Bozen – Schüleraustausche gibt es zuhauf, und zumeist erfolgen sie zwischen verschiedensprachigen Schulen. Aber ein Lehreraustausch? Auf dieses Experiment haben sich die Wirtschaftsfachoberschule Bozen „Heinrich Kunter“ und das Istituto Tecnico Economico „Cesare Battisti“ heuer eingelassen. Die beiden Oberschulen stehen Mauer an Mauer und arbeiten schon seit Jahren zusammen, beispielsweise mit gemeinsamen Theateraufführungen und Konzerten sowie einem Austauschjahr, bei dem Viertklässler ein Schuljahr in der jeweils anderen Schule absolvieren können. Nun aber gingen erstmals nicht einzelne Schüler in die jeweils andere Schule, sondern die Lehrer. Zweieinhalb Monate lang genossen deutschsprachige Schüler der vierten und fünften Klassen mehrere Unterrichtsstunden in den Fächern Geschichte, Betriebswirtschaft, Informatik, Rechtskunde, Mathematik und Sport in Italienisch – und italienischsprachige Schüler in Deutsch.
Es war komplettes Neuland, das die beiden Schulen da betraten. Entsprechend groß waren die Fragezeichen. Jetzt, nach Abschluss des Projekts, wird sowohl in der WFO Bozen als auch im ITE Battisti eine überaus positive Bilanz gezogen. Die beiden Direktoren Barbara Pobitzer Stampfl und Bruno Franceschini sagen einhellig: „Wir machen ganz sicher weiter.“ Im Raum steht sogar eine Erweiterung des Sprachprojekts auf die dritten Klassen im kommenden Schuljahr. Sowohl die Lehrer als auch die Schüler sprechen von einer Bereicherung, berichten Pobitzer und Franceschini. Die Schüler hätten beispielsweise Fachbegriffe in der jeweils anderen Sprache kennengelernt, was für das spätere Berufsleben gerade in einem mehrsprachigen Land wie Südtirol von Bedeutung ist. Sie hätten auch neue Sichtweisen bestimmter Inhalte präsentiert bekommen, etwa in Geschichte. Genauso sei die Initiative ein Beitrag dazu gewesen, die Mündlichkeit zu fördern und die Angst vor Fehlern beim Reden abzubauen. Bruno Franceschini sagt: „Meines Erachtens war auch die Botschaft wichtig, dass die Lehrer keine Furcht davor haben, sich die Hände schmutzig zu machen und in eine andere sprachliche Realität einzutauchen.“ Gerade dieses Eintauchen in ein anderes Umfeld sei für die Lehrer eine Erfahrung gewesen, heißt es.
So weit, so gut. Sowohl Pobitzer als auch Franceschini wissen, dass die räumliche Nähe allein noch keine Garantie für das Funktionieren der sprachgruppenübergreifenden Initiative war. Entsprechend unterstreichen sie die Offenheit der jeweils anderen Schule – und vor allem des Lehrpersonals. Als die Initiative an den beiden Schulen vorgestellt und in die Runde gefragt wurde, welche Lehrer sich freiwillig am Experiment beteiligen wollen, gingen mehr Hände nach oben als erwartet. Am Ende wurde ein Projekt für zehn Lehrer pro Schule ausgearbeitet. „Die Stundenpläne mussten abgestimmt werden, auch mussten die Lehrer eine gewisse Flexibilität an den Tag legen, etwa bei den Freistunden“, so Pobitzer, die aber hinzufügt: „Wir wären schön blöd, wenn wir die Disponibilität der Nachbarschule nicht nutzen würden.“ Einen ähnlichen Satz sagt wenig später im ITE Battisti auch Bruno Franceschini. Und ähnliche Sätze hat schon oft Franceschinis Vorgänger Alberto Del Corso gesagt, der mit Pobitzer die Weichen für die Initiative gestellt hatte und derzeit in Zürich arbeitet.
