Tirol/Meran – Sonja Wopfner hält wenig vom oft gehörten Wehklagen darüber, dass es junge Menschen heute einfach schwerer hätten als ihre Eltern, damals vor 30 oder 40 Jahren. Die 19-Jährige aus Dorf Tirol hat im Juli die Matura mit der Höchstpunktezahl 100 bewältigt und lässt sich keine Zukunftsangst einreden. Steigende Jugendarbeitslosigkeit? Generation Praktikum? Unsichere Renten? „Unsere Eltern hatten sicher auch ihre Schwierigkeiten zu bewältigen, wahrscheinlich eben andere“, sagt Wopfner bestimmt. Natürlich habe sie Respekt vor dem, was kommt. „Aber ich denke, dass schon seinen Weg machen wird, wer bereit ist, Leistung zu bringen“, so Wopfner.
Ja, die Leistung. Sonja Wopfner ist die Siegerin des Wettbewerbs „Pro Excellentia“, den der Unternehmerverband und die Stiftung Südtiroler Sparkasse gemeinsam mit den Schulämtern heuer zum bereits neunten Mal ausgeschrieben haben (siehe Info „Zweifache Anerkennung für Leistung“). Ziel des Wettbewerbs ist es, leistungsbereite junge Menschen zu belohnen und gleichzeitig aufzuzeigen, dass es ein grober Fehler ist, die „Jugend von heute“ pauschal als verwöhnte Generation abzuurteilen, die die Leistungsbereitschaft und Leidensfähigkeit früherer Generationen vermissen lässt. Neben der Punktezahl bei der Matura werden im Rahmen des Wettbewerbs auch die außerschulischen Leistungen und die Noten aller Oberschuljahre berücksichtigt.
Sonja Wopfner war nach diesen Kriterien die allerbeste unter Südtirols besten Maturanten des abgelaufenen Schuljahres. Sie war die vierte „Super-Frau“ in Folge bei diesem Wettbewerb – der letzte männliche Sieger hieß 2009 Christian Seeber und stammte aus Sand in Taufers.
Seit ebenjenem Jahr 2009 trifft sich die SWZ alljährlich mit dem bzw. der Pro-Excellentia-Sieger/-in, um herauszufinden, wie fleißige, leistungsbereite, ehrgeizige Jungsüdtiroler von heute denken und ticken. Die Erkenntnis dieser Treffen ist stets gleich ermutigend: In der Jugend von heute finden sich durchaus intelligente und ehrgeizige Menschen, die zwar im Wohlstand aufgewachsen sind, davon aber nicht träge geworden sind – zu verdanken haben sie das sich selbst, aber in der Regel auch ihrem Umfeld.
Wir treffen Sonja Wopfner am Thermenplatz in Meran. Unscheinbar kommt die junge Frau daher, weitgehend schwarz gekleidet, das lange dunkle Haar sauber per Mittelscheitel getrennt. Den Drang aufzufallen hat die 19-Jährige wahrlich nicht. Trotzdem zeugen der kräftige Händedruck und der Augenkontakt von einem gesunden Selbstbewusstsein. Irgendwie strahlt Wopfner eine sympathische Mischung aus Zurückhaltung, beinahe Schüchternheit und Selbstsicherheit aus. Angst vor der ungewohnten Situation – Interview mit einem Journalisten! – scheint die junge Frau keine zu haben. Sie antwortet auf die Fragen sicher, ohne langes Überlegen und vor allem kurz. Die Antworten sagen alles, aber es kommt kein Satz zuviel, kein unnötiges Ausholen. Die Zeit ist zu wertvoll, als dass sie verplempert werden sollte!
Südtirols beste Maturantin hat die Fachoberschule für Soziales, kurz FOS, in Meran besucht, genauso wie Vicky Oberkofler aus Andrian, die 2010 die allerbeste Maturantin war. Die FOS scheint eine wahre Talentschmiede zu sein, und tatsächlich betont Wopfner, dass ihre (Ex-)Schule gute Schüler mit verschiedenen Angeboten fördere. Zum Beispiel hat Wopfner mehrmals die Gelegenheit gehabt, eine Woche lang im Jugendparlament der Alpenkonvention – an wechselnden Orten – mit Jugendlichen aus anderen Alpenländern über politische Themen zu diskutieren. „Die verschiedenen Sprachen an einem Ort, das war hochinteressant“, erinnert sich Wopfner, die sich selbst als politisch interessiert bezeichnet.
