Bozen – Der Südtiroler Weiterbildungsmarkt ist so lebendig wie umkämpft. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt – befeuert durch Online-Plattformen, digitale Lernportale und internationale Konkurrenz. Wer bestehen will, braucht ein klares Profil, Qualität und Sichtbarkeit. Zwischen wachsenden Erwartungen, technologischem Wandel und einer steigenden Zahl an Angeboten zeigt sich: Lernen ist zum Wirtschaftsfaktor geworden – und zugleich zur gesellschaftlichen Notwendigkeit.
„Weiterbildung ist kein Luxus, sondern Zukunftssicherung. Für Unternehmen ebenso wie für die Gesellschaft.“ Christine Platzer
„Wir verzeichnen seit drei Jahren einen durchschnittlichen Zuwachs von fast zehn Prozent bei unseren Veranstaltungen“, sagt Christine Platzer, Direktorin des Wifi der Handelskammer Bozen. Doch die wachsende Vielfalt hat ihren Preis. „Wenn zehn Anbieter denselben Kurs anbieten, entsteht natürlich ein Überangebot“, so Platzer.
Für sie ist klar: „Weiterbildung ist kein Luxus, sondern Zukunftssicherung. Für Unternehmen ebenso wie für die Gesellschaft.“ Und sie betont: „Als nicht gewinnorientierte Einrichtung können wir Themen aufgreifen, die privatwirtschaftlich oft nicht rentabel sind, aber gesellschaftlich relevant.“
Ein Markt im Wandel

Südtirol gilt seit jeher als Weiterbildungsland – auch, weil Förderungen und öffentliche Unterstützung den Zugang erleichtern. Gleichzeitig hat die Digitalisierung den Markt geöffnet, aber auch unübersichtlicher gemacht. Kurt Jakomet, Direktor der Lichtenburg in Nals, beobachtet dieselbe Entwicklung: „Wir merken, dass der Markt dynamisch, aber auch herausfordernd geworden ist. Immer mehr Anbieter buhlen um Aufmerksamkeit, viele springen auf Trendthemen auf. Doch am Ende zählt nicht, wer am lautesten ruft, sondern wer Substanz bietet.“ Qualität und Praxisbezug sind für ihn die Währung der Zukunft: „Theorie ist schön – aber Unternehmen und Mitarbeitende wollen das Gelernte umsetzen können.“
„Am Ende zählt nicht, wer am lautesten ruft, sondern wer Substanz bietet. Theorie ist schön – aber Unternehmen und Mitarbeitende wollen das Gelernte auch umsetzen können.“ Kurt Jakomet
Benjamin Astner, Direktor des Bildungshauses Kloster Neustift, betont: „Fort- und Weiterbildung haben in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Viele Menschen spüren den Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt und sehen Bildung zunehmend als Möglichkeit, Orientierung und Handlungskompetenz zu erlangen.“
„Viele Menschen spüren den Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt und sehen Bildung zunehmend als Möglichkeit, Orientierung und Handlungskompetenz zu erlangen.“ Benjamin Astner
Von einer Marktsättigung könne derzeit keine Rede sein – vielmehr veränderten sich der Markt und das Verhalten der Interessierten. „Anmeldungen erfolgen immer kurzfristiger, und die Nachfrage in den Bereichen Kommunikation, Führung, Nachhaltigkeit, mentale Gesundheit sowie persönliche Entwicklung im Berufsleben steigt überdurchschnittlich.“

