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Die Frustertaler Straße

Während das Land im Pustertal mehrere hundert Millionen Euro in den Bau von Dorfumfahrungen steckt, wundern sich die allermeisten Wirtschaftstreibenden nach wie vor über die politische Fehlentscheidung. Sie sind überzeugt: Die Diskussion um eine Schnellstraße wird wiederkehren.

Christian Pfeifer von Christian Pfeifer
20. März 2015
in Mobilität
Lesezeit: 4 mins read

Bruneck/Bozen – Gäbe es das Mobiltelefon noch nicht, irgendein Pusterer würde es wohl erfinden. Die Pusterer – vor allem die Pusterer Wirtschaftstreibenden – telefonieren im Auto nämlich sehr viel. Sie „sparen“ sich Telefonate regelrecht für die Autofahrt auf. Sie wissen, am Steuer haben sie Zeit – sogar viel Zeit. Und mit den Telefonaten lässt sich die Zeit produktiv nutzen.

Als die SWZ im Rahmen der Recherchen für diesen Artikel Philipp Moser erreichte, war er gerade beschäftigt und versprach zurückzurufen. Er tat es – natürlich im Auto. Moser spricht gar nicht lange um den Brei herum: „Der sanfte Ausbau der Pustertaler Straße war eine der miserabelsten Entscheidungen, die je für das Pustertal getroffen wurden.“ Moser sitzt als IT-Unternehmer sowie Präsident des Südtiroler Wirtschaftsrings mehrmals pro Woche im Auto zwischen seinem Heimatdorf Welsberg und Bozen. Er muss eine der meistbefahrenen Straßen Südtirols ohne große Überholmöglichkeiten bewältigen und versteht genauso wie viele andere Pusterer Wirtschaftstreibende bis heute nicht, warum die Landespolitik damals – 2002 – kein Machtwort gesprochen hat wie einst bei der Schnellstraße MeBo im Etschtal. Während die Landespolitik im Etschtal nach 20 Jahren ergebnisloser Diskussion ein Machtwort sprach und sich trotz heftiger Proteste für eine vierspurige Schnellstraße zwischen Bozen und Meran aussprach, optierte sie im Pustertal ebenfalls nach 20 Jahren ergebnisloser Diskussion und unter dem Eindruck von Widerständen konsenssuchend für die kleine Lösung, sprich für Dorfumfahrungen und einen sanften Ausbau der bestehenden Straße zwischen Vahrn und Bruneck. Das Ergebnis: Während im Etschtal niemand mehr über die MeBo schimpft, fragen sich viele Pusterer Wirtschaftstreibende und Pendler, ob der Nutzen des beschlossenen Straßenausbaus die enormen Kosten wirklich rechtfertigt. Rund 350 Millionen wird der schrittweise Ausbau der Strecke zwischen Mühlbach und Innichen letztendlich gekostet haben (siehe beistehenden Infokasten). Mit diesem Geld werden zwar die Orte verkehrsberuhigt, aber wirklich zügiger ist der Verkehr bisher nicht geworden. Der Straßenausbau werde die Reisegeschwindigkeit auf 70 bis 80 Stundenkilometer erhöhen, versprachen Landestechniker 2002. Heute können die Pusterer darüber nur müde lächeln. Vielmehr stellen sie die Sinnhaftigkeit manches Teilprojekts in Frage, beispielsweise jenes des 26 Millionen Euro schweren Sonnenburgtunnels bei St. Lorenzen mit seiner (übertriebenen?) Geschwindigkeitsbegrenzung.

