Bozen – Ein schneller Blick auf den Countdown. Noch 30 Sekunden. Die Worte des Start-uppers reihen sich nun schneller aneinander, ein paar Silben werden verschluckt. Die Zeit ist gleich um, deutet ein Mann vom Organisationsteam mit einer unmissverständlichen Handbewegung an. Der Start-upper redet weiter, kommt zur nächsten Folie seiner Präsentation, will gerade zur Vorstellung seines Teams ansetzen. Biep, Biep, Biep, schreit der Timer. Der junge Mann verstummt. Cutoff.
Für den Start-upper geht es an diesen zwei Tagen bei der Pitch-Competition im NOI Techpark und in der Messe Bozen um viel: um eine mögliche Investmentzusage in Höhe von mindestens 460.000 Euro. Das ist die Summe, die 360 Capital, eine Risikokapitalfirma, das Südtiroler Business-Angel-Netzwerk tba network und die Investmentgesellschaft BluLime von Florian Kasslatter gemeinsam in das Gewinner-Start-up des Wettbewerbs investieren wollen.
Das Format, das vergangene Woche Teil des Events „To The Peak“ war, funktioniert wie eine Live-Version von „Die Höhle der Löwen“: Mit einem perfekt einstudierten Kurzvortrag – dem sogenannten „Pitch“ – versuchen Start-ups, eine Jury in kürzester Zeit von ihrer Idee zu überzeugen.
Eines erhält am Ende die Investmentzusage.
Laut Organisationsteam bewarben sich im Vorfeld 236 Start-ups. Manche aus Bozen, viele aus Norditalien, einige sogar aus den USA oder aus Peru. 20 von diesen wurden zum Halbfinale am Mittwoch vergangener Woche eingeladen. Fünf davon durften tags darauf in der Messe Bozen in der Finalrunde pitchen.
Die letzte Probe

Daniel Steger ist der einzige Südtiroler, der es ins Halbfinale geschafft hat. Wir treffen ihn auf einen Kaffee am NOI-Campus. Es ist kurz nach elf Uhr. Noch drei Stunden bis zu seinem Pitch. Steger ist unaufgeregt: „Wir haben nichts zu verlieren, nur zu gewinnen.“ Sein Unternehmen Volt LogIQ ist im Bereich KI tätig und bietet Automatisierungslösungen für Unternehmen an – eine Businessidee, die, wie Steger sagt, recht kompliziert sei. Sie in einer dreiminütigen Präsentation zu erklären, sei kaum möglich. „Wir wollen beim Pitch deshalb mit Zahlen punkten: mit den Kundenzahlen, mit Margen und mit dem Umsatz.“ Den Pitch heute sieht Steger auch als Übung für künftige Pitches. Die größte Herausforderung ist für ihn der Zeitdruck. „Ich könnte Stunden über das Start-up reden. Ich habe aber nur drei Minuten Zeit. Damit das hinhaut, muss man üben.“ Steger verabschiedet sich. Er will noch an der Präsentation feilen.

13.45 Uhr, noch 15 Minuten bis zum ersten Pitch. Timo Berkmann blickt durch eine Glasscheibe in den Raum, in dem er später seine Geschäftsidee der Jury vorstellen wird. „Die Erwartungen sind hoch“, sagt er, „ich möchte unbedingt eine Runde weiterkommen. Und natürlich wäre es toll, zu gewinnen.“ Berkmann ist aus Innsbruck angereist. Sein Start-up Serwas feilt an einem System, das die Abwärme von Servern zum Heizen zur Verfügung stellt. Sein Mitgründer, der Südtiroler Manuel Untergasser, ist in Innsbruck geblieben.
„Ich habe meinen Pitch auf die Sekunde perfektioniert.“
An die zehn- bis 15-mal hat Timo Berkmann in den vergangenen Jahren gepitcht. „Beim ersten Mal war ich unglaublich nervös.“ Einmal sprach er zu lang, erzählt er, und konnte seine Präsentation nicht zu Ende führen. Das soll ihm heute nicht passieren. „Ich habe meinen Pitch auf die Sekunde perfektioniert.“ Er sei nicht aufgeregt, sagt er, noch nicht. „Eine Viertelstunde vorher bin ich dann meistens schon ziemlich nervös.“ Für die letzten Minuten vor dem großen Moment hat der Blondschopf ein eigenes Ritual: Er zieht sich auf die Toilette zurück und macht dort eine Generalprobe, mit Timer am Handy.