Die Selbstverständlichkeit, mit der die verschiedensprachigen WFO Bozen und ITE Battisti ihre räumliche Nähe zu einer echten Nähe zu machen versuchen, ist erfrischend. Selbstverständlich ist sie nicht. Gerade in Südtirols deutscher Schulwelt herrscht – geschichtlich bedingt – eine gewisse Angst vor der Aufweichung des muttersprachlichen Unterrichtsprinzips, während die italienische Schule offensiver mit der sogenannten CLIL-Methodik (oft auch Immersion genannt) umgeht, sprich mit dem Fachunterricht in einer Zweitsprache. Freilich ist es nicht so, dass der Gesetzgeber den CLIL-Unterricht verbieten würde, im Gegenteil. Im Landesgesetz 11/2010 heißt es in Artikel 7: „Die Schulen eines bestimmten Gebietes, auch unterschiedlicher Unterrichtssprache, arbeiten zur Umsetzung gemeinsamer Projekte zusammen.“ Und in einem Beschluss der Landesregierung von 2013 (Nr. 1034) mit dem Titel „Sprachprojekte und Sachfachunterricht mit der CLIL-Methodik an den deutschsprachigen Grund-, Mittel- und Oberschulen“ wird der Fachunterricht in der zweiten Sprache ausdrücklich erlaubt, freilich nicht ohne den obligatorischen Verweis auf den Artikel 19 des Autonomiestatuts, der den muttersprachlichen Unterricht als hochheiliges Grundprinzip festschreibt.
Ist Barbara Pobitzer mutiger und experimentierfreudiger als die meisten anderen Verantwortlichen an Südtirols deutscher Schule? Pobitzer lacht, wenn ihr diese Frage gestellt wird. Dann antwortet sie: „Unsere Schüler haben schon immer noch genug Unterricht in ihrer Muttersprache. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Wirtschaft mehrsprachige Arbeitskräfte benötigt und es unsere Aufgabe ist, die jungen Menschen möglichst gut auf das spätere Berufsleben vorzubereiten.“ Ähnlich sieht es ihr Kollege Franceschini: „Wir müssen den jungen Leuten vermitteln, wie wichtig Sprachkenntnisse für ihr Leben sind.“
Auch diese Absicht steckt hinter der Initiative von WFO Bozen und ITE Battisti. Vielleicht ist es sogar das Hauptziel. Niemand durfte sich erwarten, dass die Schüler wegen ein paar Stunden Fachunterricht in der Zweisprache plötzlich perfekt Italienisch bzw. Deutsch sprechen. „Neben dem sprachlichen hat das Projekt einen kulturellen Hintergrund: Wir möchten Barrieren abbauen“, so Pobitzer – sprachliche Barrieren und menschliche Barrieren. „Die Herausforderung ist, eine positive Einstellung gegenüber anderen Sprachen zu fördern und Sprachkompetenzen als Chance darzustellen“, ergänzt Franceschini.
Bei einem Treffen in der WFO Bozen zeigte sich übrigens auch Schulin- spektorin Charlotte Ranigler zufrieden mit den Projektergebnissen. Sie kündigte an, dass es künftig gezielte Fortbildungen geben soll, um die Lehrkräfte bei solchen Initiativen zu unterstützen. Dass es etwas anderes ist, in einer fremden und darüber hinaus anderssprachigen Schule zu unterrichten, stellten nämlich auch die Lehrer fest. Bruno Franceschini sagt: „Niemand darf glauben, dass ein Lehrer in einer solchen Situation ganz normal seinen Unterricht abspulen kann.“
Info
Bitte mehr davon!
Es ist eine der Gretchenfragen der heutigen Schulwelt, gerade im mehrsprachigen Südtirol: Wie kann die sprachliche Gewandtheit der Schüler derart gefördert werden, dass sie den Anforderungen der modernen Berufswelt genügt? Sprachen sind in einer globalisierten Welt wichtiger denn je, sie sind sogar mitentscheidend für Karrierechancen, abgesehen davon, dass sie eine persönliche Bereicherung darstellen. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass die Sprachkenntnisse der jungen Südtiroler vielfach bescheidener sind, als dies in einem Land, in dem mehrere Sprachgruppen seit Jahrzehnten friedlich nebeneinander leben, zu vermuten wäre. Irgendwie kann Südtirol seinen „Wettbewerbsvorteil“ nicht hundertprozentig ausreizen.
Freilich wäre es falsch, die ganze Schuld daran bei der Schule zu suchen. Aber je mehr Schulinitiativen es gibt, die die Begegnung mit anderen Sprachen zur Selbstverständlichkeit machen, desto mehr werden Barrieren abgebaut – Sprachbarrieren, aber auch Barrieren in den Köpfen, die den Südtirolern noch viel zu oft im Wege stehen.
Die Schule lässt sich glücklicherweise immer öfter auf sprachliche Experimente ein. Der Lehreraustausch von Wirtschaftsfachoberschule Bozen „Heinrich Kunter“ und Istituto Tecnico Economico „Cesare Battisti“ ist ein exzellentes Beispiel dafür. Wir sollten keine Angst vor solcherlei Initiativen haben. Unsere Muttersprache lernen wir deshalb nicht schlechter – im Gegenteil, vielleicht lernen wir sie sogar besser.
Christian Pfeifer














