Ich habe den Sommer 2000 als brütend heiß in Erinnerung. Das mag daran liegen, dass ich damals bei gefühlten 50 Grad Celsius in einer Küche Shrimps schälte und Gemüse schnippelte. Die wichtigste Lektion, die mir der Küchenchef in diesem Sommer beibrachte? „Auf dieser Welt gibt es nichts umsonst – sogar der Tod kostet einen das Leben.“
So ist es auch mit unserem Leben im Netz. Wir nutzen Onlinedienste um zu chatten, zu telefonieren, unsere Daten abzulegen und mit unseren Freunden in Kontakt zu bleiben. Diese Dienste kosten deren Betreiber viel Geld. Mal ehrlich – haben wir echt gedacht, dass uns jemand etwas schenkt? Unternehmen wie Facebook verdienen ihr Geld mit Werbung, und dafür brauchen sie Daten. Unsere Daten. Wem gefällt was und warum? Kein Problem, wir geben‘s freiwillig preis. Über Likes, Mentions und Follows, aber auch über Fotos, Texte, die wir veröffentlichen, unseren Beziehungsstatus und andere Nebensächlichkeiten.
Diese Daten geben Microsoft, Google, Apple, AOL und Yahoo dann an die Regierung der Vereinigten Staaten, genauer gesagt an die National Security Agency (NSA) weiter. Die braucht sie nicht für Werbung, sondern um uns vor bösen Terroristen zu schützen. Sagt sie. Das betrifft etwa unsere Kommunikation über Skype und Facebook, aber auch die Daten, die wir in der Cloud speichern, beispielsweise mit Google Drive oder Microsoft SkyDrive. Das Schnüffelprogramm nennt sich PRISM und kam im Juni dieses Jahres durch den reuigen NSA-Administrator ans Licht, der mittlerweile zum Märtyrer hochstilisiert wird.
Überhaupt, „Cloud“ ist so ein schönes Wort. Es ist bezeichnend dafür, dass wir unsere Daten vielfach irgendwo ins Internet stellen und uns keine Gedanken mehr darüber machen müssen, wo sie landen. Hand aufs Herz – wer liest sich schon die Geschäftsbedingungen (AGBs) durch, wenn er sich bei einem Webdienst einschreibt? Da könnte alles Mögliche drinstehen. BlackBerry etwa lässt sich bei der Installation der Geräte bestätigen, dass es die E-Mail-Anmeldedaten seiner Nutzer auf seinen eigenen Servern speichern darf. Nein, Cloud steht in der Regel auch dafür, dass unsere Daten irgendwo außer Reichweite landen und schnell mal eben vom Wind in alle Richtungen verteilt werden. Derart nebulös, wie unsere Daten gehandhabt werden, könnte man die Cloud auch als „Mist“ bezeichnen – gemeint ist natürlich der englische Begriff für Nebel.
Besonders brüskiert zeigt sich indes die politische Obrigkeit in Deutschland: Innenminister Friedrich reiste sofort in die USA und ließ sich dort von der B-Mannschaft der amerikanischen Regierung mit hohlen Phrasen und einem offiziellen Dementi abspeisen. Konsequenzen? Fehlanzeige. Auch Bundeskanzlerin Merkel kann bei ihrer Sommerpressekonferenz nichts sagen, außer dass die USA den Vorfall untersuchen wird und „auf deutschem Boden deutsches Recht gelten soll.“ Herzlichen Dank, das wussten wir auch vor PRISM.
Es bleibt die Frage, warum Friedrich und Merkel als Schafe im Wolfspelz auftreten. Liegt es vielleicht daran, dass Deutschland selbst genug auf dem Kerbholz hat mit seinem Bundestrojaner – jener Software, die heimlich seine Bürger ausspäht und Onlinedurchsuchungen innerhalb einer rechtlichen Grauzone ermöglicht? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Internet für Frau Kanzlerin „und für uns alle Neuland ist“. Zumindest war sie ehrlich. Während alle aufschrien, das könne im 21. Jahrhundert doch gar nicht sein, habe ich mich über diese Aussage gefreut. Zumindest eine Politikerin hat zugegeben, dass sie von den Dingen, über die sie entscheidet, keine Ahnung hat. Überhaupt: Würde man für jedes Mal, an dem ein Politiker oder sogenannter IT-Leiter das Wort „Cloud“ in den Mund nimmt und nicht weiß, wovon er da eigentlich spricht, eine E-Mail oder einen Chat so verschlüsseln, wie es angebracht wäre – die NSA und PRISM würden wohl verhungern.
Wobei wir beim Stichwort Hunger beim „Carnivore“-Programm des FBI wären (d.h. Fleischfresser). Das Programm fing mit teils dilettantischen Mitteln E-Mails ab und untersuchte diese auf verdächtige Begriffe. Es war von 1997 bis 2005 in Betrieb und wurde in der Folge durch ein besseres System ersetzt. Daneben gab und gibt es noch unzählige Überwachungssysteme der USA (aber nicht nur). Diese sind der Öffentlichkeit seit geraumer Zeit ein Begriff. Ist PRISM also neu? Sollten wir überrascht sein, dass man uns ausspioniert – oder zumindest so tun? Nicht wirklich.
Tatsache ist: Wir wollten und wollen Onlinedienste, die nichts kosten. In Wahrheit aber sind Daten die neue Währung, mit der wir für diese Dienste bezahlen. Was auch immer Unternehmen oder Regierungen damit machen, wir als Benutzer haben darüber keine Kontrolle mehr. Wenn wir schnüffelfrei kommunizieren wollten, könnten wir einfach unsere E-Mails, Chats und Dateien verschlüsseln. Sicher, das kostet etwas Zeit und einige Mühe. Wer das nicht macht und mit seinen Daten leichtfertig umgeht, darf sich nicht wundern. Im realen Leben gehen wir ja auch nicht so leichtfertig mit unseren Daten um. Oder würden Sie einem x-beliebigen Fremden auf der Straße sagen, wo Sie wohnen, wann Sie in den Urlaub fahren und vielleicht noch, dass der Schlüssel unter der Fußmatte liegt?
Übrigens: Dieser Kommentar wird im Internet landen. Vielleicht sollte ich noch die Begriffe „Bombe“ und „Bin Laden“ einbauen. Das habe ich hiermit erledigt – nun wird man ihn auch in den USA lesen.
Der Autor: Martin W. Angler ist der IT-Fachautor der SWZ. Er ist als freier Wissenschaftsjournalist und an der Europäischen Akademie Bozen als Projektleiter und Informatiker tätig.


