KI, Resilienz und Nachhaltigkeit als Taktgeber
Trends entstünden derzeit fast im Monatsrhythmus. „Das Zauberwort heißt KI“, sagt Platzer mit einem Lächeln. „Alles, was mit künstlicher Intelligenz und digitalen Arbeitstechniken zu tun hat, ist extrem gefragt.“ Doch nicht nur Technologie bewege die Menschen, meint Platzer: „Ebenso boomen Themen rund um Resilienz, Stressmanagement und produktives Arbeiten. Der Druck im Arbeitsleben ist enorm, viele suchen nach Strategien, um besser damit umzugehen.“
„Das Zauberwort heißt aktuell KI.“ Christine Platzer
Auch Benjamin Astner beobachtet einen Paradigmenwechsel: „Menschen wollen nicht nur Wissen erwerben, sondern Werkzeuge, um in einer komplexen, schnellen Arbeitswelt stabil und wirksam zu bleiben.“ In Neustift wachse zudem das Interesse an Nachhaltigkeit: „Mit unserem neuen Zentrum für Bildung für nachhaltige Entwicklung verbinden wir Bildung mit gesellschaftlicher Verantwortung.“
„Menschen wollen nicht nur Wissen erwerben, sondern Werkzeuge, um in einer komplexen, schnellen Arbeitswelt stabil und wirksam zu bleiben.“ Benjamin Astner
Trotz aller Digitalbegeisterung erlebt das klassische Präsenzseminar eine Renaissance. „Unsere Kundinnen und Kunden haben den Mehrwert des persönlichen Austauschs schätzen gelernt“, sagt Christine Platzer. „Im Seminarraum bin ich konzentriert, kann Fragen stellen, mich vernetzen.“ Etwa ein Viertel der Wifi-Kurse findet heute online statt, die Mehrheit bleibt in Präsenz. „Die Mischung aus beidem hat sich etabliert“, so Platzer. „Hybrid-Angebote hingegen sind weniger gefragt.“
Profil zeigen, statt Bauchladen öffnen

Der Markt wird sich weiter differenzieren, davon ist Platzer überzeugt. „In Zukunft wird es noch wichtiger, ein klares Profil zu haben. Wer für alles steht, steht für nichts.“ Und trotz aller KI-Euphorie bleibt sie realistisch: „In ein paar Jahren wird KI kein Schlagwort mehr sein, sondern selbstverständlich in allen Bereichen mitgedacht werden – wie heute das Internet.“
Was die KI aber nicht kann, ist Trainer:innen ersetzen. Die Suche nach qualifizierten Referentinnen und Referenten bleibt schwierig. „Das ist unsere größte Herausforderung“, sagt Platzer. „Wir sind als öffentliche Einrichtung an viele Vorgaben gebunden, aber wir bieten eine starke Plattform und hohe Sichtbarkeit.“ Astner ergänzt: „Trainer:innen werden künftig weniger Wissensvermittler sein, sondern Lernbegleiter und Impulsgeber. KI kann sie dabei unterstützen, aber sie darf den menschlichen Aspekt nicht verdrängen. Bildung lebt von Beziehung, Vertrauen und Inspiration.“
Lernen neu denken
Der Wandel betrifft also nicht nur Methoden und Technologien, sondern auch die Haltung zum Lernen selbst. Wer Bildung zukunftsfähig gestalten will, muss sie neu denken. „Gerade im Arbeitsalltag müssen wir Wege finden, Lernen zu integrieren. Wissen allein reicht nicht – es muss reflektiert und angewendet werden“, so Platzer.
„Weiterbildung ist die Voraussetzung dafür, dass wir als Menschen, Unternehmen und Gesellschaft mit der Geschwindigkeit des Wandels mithalten können.“ Christine Platzer
Der Blick über die Grenzen zeigt, wohin die Reise geht: „Im Ausland sehen wir einen klaren Trend zu modularen Lernwegen und Micro-Learning“, erklärt Benjamin Astner. „Teilnehmende wollen Inhalte und Tempo selbst bestimmen. Diese Form der personalisierten Weiterbildung wird auch bei uns an Bedeutung gewinnen.“ Zudem wachse der Trend zu interdisziplinärem und transformativem Lernen – Bildung, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern Haltungen verändert.
Der Südtiroler Weiterbildungsmarkt bleibt in Bewegung – zwischen Professionalisierung und Überangebot, zwischen digitaler Effizienz und menschlicher Begegnung. Oder, wie Platzer es auf den Punkt bringt: „Weiterbildung ist die Voraussetzung dafür, dass wir als Menschen, Unternehmen und Gesellschaft mit der Geschwindigkeit des Wandels mithalten können.“















