Bozen – Bis in die 1970er-Jahre hinein studierten nur wenige Südtiroler an einer Universität – da war ein Doktor noch ein Doktor. Dann hat so nach und nach ein Run auf die Unis und Hochschulen eingesetzt, die Magister und Diplomierte entlassen, und bei der gegenseitigen Anerkennung der Titel entstanden Ungereimtheiten: Magistern wurde zum Beispiel von italienischen Unis der akademische Titel Laurea und der Grad dottore bescheinigt. Jeder Südtiroler Akademiker glaubte sich daher befugt, diesen Grad in „Dr.“ umwandeln zu können – was aber nicht korrekt ist. Denn dott. ist nicht gleich Dr., auch wenn sich der Unterschied nicht jedem gleich erschließt.
Seit der Studienreform mit der Trennung in Bachelor und Master ist die Doktorenflut noch größer geworden. Wer von den SWZ-Lesern hat sich nicht schon beim Anblick der Signatur eines Verwaltungsbeamten, Mittelschullehrers oder Geschäftsführer-Assistenten gefragt, ob die Nennung des akademischen Grades Dr. zu Recht erfolgt. Nicht dass man ausschließen könnte, dass jemand mit einem Doktorat nicht auch eine weniger akademische Tätigkeit ausübt, vor allem, wenn er oder sie erst am Anfang der Karriere steht.
Heute wissen wir, dass in Südtirol viele sogenannte Doktoren gar keine sind, sondern lediglich dottori. Titel und Grade können nämlich nicht einfach sprachlich übersetzt werden, sondern folgen einem klaren international festgeschriebenen Standard in mehreren Stufen, der sich ISCED nennt. Das Online-Lexikon Wikipedia erklärt unter dem Schlagwort Doktor ganz genau, wer in den einzelnen Ländern das Präfix Dr. tragen darf und wer nicht. Interessant ist, dass es im Kapitel „Italien“ sogar mehrere Absätze zum missbräuchlichen Usus in Südtirol anführt. So heißt es dort: „Deutschsprachige Studienabsolventen (Südtirol) führen häufig Übersetzungen des italienischen dottore als Namenszusatz (zum Beispiel Dr.), die aber nicht den gleichlautenden akademischen Graden im restlichen deutschen Sprachraum entsprechen sowie in dieser Form nicht von Hochschulen in Italien verliehen werden, und das italienische Ministerium für Unterricht, Universitäten und Forschung (MIUR) weist ausdrücklich darauf hin, dass die bei einer laurea verliehenen dottore-Grade nicht mit Doktor oder Dr. verwechselt werden dürfen.“
Laut Aussage der florentinischen Accademia della Crusca, der Gesellschaft, die sich den Erhalt der italienischen Sprache widmet, sind in Italien nach der Laurea ebenfalls die gängigen Abkürzungen dr./dr.ssa korrekt, welche gleichwertig mit dott./dott.ssa zu verwenden sind und im Gegensatz zum deutschsprachigen Doktor (Dr.) kleingeschrieben werden.
„Der Doktor (Dr.) bleibt nur den Absolventen eines Promotionsverfahrens vorbehalten. Trotzdem ist die Übersetzung von dottore in Doktor eine in Südtirol seit Jahrzehnten weit verbreitete Gewohnheit – die zwar in Italien bisher nicht sanktioniert wurde, im Ausland aber bereits zu rechtlichen Schwierigkeiten führte“, führt Wikipedia weiter an. In der Schweiz gilt dieser Missbrauch sogar als Straftat, falls sich ein Kläger hervortut. Zumindest aber kann man sich gehörig blamieren.
Dass der Doktor ein höherer Grad ist als der dottore beweist auch die Tatsache, dass es selbst in Italien schon vor der letzten Studienrechtsreform ein dottorato (di ricerca) gab, das nach der laurea weitere drei Jahre beanspruchte. Gängige italienische Abkürzungen des heutigen Forschungsdoktorats sind dott. ric. und Ph.D, was auch international den Titel des Forschungsdoktorats abbildet. Den Doktorgrad führen dürfen auch österreichische promovierte Uniabsolventen aus jener Zeit vor 1980, als es in Österreich noch keine Unterscheidung zwischen Magister und Doktor gab und man allein für die Doktorarbeit zwei Jahre Zeit brauchte.
Die Freie Universität Bozen bestätigt im Wesentlichen diesen Sachverhalt (s. dazu untenstehendes Interview). Wer sich seinen österreichischen Abschluss bei der Freien Universität Bozen anerkennen lässt, wird von dieser angehalten, nach erfolgreicher Anerkennung eines Bachelor- (B.Sc. oder B.A.), Master- oder Magisterabschlusses im deutschen Sprachraum – und dazu zählt auch das deutschsprachige Südtirol – den österreichischen Grad zu führen; nur innerhalb Italiens könne alternativ auch der kleingeschriebene dottore (dott.) geführt werden.
Der Leiter des Studentensekretariats der Freien Universität Bozen, Christian Staffler, dessen Abteilung auch für die Studientitelanerkennungen zuständig ist, rät: „In der heutigen Zeit, wo man sich mit ausländischen Partnern Visitenkarten austauscht sowie auf Webseiten, die auf der ganzen Welt abgerufen werden können, sollte man besondere Vorsicht walten lassen.“ In seiner Signatur steht auch ganz korrekt „dott. Christian Staffler LL.M., wobei das Suffix LL.M. für einen weiterbildenden Masterstudiengang in Rechtswissenschaften steht.
Auch in der Politik sollte der Umgang mit dem Doktorgrad umsichtiger gehandhabt werden, wenn dieser keiner ist. Selbst diesbezüglich wird Südtirol als Negativbeispiel angeführt. „Seit 2014 führen sechs der acht Südtiroler Regierungsmitglieder in deutschsprachigen Texten Dr. und auf Italienisch dott. bzw. dott.ssa vor dem Namen. Dabei ist nur Martha Stocker eine Doktorin, die restlichen fünf führen den Dr. aufgrund italienischer Laureats- oder österreichischer Magisterabschlüsse“, klärt Wikipedia auf. Auf Nachfrage der SWZ bestätigt sich diese Angabe. Es drängt sich allerdings die Frage auf, welcher politische Kandidat, vermutlich einer ohne akademischen Grad, wohl für diese Eintragung gesorgt hat.
Ein Trost ist, dass Wikipedia dem Südtiroler keine bewusste Täuschung unterstellt, sondern dass sie den Fehler „überwiegend mangels besseren Wissens“ begehen. Wer also nun die eigene Signatur in Outlook ohne Aufhebens geradebiegen möchte, klicke auf „Neue E-Mail“, dann in der Kommandozeile oben rechts auf Signatur, und schon ist der kleine Fehler behoben.
Info
„Wir empfehlen, den ursprünglichen akademischen Grad zu verwenden“
Interview: Marina Giuri-Pernthaler

















