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Die Ängste der Jungen

STUDIE – Die jungen Leute von heute sind keine ausgesprochenen Pessimisten, aber sie beurteilen ihre Aussichten sehr realistisch aufgrund von Fakten: Die Staaten sind hoch verschuldet, die Renten- und Sozialsysteme anspannt, die Klimaerwärmung macht Angst, die Veränderungsgeschwindigkeit ist enorm, kurz: Die Zukunft ist ungewiss.

Robert Weißensteiner von Robert Weißensteiner
9. August 2019
in Südtirol
Lesezeit: 4 mins read
Die Ängste der Jungen

Bozen – „Optimismus und Vertrauen erreichen beunruhigende Tiefstände.“ Mit dieser Feststellung fasst das große Beratungsunternehmen Deloitte die Ergebnisse seines „Global Millennial Survey 2019“ zusammen und spricht davon, dass da eine „gestörte Generation“ herangewachsen ist bzw. heranwächst. Junge Menschen in zahlreichen Staaten rund um den Erdball wurden befragt, um herauszufinden, wie sie ihre Lage beurteilen (siehe beigestellten Info-Block). Dabei zeigt sich: Die Einschätzungen der jungen Generationen haben sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert – und das in vielerlei Beziehung. Zwar gibt es erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Staaten (die Bewohner der Schwellen- und Entwicklungsländer sind sehr viel optimistischer als jene der hoch entwickelten Staaten), aber unterm Strich haben die jungen Leute manche bangen Fragen bezüglich der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage in ihren Ländern und der globalen Entwicklung. Ihr Vertrauen darauf, dass es Regierungen, Unternehmen, Zentralbanken oder Gewerkschaften „schon richten“ werden, nimmt laufend ab.

Nur 26 Prozent der Befragten weltweit denken, dass sich die Wirtschaft künftig positiv entwickeln wird (gar nur 14 Prozent sind es in Deutschland). Und lediglich 22 Prozent der Millennials und 18 Prozent der Generation Z glauben, dass sich die politische und soziale Lage verbessern wird (in Deutschland sind es 10 bzw. 7 Prozent). Es ist davon auszugehen, dass die Einschätzung junger Südtiroler nicht deutlich anders ausfällt. Besonders besorgt sind die Jungen wegen der Folgen des Klimawandels, aber auch Themen wie Terrorismus, politische Instabilität und Kriegsängste beschäftigen sie.

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Die Ergebnisse der Studie zeugen von einem spürbaren Rückgang des Optimismus. Dabei ist dieser das Fundament, auf dem Zukunft gebaut wird. Ohne Glauben daran, dass es nicht schlechter wird, ja, dass es aufwärts gehen wird, weil es neue Lösungen für die aktuellen Probleme gibt, kann kein Gemeinwesen gedeihen und kein Wirtschaftssystem funktionieren.

„Makroökonomische und viele alltägliche Ängste belasten die Millennials und die Generation Z“, heißt es im Bericht. Und weiter: Die Jungen haben stark eingetrübte Erwartungen gegenüber der Wirtschaft. Es handelt sich um die niedrigsten Werte, die Deloitte seit Beginn der Befragung (der Report liegt in seiner achten Ausgabe vor) zu verzeichnen hatte.

Viele der Befragten sind enttäuscht darüber, dass die Wirtschaftskapitäne andere Prioritäten setzen als sie selbst, und meinen, dass jene Unternehmen, die die Bedürfnisse der jungen Menschen kennen und auf sie eingehen, erfolgreicher sind als jene, die dies nicht tun, weil es ihnen gelingt, Talente zu gewinnen und zu binden. Von einem Arbeitsplatz erwarten die Jungen nicht bloß eine angemessene, leistungsgerechte Bezahlung, sondern auch ein hohes Maß an Flexibilität in der Gestaltung der Arbeitszeit und die Übertragung von Verantwortung.

„Millennials beurteilen das Handeln der Unternehmen zunehmend kritisch, zum Teil aufgrund ihrer Einschätzung, dass diese sich ausschließlich auf ihre eigenen Ziele konzentrieren und dabei die Folgen für die Gesellschaft ignorieren“, heißt es in der auf Deutschland bezogenen Auswertung der Studie. Lediglich 55 Prozent der weltweit Befragten sind der Meinung, dass Unternehmen einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben – im Vorjahr waren es noch 61 Prozent. In Deutschland glauben gar nur 47 Prozent an eine positive Auswirkung der Unternehmen auf die Gesellschaft.

