Bozen – In den vergangenen Jahren war Italien kaum im Fokus von deutschen und österreichischen Unternehmen. „Ihr Interesse galt eher Russland, China oder Osteuropa; ihnen hat das Vertrauen in Italien – in die Rahmenbedingungen, die Politik und den Markt – gefehlt“, sagt Petra Seppi, Leiterin Business Development der Standortagentur BLS. „Doch nun spüren wir einen Wandel.“ Seit Ende vergangenen Jahres gebe es verstärkt Anfragen von Wirtschafts-, Industrie- und Handelskammern, die bei der BLS Informationen über den Wirtschaftsstandort Südtirol und seine Brückenfunktion zwischen Nord und Süd einholen und auch Interesse an Informationsveranstaltungen vor Ort haben. „Erst kürzlich hat einer unserer Mitarbeiter Südtirol bei einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer Sachsen vor Vertretern von 30 Unternehmen vorgestellt“, so Seppi weiter. „Und für die nächsten Wochen und Monate stehen einige weitere solcher Präsentationen auf dem Programm.“ Zum Beispiel wird Südtirol in der kommenden Woche von der BLS (gemeinsam mit IIT und GKN) in München erstmals in Deutschland als Innovationsstandort rund um das Thema Wasserstoff präsentiert.
Den Grund für die positive Einstellung gegenüber Italien ortet Seppi – neben der seit Jahren konsequenten Marktbearbeitung der BLS in Deutschland und Österreich und der Attraktivität des Standorts Südtirol als Brücke zwischen Norden und Süden – in der Arbeit der Regierung Renzi, die eine Situation geschaffen hat, die sich als politisch stabil abzeichnet und eine vermehrte Rechtssicherheit bietet. „Es sind letzthin einige Reformen umgesetzt und Hürden abgebaut worden, die uns als BLS das Standortmarketing erleichtern“, sagt die BLS-Managerin.
In den vergangenen Jahren habe sich die BLS dagegen schwerer getan, ausländische Unternehmen vom Standort Südtirol zu überzeugen. „Das Umfeld war – neben der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise und den disruptiven Technologien – geprägt von einem massiven Wirtschafts- und Vertrauensverlust in Italien“, sagt Seppi.
Derzeit werden von der BLS 33 Ansiedelungsprojekte betreut – 29 davon betreffen Unternehmen aus den „Kernmärkten“ der BLS, nämlich Italien (13 offene Projekte), Deutschland (10) und Österreich (6). Die vier restlichen Projekte verteilen sich auf je zwei Schweizer und zwei britische Unternehmen. „Bei etwa einem Drittel der aktuell von uns betreuten Projekte ist es sehr realistisch, dass sich die Unternehmen tatsächlich in Südtirol ansiedeln“, sagt Seppi.
Unter den betreuten Unternehmen sind einige von Südtiroler Besitzern bzw. Mitbesitzern. „Diese Südtiroler möchten ihren Lebensmittelpunkt wieder in ihr Heimatland zurückverlegen oder sich hier ein zweites Standbein aufbauen.“
Insgesamt begleitet die BLS im Jahr zwischen 50 und 100 Ansiedlungsprojekte, 2014 waren es beispielsweise 60. „Ob eine Ansiedelung dann tatsächlich klappt, hängt von verschiedenen Faktoren ab“, erklärt Seppi. „Ich kann mich an einige Projekte erinnern, die schlussendlich nicht zustande kamen, weil keine Mitarbeiter mit den geforderten Kompetenzen gefunden wurden.“ Überhaupt sei die Mitarbeitersuche ein „heikler Faktor“, da die häufig gesuchten technischen Profile, gepaart mit den nötigen Sprachkenntnissen, der Erfahrung und der Flexibilität, oft schwer zu finden seien.
Von 2012 bis 2014 wurden über die BLS 54 Unternehmen in Südtirol angesiedelt. „Davon sind 47 Unternehmen noch aktiv“, betont Seppi. Mehrere der Unternehmen sind Spin-offs von Universitäten oder erfolgreichen Unternehmen sowie Start-ups. Der stärkste Sektor ist Energie und Umwelt, gefolgt von IT. Grundsätzlich haben die Unternehmen, die sich für eine Ansiedlung in Südtirol entscheiden, mitarbeitermäßig eher kleine Dimensionen, wachsen schrittweise und benötigen dafür hochqualifizierte Mitarbeiter. Es werde zwar auch versucht, Produktionsbetriebe anzusiedeln, die Niederqualifizierten Arbeitsstellen bieten. „Denn die Südtiroler Arbeitslosen sind bekanntlich in diesem Segment zu finden. Allerdings sind wir in diesem Bereich absolut nicht konkurrenzfähig, weil die Immobilien- und Grundstückspreise für solche Unternehmen südlich von Salurn sehr viel niedriger sind“, führt Seppi aus.
Alles in allem sieht die Leiterin der BLS-Abteilung Business Development den positiven Trend. „Das Interesse auswärtiger Unternehmen am Standort Südtirol und am italienischen Markt steigt wieder“, unterstreicht Seppi. „Und wir von der BLS müssen Südtirol und seine Kernkompetenzen, die Brückenfunktion zwischen Norden und Süden, das Image als Green Region und das fruchtbare Netzwerk von Südtiroler F&E-Institutionen und Unternehmen weiterhin in den Fokus rücken.“
Die Auftragslage stimmt. Doch ob am Ende des Jahres die Bilanz auch positiv sein wird, steht noch in den Sternen.















