fußballplatzes auf, ganz wie sein bisheriger Liverpooler Teamkollege Mario Balotelli. Trotzdem scheint die Fußballwelt die Frage eindeutig mit Ja zu beantworten. Ja, ein Fußballer kann so viel wert sein. Di Maria und Sterling gehören nämlich keineswegs zu den teuersten Transfers der Geschichte.
Am teuersten waren bisher der Portugiese Cristiano Ronaldo und der Waliser Gareth Bale: In beiden Fällen soll Real Madrid 94 Millionen Euro hingeblättert haben. Dem FC Barcelona war der Brasilianer Neymar 83,5 Millionen und der Uruguayer Luis Suarez 81 Millionen wert. 80 Millionen soll Real Madrid im vergangenen Jahr für den Kolumbianer James an AS Monaco gezahlt haben. Damit gaben die „Königlichen“ jene Millionen gleich wieder aus, die sie aus dem Wechsel von Angel Di Maria zu Manchester United erlöst hatten, nämlich 75 Millionen. Da ist dieser Angel Di Maria also wieder: Im Sommer 2014 zahlte Manchester United 75 Millionen, um ihn jetzt nach einer verkorksten Saison für 63 Millionen Euro nach Paris ziehen zu lassen.
Wenn die Vereine für einzelne Stars tief in die Tasche greifen, dann handelt es sich immer auch um eine Wette auf die Zukunft. Im Falle von Di Maria ist die Wette für Manchester United gründlich in die Hose gegangen. Selbst auf talentierte Rohdiamanten werden bereits hohe Summen „verwettet“. So soll sich Real Madrid die Rechte am uruguayische Wunderkind Federico Valverde für fünf Millionen Euro gesichert haben – Valverde ist 17, und da Transfers von Minderjährigen verboten sind, wird Valverde erst im Juli 2016 zu Real stoßen.
Es fällt auf, dass die teuersten Fußballer der Welt allesamt Stürmer sind. Di Maria ist Rechtsaußen wie Lionell Messi und Gareth Bale, Sterling ist Linksaußen wie Cristiano Ronaldo und Neymar. Ihre Tore sollen die Kassen klingeln lassen, einerseits durch Eintrittsgelder und Fanartikel wie Trikots, andererseits durch sportliche Erfolge, vor allem in der Champions League, wo satte Antritts- und Erfolgsprämien verteilt werden. Beispielsweise verdiente Bayern München in der Champions League 2014/15 rund 66 Millionen Euro, obwohl „schon“ im Halbfinale Endstation war.
Auch fällt auf, dass bei den teuersten Transfers stets die spanischen und britischen Spitzenvereine ihre Hände bzw. Millionen im Spiel haben. Laut „Global Transfer Market Report 2015“ des Fußballweltverbandes Fifa gaben die Vereine 2014 weltweit 3.620 Millionen Euro für neue Spieler aus – so viel wie nie zuvor. 90 Prozent der weltweiten Transfersummen werden von europäischen Vereinen gezahlt. Aber vor allem: 1.040 Millionen kamen allein von den britischen Vereinen, 624 Millionen von den spanischen Vereinen. Mit anderen Worten: England und Spanien zahlen knapp die Hälfte der weltweiten Transfersummen und blähen den Markt regelrecht auf. Während die britischen und spanischen Vereine 2014 für jeden neuen Spieler im Schnitt 1,8 Millionen ausgaben, waren es in Deutschland 800.000 Euro und in Italien 700.000 Euro. Gemessen daran müssten die englischen und spanischen Spitzenvereine den internationalen Fußball eigentlich noch mehr beherrschen, als sie das ohnehin tun.