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Sicher, die Voraussetzungen im Pustertal waren damals nicht exakt dieselben wie im Etschtal. Und sicher, eine Schnellstraße zwischen Vahrn und Bruneck wäre zwangsläufig ein Eingriff in das Landschaftsbild gewesen und hätte unter Umständen zusätzlichen Verkehr angezogen. Aber: Ein landschaftlicher Eingriff sind letztendlich auch die großzügigen Dorfumfahrungen geworden, und Verkehr bedeutet immer auch wirtschaftliche Chancen und somit Arbeitsplätze. „Solange wir Erdbeeren nicht faxen und Bananen nicht mailen können, brauchen wir Verkehr“, sagte vor einigen Jahren der Gaiser Industrielle Christian Gartner äußerst treffend zur SWZ.

Gar einige Wirtschaftstreibende im Pustertal sind überzeugt, dass die Diskussion um eine Schnellstraße schon bald nach 2022, wenn alle geplanten Dorfumfahrungen verwirklicht sind, aufs Neue entflammen wird. Derzeit spricht niemand über das Thema. Das wäre auch völlig sinnlos, wo doch die Arbeiten für die Dorfumfahrungen laufen, welche die Landespolitik vor 13 Jahren als die bessere Alternative befunden hat.

Allerdings verbessert die halbe Verkehrslösung die Erreichbarkeit des starken Wirtschaftsstandortes Pustertal nur unwesentlich. Unglücklich mit der Verkehrssituation ist vor allem der Tourismus. „Unsere Mitbewerber sind viel einfacher erreichbar“, sagt der Pusterer HGV-Bezirksobmann Thomas Walch, der in Toblach das Viersternehotel Cristallo betreibt. Gerade angesichts kürzer werdender Aufenthalte sei die Erreichbarkeit ein Wettbewerbsfaktor. Martin Prugger vom Viersternehotel Post Tolderhof in Olang pflichtet bei: „Sechs Stunden von München nach Olang sind einfach zuviel.“ Nicht selten kämen Gäste schon verärgert an. Entflochtene An- und Abreisen, welche die üblichen Samstagsstaus vermeiden helfen, hält HGV-Bezirksobmann Walch für reines Wunschdenken: Einige Gäste könnten sicher dazu bewogen werden, die traditionellen Stoßzeiten zu meiden, aber insgesamt handle es sich um blasse Theorie. Das hat sich erst am vergangenen Samstag einmal mehr gezeigt. Freilich würde auch eine Pusterer Schnellstraße das touristische Samstagsproblem nicht lösen: Die Autos kämen dann zwar zügiger zur Autobahneinfahrt nach Vahrn, dann aber würde dort das unüberwindbare Nadelöhr noch problematischer, als es eh schon ist.

Vorerst haben sich die Pusterer ein Stück weit mit ihrer Verkehrssituation abgefunden. „Natürlich, Zeit ist Geld, aber unsere Mitarbeiter starten schon zeitig am Morgen, wenn sich der Verkehr in Grenzen hält“, erklärt Moritz Gamper, Verwaltungs- und Logistikdirektor beim Badspezialisten Innerhofer in Bruneck. Vor einigen Jahren haben die Freiheitlichen vorgerechnet, wie die Pustertaler Straße zum Wettbewerbsnachteil für Unternehmen werden kann: Demnach schickte das Unternehmen Südtirol Fenster damals täglich 38 Mitarbeiter auf die Strecke zwischen Gais und Vahrn. Hätten sie die Strecke anstatt in 50 in nur 30 Minuten zurückgelegt, hätte das Unternehmen 111.000 Euro Lohnkosten pro Jahr für unproduktive Fahrtzeiten gespart.

Trotzdem haben sich die meisten Wirtschaftstreibenden mit ihrer Straße arrangiert, zumindest bis auf Weiteres. Einer von jenen, die sich von der Pusterer Straße längst nicht mehr nervös machen lassen, ist der Toblacher Unternehmer und lvh-Präsident Gert Lanz. Er muss wie Philipp Moser mehrmals wöchentlich nach Bozen, trotzdem sagt er ganz unaufgeregt: „Es wäre sicher angenehm, ein paar Minuten schneller zu sein. Gleichzeitig frage ich mich, ob das wirklich notwendig ist. In Mailand ist es ja auch völlig normal, dass es bei den Stadtzufahrten zu Verzögerungen kommt. Im Pustertal steht niemand stundenlang im Stau, außer in den touristischen Stoßzeiten.“ Lanz würde sich wünschen, dass der Ausbau der Straße zügiger abgewickelt wird und dass zu Stoßzeiten mit einem Verkehrsleitsystem eingegriffen wird. Dann kann er mit dieser Straße gut leben. Andere können das weniger gut.

