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Der Dr., der keiner ist

Wer in Italien eine „Laurea“ erlangt hat, ist noch lange nicht dazu berechtigt, den Doktorgrad zu führen. Südtirol an der Schnittstelle zweier Kulturen gerät diesbezüglich leicht in Turbulenzen. Was ist zulässig, und was nicht?

Südtiroler Wirtschaftszeitung von Südtiroler Wirtschaftszeitung
30. Januar 2015
in Südtirol
Lesezeit: 4 mins read

Bozen – Bis in die 1970er-Jahre hinein studierten nur wenige Südtiroler an einer Universität – da war ein Doktor noch ein Doktor. Dann hat so nach und nach ein Run auf die Unis und Hochschulen eingesetzt, die Magister und Diplomierte entlassen, und bei der gegenseitigen Anerkennung der Titel entstanden Ungereimtheiten: Magistern wurde zum Beispiel von italienischen Unis der akademische Titel Laurea und der Grad dottore bescheinigt. Jeder Südtiroler Akademiker glaubte sich daher befugt, diesen Grad in „Dr.“ umwandeln zu können – was aber nicht korrekt ist. Denn dott. ist nicht gleich Dr., auch wenn sich der Unterschied nicht jedem gleich erschließt.

Seit der Studienreform mit der Trennung in Bachelor und Master ist die Doktorenflut noch größer geworden. Wer von den SWZ-Lesern hat sich nicht schon beim Anblick der Signatur eines Verwaltungsbeamten, Mittelschullehrers oder Geschäftsführer-Assistenten gefragt, ob die Nennung des akademischen Grades Dr. zu Recht erfolgt. Nicht dass man ausschließen könnte, dass jemand mit einem Doktorat nicht auch eine weniger akademische Tätigkeit ausübt, vor allem, wenn er oder sie erst am Anfang der Karriere steht.

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Heute wissen wir, dass in Südtirol viele sogenannte Doktoren gar keine sind, sondern lediglich dottori. Titel und Grade können nämlich nicht einfach sprachlich übersetzt werden, sondern folgen einem klaren international festgeschriebenen Standard in mehreren Stufen, der sich ISCED nennt. Das Online-Lexikon Wikipedia erklärt unter dem Schlagwort Doktor ganz genau, wer in den einzelnen Ländern das Präfix Dr. tragen darf und wer nicht. Interessant ist, dass es im Kapitel „Italien“ sogar mehrere Absätze zum missbräuchlichen Usus in Südtirol anführt. So heißt es dort: „Deutschsprachige Studienabsolventen (Südtirol) führen häufig Übersetzungen des italienischen dottore als Namenszusatz (zum Beispiel Dr.), die aber nicht den gleichlautenden akademischen Graden im restlichen deutschen Sprachraum entsprechen sowie in dieser Form nicht von Hochschulen in Italien verliehen werden, und das italienische Ministerium für Unterricht, Universitäten und Forschung (MIUR) weist ausdrücklich darauf hin, dass die bei einer laurea verliehenen dottore-Grade nicht mit Doktor oder Dr. verwechselt werden dürfen.“

Laut Aussage der florentinischen Accademia della Crusca, der Gesellschaft, die sich den Erhalt der italienischen Sprache widmet, sind in Italien nach der Laurea ebenfalls die gängigen Abkürzungen dr./dr.ssa korrekt, welche gleichwertig mit dott./dott.ssa zu verwenden sind und im Gegensatz zum deutschsprachigen Doktor (Dr.) kleingeschrieben werden.

„Der Doktor (Dr.) bleibt nur den Absolventen eines Promotionsverfahrens vorbehalten. Trotzdem ist die Übersetzung von dottore in Doktor eine in Südtirol seit Jahrzehnten weit verbreitete Gewohnheit – die zwar in Italien bisher nicht sanktioniert wurde, im Ausland aber bereits zu rechtlichen Schwierigkeiten führte“, führt Wikipedia weiter an. In der Schweiz gilt dieser Missbrauch sogar als Straftat, falls sich ein Kläger hervortut. Zumindest aber kann man sich gehörig blamieren.