Die Mehrheit der befragten jungen Leute weltweit sagt, dass sie solche Unternehmen fördern und unterstützen wollen, die sich an ihren Werten orientieren und einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft anstreben, die ethisch einwandfrei handeln, sich stärker im Umweltschutz engagieren, weniger darauf fokussiert sind, Gewinne zu machen, und eine bessere Balance finden zwischen legitimen betriebswirtschaftlichen Zielen und sozialer Verpflichtung. Viele Millennials und Gen Zs sagten aus, als Verbraucher die Beziehung zu solchen Unternehmen einschränken oder beenden zu wollen, deren Geschäftspraktiken oder Werte nicht ihren Vorstellungen entsprechen.

Wir sprechen heute von einer disruptiven Wirtschaft. Das, was bis gestern galt, zählt heute nicht mehr, neue Technologien, neue Geschäftsfelder, neue Produkte und Dienstleistungen, neue Märkte treten an die Stelle der alten. Dies alles erzeugt Veränderungsdruck und stellt die Menschen insbesondere im Erwerbsleben vor neue Herausforderungen. Viele junge Leute fragen sich, ob sie genügend darauf vorbereitet werden, sich in der Economy 4.0 zu behaupten, die gekennzeichnet ist von künstlicher Intelligenz bzw. selbst lernenden Maschinen. Viele der für den Millennial Survey befragten jungen Leute, die derzeit noch nicht im Arbeitsleben stehen (also studieren oder eine Ausbildung machen), zweifeln, dass sie über die passenden Skills und Fähigkeiten für die künftige Arbeitswelt verfügen. Eine diesbezügliche bessere Vorbereitung erwarten sie überraschenderweise weniger von der Schule als viel mehr von den Unternehmen.

Die jungen Generationen sind wie erwähnt mit den neuen Technologien aufgewachsen und schätzen deren Vorteile. Gut 70 Prozent der Befragten äußern sich positiv zur persönlichen Nutzung von digitalen Geräten und sozialen Medien. „Die Liebe-Hass-Beziehung“ (so der Bericht zur Studie) wird aber dadurch deutlich, dass mehr als die Hälfte auch sagt, Social Media würden insgesamt mehr schaden als nützen. Und fast zwei Drittel schätzen, dass sie gesünder und wohl auch zufriedener wären, wenn sie weniger Zeit für derartige Kontakte aufwenden würden.

Die jungen Generationen wachsen in Zeiten eines umfassenden Wandels in unserem täglichen Leben, im Beruf und im privaten Umfeld auf. Die Veränderungen erzeugen Unsicherheit (wo der Mensch doch auf Sicherheit programmiert ist!), und diese Unsicherheit beeinflusst die Ansichten über Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Eine Folge ist die Abwendung von den traditionellen großen Parteien. Damit einher geht auch eine zunehmende Radikalisierung, wobei jenen vertraut wird, die „ausmisten“ wollen und einfache Lösungen für komplexe Fragen anbieten. Zugleich sehen sich die älteren Generationen immer öfter mit dem Vorwurf konfrontiert, den Jungen zwar eine Welt mit einem noch nie dagewesen Wohlstandsniveau zu hinterlassen, aber ein System, das nicht nachhaltig ist und zu viele Ressourcen verbraucht, auf Schulden baut, von Exzessen gekennzeichnet ist (die Superreichen werden immer reicher) und den Jungen Lasten aufgebürdet hat, die diese nicht tragen können.

Das Thema ist längst auch in der Südtiroler Politik angekommen. Um sicherzustellen, dass auch kommende Generationen noch ein in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht lebenswertes Land vorfinden, will die Landesregierung zusammen mit den Sozialpartnern und verschiedenen Organisationen einen Nachhaltigkeitspakt ausarbeiten, der Südtirol enkeltauglich macht. Dabei geht es um Themen wie Erderwärmung, demografischer Wandel, Digitalisierung, Wettbewerbsfähigkeit und andere Zukunftsfragen.

Info: Die Optimisten leben anderswo

Schlagwörter: 132/19free

Info

Die Studie
Das Beratungsunternehmen Deloitte hat für seinen „Global Millennial Survey 2019“ weltweit über 16.000 Millennials und Vertreter der Generation Z befragt, darunter rund 500 in Deutschland, 400 in Italien und 300 in Österreich. Unter Millennials, auch Generation Y oder Digital Natives genannt, versteht man jene Generation, die in etwa zwischen 1980 und 2000 geboren wurde, also bereits von ihrer Schulzeit an mit der beginnenden Digitalisierung und weltweiten Vernetzung vertraut sind. Der Generation Z (kurz auch Gen Z genannt) wird die Nachfolgegeneration zugerechnet, also jene, die seit 2000 zur Welt gekommen ist. Ein Teil von ihr ist heute zwischen 16 und 19 Jahre alt. Diese Jugendlichen kennen kaum noch analoge Techniken und sind schon als Kinder mit Dingen wie dem mobilen Internet und sozialen Netzwerken vertraut geworden.
Robert Weißensteiner

Robert Weißensteiner

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