Showtime
Es ist kurz nach 14 Uhr. An die 30 Leute sitzen im Raum, darunter viele Gründer:innen, auch ein paar Investorinnen und Unternehmer. Noch wird gequatscht, aber die Stimmung ist angespannt. Ein Blick wandert auf eine Uhr, eine Hand spielt mit einem Kugelschreiber. Was wird gleich geschehen? Läuft alles nach Plan? Und wer schafft es heute eine Runde weiter?
Dann wird es still. Die Moderatorin wiederholt die Regeln – jedes Start-up pitcht drei Minuten, dann stellt die Jury vier Minuten lang Fragen – und dann geht’s los. Daniel Steger ist als Erster dran. Ein Kopfnicken signalisiert ihm: Die Zeit läuft. Der Start-upper spricht über die Geschäftsidee, dann über die Zahlen. Den Faktor also, mit dem er bei der Jury punkten will. Er spricht weiter, wechselt Folie, doch der Timer piept. Die Zeit ist um. Ein Zuschauer atmet hörbar aus, dann wird geklatscht. „Zum Glück hatte ich es als Erster hinter mir“, wird Daniel Steger im Anschluss sagen.
Von Bari nach Bozen in letzter Minute

Etwas später betritt Riccardo Tribuzio den Raum, mit Laptop unterm Arm und Rucksack über der Schulter. Er sieht sich um, muss erst verstehen, was hier vor sich geht. Und, ob er sein Zeitfenster verpasst hat. „Wir hätten es fast nicht hergeschafft mit dem ganzen Verkehr“, sagt er. Am Morgen war der Lockenkopf noch in Bari, nun steht er hier in Bozen. 20 Minuten hat er noch, stellt er erleichtert fest. Sein Start-up uSafe ist im Bereich Arbeitssicherheit angesiedelt. Einen ähnlichen Pitch wie an diesem Nachmittag hat er bereits öfter gehalten. „Beim Üben heute im Flugzeug habe ich drei Minuten und 25 Sekunden gebraucht. Hoffentlich geht’s sich aus“, sagt er. Es wird sich ausgehen.
In der Pause, zwischen den Präsentationen, bilden sich Grüppchen. Es wird über die Start-ups gesprochen, es fallen Begriffe wie „revenue“ und „client worth“. In der Szene überwiegt das Englische; auch die Pitches werden auf Englisch gehalten.
Was die Bewerbungsunterlagen nicht zeigen
Eva Ogriseg, die soeben noch am Jurytisch saß, vertritt sich im Vorraum die Beine. 16 Start-ups hat sie heute bislang angehört und Fragen gestellt. „Man muss stets zu 100 Prozent konzentriert sein“, sagt die Geschäftsführerin des tba network. Die Jungunternehmen, die heute vor Ort sind, kennt sie schon. Vor dem Event hat sie mit den anderen Investoren alle Bewerbungen geprüft und 20 davon für das Halbfinale ausgewählt. Wonach sucht sie in einem solchen Prozess? Nach klugen Köpfen, einer ausgefeilten Idee – oder doch etwas anderem? „Das Problem ist, man sieht in den Bewerbungsunterlagen nur die Idee, nicht aber das Team. Dabei ist gerade dieses in der Frühphase entscheidend.“
Das Siegerunternehmen wird einer weiteren, genaueren Prüfung unterzogen, bevor der Investmentvertrag unterzeichnet wird. Es geht schließlich um viel Geld.
Die sprichwörtliche Katze im Sack kaufen die Investoren aber nicht, unterstreicht Ogriseg: „Niemand trifft die Investmententscheidung rein auf Grundlage des Pitches, auch bei Höhle der Löwen nicht.“ Das Siegerunternehmen wird einer weiteren, genaueren Prüfung unterzogen, bevor der Investmentvertrag unterzeichnet wird. Es geht schließlich um viel Geld. In welcher rechtlichen und finanziellen Form das Geld ins Start-up fließt, muss erst verhandelt werden. Es gebe zig Möglichkeiten, sagt Eva Ogriseg. Bei einer „Equity Round“ etwa erhält der Investor sofort Unternehmensanteile, bei einer „Convertible Round“ erst später.