Dass der Doktor ein höherer Grad ist als der dottore beweist auch die Tatsache, dass es selbst in Italien schon vor der letzten Studienrechtsreform ein dottorato (di ricerca) gab, das nach der laurea weitere drei Jahre beanspruchte. Gängige italienische Abkürzungen des heutigen Forschungsdoktorats sind dott. ric. und Ph.D, was auch international den Titel des Forschungsdoktorats abbildet. Den Doktorgrad führen dürfen auch österreichische promovierte Uniabsolventen aus jener Zeit vor 1980, als es in Österreich noch keine Unterscheidung zwischen Magister und Doktor gab und man allein für die Doktorarbeit zwei Jahre Zeit brauchte.

Die Freie Universität Bozen bestätigt im Wesentlichen diesen Sachverhalt (s. dazu untenstehendes Interview). Wer sich seinen österreichischen Abschluss bei der Freien Universität Bozen anerkennen lässt, wird von dieser angehalten, nach erfolgreicher Anerkennung eines Bachelor- (B.Sc. oder B.A.), Master- oder Magisterabschlusses im deutschen Sprachraum – und dazu zählt auch das deutschsprachige Südtirol – den österreichischen Grad zu führen; nur innerhalb Italiens könne alternativ auch der kleingeschriebene dottore (dott.) geführt werden.

Der Leiter des Studentensekretariats der Freien Universität Bozen, Christian Staffler, dessen Abteilung auch für die Studientitelanerkennungen zuständig ist, rät: „In der heutigen Zeit, wo man sich mit ausländischen Partnern Visitenkarten austauscht sowie auf Webseiten, die auf der ganzen Welt abgerufen werden können, sollte man besondere Vorsicht walten lassen.“ In seiner Signatur steht auch ganz korrekt „dott. Christian Staffler LL.M., wobei das Suffix LL.M. für einen weiterbildenden Masterstudiengang in Rechtswissenschaften steht.

Auch in der Politik sollte der Umgang mit dem Doktorgrad umsichtiger gehandhabt werden, wenn dieser keiner ist. Selbst diesbezüglich wird Südtirol als Negativbeispiel angeführt. „Seit 2014 führen sechs der acht Südtiroler Regierungsmitglieder in deutschsprachigen Texten Dr. und auf Italienisch dott. bzw. dott.ssa vor dem Namen. Dabei ist nur Martha Stocker eine Doktorin, die restlichen fünf führen den Dr. aufgrund italienischer Laureats- oder österreichischer Magisterabschlüsse“, klärt Wikipedia auf. Auf Nachfrage der SWZ bestätigt sich diese Angabe. Es drängt sich allerdings die Frage auf, welcher politische Kandidat, vermutlich einer ohne akademischen Grad, wohl für diese Eintragung gesorgt hat.

Ein Trost ist, dass Wikipedia dem Südtiroler keine bewusste Täuschung unterstellt, sondern dass sie den Fehler „überwiegend mangels besseren Wissens“ begehen. Wer also nun die eigene Signatur in Outlook ohne Aufhebens geradebiegen möchte, klicke auf „Neue E-Mail“, dann in der Kommandozeile oben rechts auf Signatur, und schon ist der kleine Fehler behoben.

