Demnächst beginnt die Weinlese. Zum letzten Mal werden ich und meine Helfer uns dabei auf einem Teil meines Gutes unter den Pergeln bücken, um den Vernatsch zu ernten, den meine Familie hier seit Jahrzehnten anbaut. Nach Allerheiligen, wenn die Lese vorbei ist, werde ich nämlich mit den Rodungsarbeiten beginnen und die Anlage gewissermaßen dem Erdboden gleichmachen, um dann neue Reben zu pflanzen, Reben einer anderen Sorte und mit einer anderen Erziehung, wie das genannt wird. Merlot soll ich pflanzen, hat mir meine Kellereigenossenschaft empfohlen (ja, geradezu befohlen), und das auf Spalier, wie es der französische Arzt, Physiker und Wissenschaftler Jules Guyot schon vor 150 Jahren für Keltertrauben in vielen Lagen angeregt hat, weil dieses Erziehungssystem seinen Weinbaustudien zufolge die qualitativ besten Ergebnisse bringt. Die Trauben hängen dann nicht mehr unter dem Dach der Pergel, sondern reifen an einem senkrechten Rahmen. Ich habe mich ja an die Pergeln gewöhnt, muss aber mit der Zeit gehen, um nicht mit der Zeit gehen zu müssen, wie Ökonomen in der Sprache des Volkes sagen, um auszudrücken, dass sich alles ändern und besser werden muss.
„Der Merlot und das Spalier“, hat mir die Kellerei mitgeteilt, „sind die in diesem Gut aufgrund von Bodenbeschaffenheit und Ausrichtung idealsten Lösungen, die Erlöse sind besser und der Arbeitsaufwand ist geringer.“ Sie haben ja Recht, die von der Kellerei, wenn ich auch mit dem Herzen am Vernatsch und an den Pergeln hänge – und mir oft die Frage stelle, ob sich wirklich immer mehr Verbraucher für diese neuen, zuweilen aber deutlich teureren Weine entscheiden. Ich muss mich aber wohl fügen, denn viele Nachbarn haben schon umgestellt, und mein Sohn, dem ich demnächst den Hof überschreiben werde, drängt mich, endlich zu handeln.
Ich weiß, dass die „Empfehlung“ der Genossenschaft vernünftig ist, aber irgendwie fühle ich mich entmündigt. Wenn ich mir es so recht überlege, bin ich schon längst ein Befehlsempfänger, denn im Weinberg und auf der Obstwiese tue ich eigentlich nur noch das, was mir mit modernen Kommunikationsmitteln angeordnet wird. Was an Investitionen zu tätigen ist, um die notwendigen Veränderungen herbeizuführen, erfahre ich in Beratungsgesprächen mit freundlichen und kompetenten Fachleuten, und was gerade zu tun ist, das wird mir per SMS mitgeteilt – von den Maßnahmen zur Schädlingsbekämpfung bis zu den Ernteterminen. So kommt es, dass ich von Montag bis Mittwoch die letzten Gala-Äpfel klaube und von Donnerstag bis Samstag den Weißburgunder hinten am steinigen Hang lese, wo die Trauben besonders früh reifen. Aus organisatorischen Gründen in der Verarbeitung darf ich mit meinen Trauben keinen Tag zu früh oder zu spät kommen.
Ich bin Mitglied von Genossenschaften – mit vielen Vorteilen, aber ein freier Bauer, das ist etwas anderes. Manchmal fühle ich mich wie ein Arbeitnehmer, denn an vielen Tagen im Jahr führe ich genau das aus, was mir andere mitteilen.
Dabei ist es nicht so, dass ich nichts selbst entscheiden könnte. Es liegt an mir, ob ich Hagelnetze anbringe oder eine Hagelversicherung bevorzuge, ich entscheide, ob ich die Reben schon vor Weihnachten oder erst Anfang Februar schneide, welchen Traktor und welchen Spritzwagen ich kaufe und ob ich verzweifelt nach einheimischen Klaubern suche oder doch lieber Slowaken nehme. Darüber hinaus ist mein Entscheidungsspielraum aber gering. Würde ich mich den Empfehlungen aus der Genossenschaft widersetzen, könnte ich gleich einpacken. Ein Landwirt im Obst- und Weinbaugebiet, der auf sich alleine gestellt ist, ist ein armer Teufel, genauso wie der Bergbauer, der nicht Mitglied einer Sennereigenossenschaft ist (Ausnahmen bestätigen die Regel!).
Nein, nein, ich klage nicht, nicht über mein Schicksal und nicht über die Genossenschaften, denn diese sind wertvoll und unerlässlich, die Mitgliedschaft ermöglicht mir ein zufriedenstellendes Auskommen mit dem Einkommen. Ich war selbst viele Jahre lang im Vorstand und weiß, dass (fast) alles sinnvoll und notwendig ist, was da empfohlen wird. Als Einzelkämpfer wären wir Landwirte und Bauern schon längst den aufgewühlten Marktbach hinuntergespült worden. Aber mir wird halt zuweilen ein wenig wehmütig, denn so richtig Herrscher auf meinem Hof bin ich längst nicht mehr, und wenn ich jetzt an meinen Sohn übergebe, dann räume ich für ihn in einem gewissen Sinn meinen Arbeitsplatz bei der Genossenschaft, denn dann ist er es, der auf Gedeih und Verderb von der Genossenschaft abhängt, auch wenn er und die anderen Mitglieder eigentlich die Genossenschaft sind.
Was mich tröstet, ist der Blick auf jene, die sich frei nennen, etwa die „Freien Weinbauern“ (ein guter Freund von mit gehört diesen an). Sicher: Sie haben etwas mehr Spielraum als wir, aber auch sie müssen sich eisernen Regeln unterwerfen – den Regeln des Marktes.
Der Südtiroler Unternehmer Hannes Loacker nennt seine Mitarbeiter „Mitunternehmer“, um auszudrücken, dass sie mitdenken. In diesem Sinne sind wir selbstständigen Landwirte „Mitarbeiternehmer“, denn zuweilen denken andere für uns und wir übernehmen die ausführende Arbeit.
So fließt alles ineinander: Arbeitnehmer sind ein wenig Unternehmer, Selbstständige ein wenig Arbeitnehmer. Das ist vielleicht auch ganz gut so, denn wir sitzen letztendlich im selben Boot.
Aufgezeichnet nach der Lageschilderung eines nachdenklichen Landwirtes von


