Es ist 17 Uhr. Zeit für die letzten vier Pitches des Halbfinales. Timo Berkmann steht vorne, atmet tief ein und legt los: „Hello and Serwas from my side.“ Er spricht über die Idee, die Konkurrenz, das Team. Den Text kann er in- und auswendig. Die Pausen sind gekonnt gesetzt, ein paar Witze an den richtigen Stellen eingestreut. Dann beendet er den letzten Satz. Wenige Sekunden später schrillt der Timer. Punktlandung. Er beantwortet ein paar Fragen der Jury. Auf dem Weg zurück zu seinem Platz wandert sein Blick noch einmal zum Jurytisch.
Drei Pitches später zieht sich die Jury zurück, um die Finalistinnen und Finalisten auszuwählen. Sie werden noch am Abend per Mail benachrichtigt.

Der Tag der Entscheidung
Am Tag darauf treffen wir Daniel Steger im H1-Eventspace der Messe Bozen. Steger hat die ominöse Mail nicht erhalten. Enttäuscht? „Nein“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Ich habe trotzdem viele Investoren und interessante Leute kennengelernt.“ Der Aufwand habe sich gelohnt.
Für Timo Berkmann von Serwas geht es noch weiter. Er hat die Mail erhalten. „Sie war auf Italienisch. Zum Glück spreche ich ein bisschen Spanisch, sodass ich sie nicht erst übersetzen lassen musste.“ In einer Stunde, um 18 Uhr, wird er auf der Bühne pitchen, vor deutlich größerem Publikum. Ein bisschen nervös sei er schon, sagt er. Aber er will sich noch einmal Zeit für sich nehmen. „Und für mein Ritual natürlich: die Generalprobe auf der Toilette“, sagt er und lacht.
Auch Riccardo Tribuzio aus Apulien ist weiter. Die Mail hat er erst am Morgen gesehen: „Beim Frühstück habe ich den anderen gesagt, ,Leute, wir sind im Finale!‘“
Das Publikum ist heute deutlich größer. An die 200 Leute sitzen im Raum. „Der da hinten ist ein wichtiger Investor in der Branche“, sagt eine Start-upperin und zeigt auf einen Mann im Kapuzenpulli.
„And the winner is …“
Es ist so weit. Die Jury nimmt an ihrem Tisch Platz. Dann beginnt schon die erste Präsentation. Ein Jurymitglied macht sich Notizen, ein anderes blickt kurz ins Publikum. Fragen werden beantwortet. Dann ist der nächste Start-upper dran.
Ein Unternehmer im Publikum beugt sich zu seinem Sitznachbarn und flüstert: „Was meinst du?“ „Der gefällt mir!“, bekommt er als Antwort.
Irgendwann ist Riccardo Tribuzios großer Moment. Er trinkt einen letzten Schluck. Rückt das Headset zurecht und betritt die Bühne. „Hi, I’m Riccardo“, beginnt er. Ein Mitgründer des Start-uppers filmt den Auftritt. Als die Jury im Anschluss eine Frage stellt, kaut er auf einem Finger.
Derweil bereitet sich am Rand Timo Berkmann vor. Er ist als Letzter dran. Seine Augen wandern nach oben, er sagt seine Präsentation ein letztes Mal auf – und dann geht es auch schon los. „Hello and Serwas from my side“, hört das Publikum durch die Lautsprecher.
Nach wenigen Minuten kommt er wieder von der Bühne. Er atmet aus.
Die Jury zieht sich zurück, um zu beraten. Wer wird die Zusage für das 460.000-Euro-Investment erhalten? Im Publikum ist die Stimmung nun ausgelassener. Es wird geplaudert und gelacht. Ein paar Zuschauer geben Tipps ab, wer gewinnen wird.
Dann kommt die Jury zurück. Im Raum wird es still.
„And the winner is …“
Die Start-ups blicken gespannt auf die Bühne. Hoffen. Bangen.
… „Finanz.“ Ein Tech-Start-up aus Mailand. Das Team läuft fürs Siegerfoto auf die Bühne.
Timo Berkmann zuckt mit den Schultern. „Nicht so schlimm“, sagt er.
Riccardo Tribuzio lässt sich ebenfalls keine Enttäuschung anmerken. „So funktioniert das Spiel eben.“
Dieser Artikel erschien in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel: Die Drei-Minuten-Chance



