Sprachen sind das große Steckenpferd der Sonja Wopfner. Sie findet, dass Südtirol sein Privilegium, Heimat mehrerer Sprachen zu sein, viel zu wenig nutze. Sie findet, dass eine zweisprachige Schule eine Chance wäre und keine Gefahr für die Muttersprache. Und sie geht folgerichtig zum Sprachenstudium nach Triest. Die Schwerpunkte werden Englisch und Französisch sein, aber Wopfner freut sich auch, im italienischen Umfeld endlich perfekt Italienisch zu lernen. Zwar hat Wopfner den Zweisprachigkeitsnachweis A längst in der Tasche, allerdings ist sie selbstkritisch genug, um festzustellen, dass ihr Italienisch noch längst nicht perfekt ist. „Ich hatte zwar das Glück, gute Lehrer zu haben, auch habe ich mir passable Kenntnisse durch Lesen angeeignet, aber in meinem Umfeld habe ich einfach zu wenig Gelegenheit, italienisch zu reden – und Sprachen lernt man eben bei der praktischen Anwendung“, so Wopfner.
Eigentlich hat Sonja Wopfner an der FOS die touristische Fachrichtung besucht, passend zu ihrer Herkunft: Die Eltern führen das Gasthaus Longfall mit dazugehörigem Bauernhof im Spronsertal oberhalb von Dorf Tirol. Inzwischen weiß Wopfner, die eine ältere und eine jüngere Schwester hat, dass das Gastgewerbe nicht unbedingt das Ihrige ist. Sehr wohl aber die Sprachen, und dass es zum Studium ausgerechnet in eine Küstenstadt geht, ist für Wopfner so etwas wie die Kirsche auf der sprichwörtlichen Sahnetorte: „Wir sind eigentlich nie ans Meer gefahren, weil es zu Hause immer Arbeit gab.“ Wopfner ist es gewohnt, zu Hause anzupacken, egal ob im Gasthaus oder bei den Heuarbeiten. „Ein bisschen Arbeit hat noch niemandem geschadet“, grinst sie. Da ist sie wieder, die selbstverständliche Leistungsbereitschaft. Genauso, wenn sie über die Erwartungshaltung – die eigene und jene des gesamten Umfeldes – vor der Matura erzählt: „Natürlich entsteht ein Druck, ja nicht versagen zu dürfen, wenn alle sagen: ‚Du kriegst die 100 Punkte sowieso.’ Aber man muss eben lernen, mit Druck umzugehen.“
Aber wie wird man überhaupt die beste Maturantin Südtirols? Mit Ehrgeiz? Mit Fleiß? Mit Talent? „Es braucht von allem ein bisschen, und wenn einem das Lernen leicht fällt, dann ist dies von Vorteil“, so Wopfner nüchtern. Sie habe sich immer bemüht, im Unterricht aufzupassen, um möglichst viel mitzunehmen, und kontinuierlich zu lernen. Wopfner verrät diesbezüglich exakt dieselben „Tricks“ wie ihre Vorgängerinnen. Auch spricht sie – siehe da – exakt gleich wie ihre Vorgängerinnen vom „Glück, gute Lehrer gehabt zu haben“. Dann aber fügt sie hinzu: „Lernen ist Einstellungssache. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder du sitzt fünf Jahre Oberschule ab, oder du siehst das Lernen positiv.“ Irgendwie taugt die Botschaft nicht nur für Schüler, sondern auch für Berufstätige, die viel zu oft ihre Arbeitsstunden absitzen. Jedenfalls ist es in Wopfners Augen zu billig, immer nur der Schule die Schuld für mangelhafte Leistungen in die Schuhe zu schieben.
Wenn Wopfner weder lernt noch arbeitet, verbringt sie „am liebsten Zeit mit Menschen, die mir wichtig sind“. Sport zählt sie nicht zu ihren Hobbys, denn „Bewegung habe ich zu Hause schon genug“. Sehr wohl aber tankt sie Kraft bei Wanderungen oder Spaziergängen in der Natur.
Was bringt die Zukunft? Wopfner freut sich, ins kalte Wasser des Triester Studiums (nicht ins kalte Wasser der Adria) zu springen. Und sie geht davon aus, nachher ins schöne Südtirol zurückzukommen. Lehrerin würde sie gerne werden. In ihren Worten schwingt aber auch die leise Vorahnung mit, dass alles möglicherweise ganz anders kommt. In Triest wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, und mit dem Sprachenstudium stehen viele Wege offen. Die Wohnung in Triest hat Wopfner übrigens über Facebook gefunden. Sie schmunzelt: „Ich war einmal strikt gegen Facebook, dann ist mein Widerstand gebröckelt. Facebook hat Vor- und Nachteile. Aber zum Kommunizieren ist es echt kommod.“

