Schlagwörter: 11-15freenomedia

Info

Ausbau für 350 Millionen
Rund 350 Millionen Euro wird jener sanfte Ausbau der Pustertaler Staatsstraße am Ende gekostet haben, den die Landespolitik 2002 einer Schnellstraße nach MeBo-Vorbild vorzog. Das ist ein Batzen Geld und mehr als doppelt so viel wie ursprünglich geschätzt. Mehrere Umfahrungen wurden bereits fertiggestellt, vor allem fehlen aber noch die Umfahrungen von Kiens und Percha sowie die dringend notwendige neue Einfahrt ins Gadertal.
Unternehmen wir eine Fahrt von Vahrn nach Innichen: Die Umfahrung in Mühlbach wurde einst noch in den 1990er-Jahren von der Staatsstraßenverwaltung Anas realisiert – die Engstelle vor der Umfahrung möchte das Land ebenfalls noch entschärfen, aber wohl nicht vor 2019. Die Umfahrung von Vintl, die sich das Land rund 53 Millionen Euro kosten lässt, ist teilweise fertiggestellt: Seit 2011 rollt der Verkehr über die Umfahrung Niedervintl bis zur Lodenwelt, im Frühjahr 2016 müsste auch die Umfahrung Obervintl fertig sein, an der seit April 2014 gebaut wird.
Weiter geht es nach Kiens, dessen Umfahrung auf der Prioritätenliste des Landes weit vorne steht. Geplant ist, die Arbeiten 2016 auszuschreiben. Bis die Straße, die voraussichtlich um die 60 Millionen Euro kosten wird, befahrbar ist, werden noch Jahre vergehen. Seit 2010 befahrbar ist der umstrittene Tunnel unter der Sonnenburg bei St. Lorenzen, der inklusive Zufahrt nach St. Lorenzen 26 Millionen Euro gekostet hat. Weitere 73 Millionen sind gleich anschließend für die neue Einfahrt ins Gadertal mit Tunnel Pflaurenz veranschlagt, deren Bau heuer ausgeschrieben werden soll.
Bruneck wird schon seit 1988 umfahren. Heuer steht der Bau der Südausfahrt für sieben Millionen Euro an. Voraussichtlich 2017 werden laut Bautenprogramm des Landes die Arbeiten für die Umfahrung Percha ausgeschrieben, womit das 59-Millionen-Straßenprojekt 2018 in Angriff genommen und 2022 für den Verkehr freigegeben werden könnte.
Die Umfahrung Welsberg für 23 Millionen Euro ist seit August 2003 befahrbar. In Toblach sollen zwei neue Kreisverkehre ein flüssigeres Vorankommen sicherstellen – 2016 sollte die Ausschreibung der Arbeiten erfolgen. Niederdorf wird seit August 2005 umfahren, wobei das Projekt 35 Millionen Euro schwer war. Demnächst soll noch die Begradigung der Strecke zwischen Innichen und Vierschach erfolgen.

Ausgabe 11-15, Seite 4

Christian Pfeifer

Christian Pfeifer

Erste journalistische Gehversuche bei der Tageszeitung "Alto Adige", seit 1995 bei der SWZ, seit 2015 deren Chefredakteur. Moderiert nebenberuflich das Wirtschaftsmagazin Trend im Fernsehen von Rai Südtirol. Findet Ausgleich bei seiner Familie und beim Sport, vorwiegend bei Tennis, Ski und Langlauf.

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