Der „Global Transfer Market Report 2015“ gewährt noch weitere interessante Einblicke. Während die englischen Profivereine 2014 die erwähnten 1.040 Millionen Euro in neue Spieler investiert haben, beliefen sich die Einnahmen aus Spielerverkäufen auf vergleichsweise lächerliche 466 Millionen. In Spanien stehen Spielerkäufen für 624 Millionen Verkäufe für 594 Millionen gegenüber. Die deutschen Vereine kauften für 291 Millionen ein und erlösten 143 Millionen. Und die italienischen Vereine, die in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen backen mussten, investierten 273 Millionen in neue Spieler und nahmen 254 Millionen aus Spielerverkäufen ein. In den wichtigsten Ligen der Welt wird eindeutig mehr Geld für Spieler ausgegeben als eingenommen. Und noch etwas haben alle großen Fußballligen gemeinsam: Weit mehr als die Hälfte der Ausgaben für Spielerkäufe konzentriert sich auf eine Handvoll Spitzenvereine. Das finanzielle Gefälle zwischen den einzelnen Vereinen ist enorm. Während etwa Juventus Turin in diesem Sommer 32 Millionen Euro für einen einzigen Spieler (Paulo Dybala) hingeblättert hat, Gehalt noch gar nicht eingerechnet, beträgt das Jahresbudget des FC Südtirol, der immerhin in der dritten Liga spielt und zusätzlich 13 Jugendteams zählt, ein Zehntel davon. Mit den 32 Millionen, die US Palermo für Dybala kassiert hat, käme der FC Südtirol zehn Jahre über die Runden.
Trotzdem wird kaum einmal die Frage nach der Verhältnismäßigkeit gestellt. Im Gegenteil, die Fans verehren die sündhaft teuren Fußballstars wie Halbgötter. Während Manager und Politiker regelmäßig als überbezahlte Absahner gebrandmarkt werden, sind die millionenschweren Ablösesummen und Gehälter der Kicker in Ordnung. Dabei verdient ein Lionel Messi, der zweifelsfrei ein begnadeter Fußballer ist, an zwei Tagen gleich viel wie Landeshauptmann Arno Kompatscher im ganzen Jahr. Und selbst Mitläufer verdienen zuweilen mehrere hunderttausend Euro – Manager und Politiker müssen da vor Neid erblassen.
Der Hauptgrund für die Millionenshow des Fußballs liegt einerseits darin, dass sich neuerdings steinreiche Investoren europäische Spitzenclubs als Hobby halten, andererseits – und noch mehr – in den Fernsehrechten. Die Topvereine kassieren Unsummen. Einsame Spitzenreiter sind die Vereine der englischen Premier League, die von Sky und BT Sport laut neuestem Vertrag bis 2019 gut 1.700 Millionen Euro pro Saison erhalten. Zum Vergleich: Die deutschen Bundesligavereine können pro Saison 628 Millionen Euro unter sich verteilen. Es darf also nicht verwundern, dass derzeit niemand mit den Transfersummen mithalten kann, welche die großen Premier-League-Vereine zahlen. Vier der fünf teuersten Spielerkäufe dieses Sommers gehen auf das Konto von englischen Vereinen – und acht der 20 teuersten. Da kommen selbst die spanischen Spitzenclubs kaum mehr mit, die bis vor einigen Jahren den Spielermarkt mit stratosphärischen Summen leerkauften und 2.800 Millionen Schulden anhäuften, darunter auch Steuerschulden. Allein Real Madrid und FC Barcelona haben gemeinsam Schulden von rund 800 Millionen Euro. Verschuldet sind freilich auch viele britische Vereine: Die 92 englischen Proficlubs sollen zwischen 3.500 und 4.000 Millionen Euro Verbindlichkeiten haben – allein Manchester United hat laut Finanzbericht 515 Millionen Euro. Und die italienischen Serie-A-Vereine haben rund 1.700 Millionen Euro Schulden angehäuft.
Im Spitzenfußball wird mit Millionen herumgeworfen. Aber nicht alles, was da glänzt, steht auf einem gesunden finanziellen Boden.


