Schlagwörter: 04-15freenomedia

Info

Kurzinterview mit Günther Mathà, Direktor der Freien Universität Bozen
„Wir empfehlen, den ursprünglichen akademischen Grad zu verwenden“
SWZ: Wie gut wissen die Absolventen der Freien Universität Bozen darüber Bescheid, welchen akademischen Grad sie verwenden dürfen?
Günther Mathà: Die Universität Bozen klärt jeden Abgänger darüber auf, welcher Unterschied zwischen akademischem Titel und Grad besteht, und dass sie laut italienischem Recht ausschließlich den italienischen Grad vor ihren Namen setzen dürfen, sprich den dottore. Wenn sie einen Master erlangen, oder eine Laurea Magistrale, dann dürfen sie sich dottore magistrale nennen, oder abgekürzt dott. mag. Eine deutsche Übersetzung hin zum Doktor, oder abgekürzt Dr., ist nicht korrekt. Im Ausland ist eine fehlerhafte Benutzung eines Grades sogar eine schwerwiegende Vortäuschung eines Sachverhalts. Denn das Doktorat ist ein höherer Abschluss als eine Laurea. Selbst die Italiener unterscheiden zwischen dem Dottorato und der Laurea.
Was ist mit den Studientiteln, die in Italien anerkannt wurden, im Speziellen dem österreichischen Magister, der in Südtirol so verbreitet ist?
Auch wer nach der alten Studienordnung den Grad des Magisters erlangt hat und sich diesen in Italien hat anerkennen lassen, kann formalrechtlich den Grad dottore verwenden. Wir als Universität empfehlen, dass diese Akademiker ihren ursprünglichen Grad führen, sich also Magister oder Dipl. Ing. nennen lassen. Wenn ihr Studientitel in Italien formal anerkannt wurde, dürfen sie den italienischen dottore verwenden, ohne aber diesen wieder zurückzuübersetzen zu einem deutschen Doktortitel, was wiederum nicht korrekt ist.
Warum hat man im Zuge des Bologna-Prozesses und der Vereinheitlichung der Studiengänge in Europa den Grad des italienischen dottore beim Bachelor überhaupt ermöglicht, wenn die Grade im restlichen Europa vereinheitlicht wurden?
Die Situation in Italien ist wirklich paradox. Die Richtlinien, die die akademischen Grade regeln, stammen aus einem alten königlichen Dekret: Dieses spricht jedem, der eine Laurea abschließt, das Recht zu, sich dottore nennen zu lassen. Das Ministerialdekret 270 von 2004 führte dann die Zweiteilung in Bachelor und Master ein. Doch man hatte damals offensichtlich nicht den Mut, diese absurde Situation zu bereinigen, dass sich jemand nach einem Studium von drei Jahren dottore bezeichnen darf.
Was raten Sie jenen, die seit Jahren den Dr.-Grad in ihrer Signatur oder auf Visitenkarten führen und eigentlich Magister sind oder dottore?
Wir als Universität haben in den letzten Jahren darauf geachtet, dass intern jeder seinen ursprünglichen Grad in der Signatur oder am Türschild führt – sprich, wer eine italienische Laurea als Titel erlangt hat, den Grad dottore, und nur Akademiker mit Promotionsverfahren den Dr.-Grad.
Aber ich würde noch einen Schritt weitergehen. Ich habe festgestellt, dass man heute in internationalen Beziehungen, in akademischen Organisationen und in politischen oder hochspezialisierten Kreisen davon absieht, Grade zu verwenden. Je prestigereicher eine Organisation ist, desto weniger kommen sie zum Einsatz. An einer LMU oder an der TU in München kann man an keinem Türschild einen akademischen Grad finden. Mitarbeiter und Professoren sprechen sich schlicht mit Herr oder Frau an. Nur im Schriftverkehr werden die Grade zur Ehrerbietung verwendet, aber im Alltag sind sie völlig verschwunden. Selbst Professoren führen inzwischen gern nur den Ph.D. im Anschluss an den Namen, ohne den Professorengrad. Meine Empfehlung ist deshalb, dass sich die Südtiroler diese Kultur zu eigen machen, denn die jetzige Situation zeugt eher von Provinzialismus, ganz zu schweigen von dieser fehlerhaften Verwendung des Doktorgrades.
Warum hat man diese fehlerhafte Betitelung bisher nicht zur Sprache gebracht?
Das hängt wohl damit zusammen, dass Südtirol vom Ursprung her dem österreichischen Kulturkreis zuzuordnen ist, wo die akademischen Grade seit jeher einen hohen Stellenwert besitzen. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Grade spielen in Europa eine immer geringere Rolle; heute wird jemand, der seinen Doktortitel hervorhebt, sofern er überhaupt promoviert hat, eher belächelt. Denn wer etwas gilt, betreibt heute eher Understatement.

Interview: Marina Giuri-Pernthaler

Ausgabe 04-15, Seite 5

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