Das hier könnte auch eine Sprachkolumne sein, denn als Deutschlehrerin und Schriftstellerin scheine ich dazu berufen. Aber belehrende (oder auch witzige) Sprachkolumnen, in denen die Fehler anderer bloßgestellt werden, gibt es wie Sand am Meer. Und ja, ich gebe es zu: Auch mich juckt es immer wieder in den Fingern. Wenn an der Wirtshaustür ein Schild „Sonntag’s geschlossen!“ verkündet, wenn ein Sportler im Interview sagt, er hätte zu spät „realisiert“, dass ihm seine Konkurrenten schon dicht auf den Fersen war, oder wenn eine Userin im Internet ganz verzweifelt im Kochforum nachfragt, wie es möglich sei, dass sie nicht ein einziges Rezept für „Kisch“ findet, dann denke ich zuweilen: So, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Jetzt schreib ich etwas Kluges über das Sprachunvermögen der anderen. Mit solchen Kolumnen wäre ich auf der Siegerseite. Ich könnte gelehrt über den zunehmenden Sprachverfall parlieren, den Todesmarsch des deutschen Abendlandes verkünden und der Menschheit ein hässliches Ende prophezeien, wenn nicht endlich alle „wegen“ mit dem Genitiv statt mit dem Dativ verwenden. Prompt wäre ich die Deutschlehrerin der Nation, eine Orthographie-Ikone und Grammatik-Päpstin. Haarsträubende und zum Kopfschütteln anregende Beispiele finde ich problemlos, wenn ich im Internet die Foren durchstöbere. Das braucht so eine Sprachkolumne nämlich unbedingt: den Beweis, dass die anderen nichts als radebrechende Nullnummern und ständig vom Verlust der Muttersprache bedroht sind. Also rasch noch ein paar peinliche Kleinanzeigen, Kommentare und Statusmeldungen nachgeschoben, in denen Leute ihre sprachliche Unfähigkeit bloßstellen, und ich habe die Lacher auf meiner Seite. Ist ja auch zu lustig, wie manche immer noch und immer öfter den sogenannten Deppenapostroph verwenden und „mittag’s stet’s bei Trudy’s Frittenhaus Pomme’s“ bestellen. Oder wie jemand in schönster Dialektseligkeit das „umpedingge Ferpot von Alkohol im Halnpad“ fordert. Da könnte man sich kringelig lachen, nicht wahr?
Aber warum eigentlich? Wieso finden es die meisten so erheiternd, wenn andere schlecht schreiben und grobe Fehler machen? Sprachprofis sind doch die wenigsten, und noch weniger verfassen „von Amts wegen“ Texte. In vielen Berufen zählen andere Kompetenzen. Sich schriftlich ausdrücken zu können, ist oft nur nebensächlich. Da kann schon mal ein Komma verrutschen oder ein Fall falsch gesetzt werden. Auch Berufsschreibern – da nehme ich mich selbst nicht aus – unterläuft immer wieder der eine oder andere Fauxpas. Das hat zunächst noch gar nichts mit den sonstigen Qualifikationen des Verfassers des Textes zu tun. Wer nicht weiß, wie man das Wort „desavouieren“ richtig verwendet (oder gar schreibt), kann dennoch ein hervorragender Architekt sein. Und doch sehe ich immer wieder mit einigem Erstaunen, wie gnadenlos jene, die Fehler als solche erkennen, reagieren, wenn in Texten gepfuscht wird. Da wird vom grammatikalischen Schnitzer ohne Umschweife auf mangelnden Intellekt geschlossen, da gilt die schlechte Formulierung als Indiz für einen fragwürdigen Inhalt. Wer mit einem Plakat für „sotziale Gerächtikeit“ demonstriert, erntet Hohn und Spott. Liegt es vielleicht daran, dass uns die Zunge, um ein anatomisch schiefes Bild zu bemühen, ans Herz gewachsen ist? Wir mögen in der Mehrheit keine professionellen Redner und Schreiber sein, Sprechen aber ist eine menschliche Grundtugend. Wir unterhalten uns übers Wetter, tauschen Kochrezepte aus, erzählen den neuesten Klatsch und Tratsch, versuchen, andere von unserer Meinung zu überzeugen. Und die meisten sind wohl der Ansicht, dass sie das alles recht gut können. So ließe sich erklären, warum so viele Leute mit angemaßter Sprachkompetenz herumlaufen, die meinen, andere herabwürdigen zu können. Oder liegt es etwa daran, dass man Sprachgewandtheit und Denkfähigkeit in einem gefährlichen Kurzschluss in direkte Verbindung setzt?
Ich gebe zu: Auch ich muss schmunzeln, wenn andere sich ungeschickt ausdrücken und vielleicht sogar ungewollt das Gegenteil dessen sagen, was sie eigentlich meinen. Aber ich habe auch gelernt, genau hinzuhören und hinzusehen, wenn jemand mit geschliffener Zunge und beneidenswerter Souveränität Texte von verführerischer rhetorischer Brillanz vom Stapel lässt. Wer mit Fremdwörtern um sich wirft, in endlosen Sätzen mit einnehmender Metaphorik und „tiefgründiger Bedeutsamkeit“ schwurbelt, wer also, wie man so schön sagt, „wie ein Buch reden kann“, der kann auch schon mal sein Publikum sprachlich einlullen. Am Ende applaudieren alle begeistert und wissen vielleicht gar nicht einmal, was denn nun eigentlich die Aussage war. Solche Blender ziehen mit ihren hohlen Phrasen viele in ihren Bann, ohne wirklich inhaltlich etwas zu bieten. Freilich, sie mögen Rechtschreibung und Syntax auf ihrer Seite haben und mit schillernden Worthülsen jonglieren können. Es wäre jedoch verfehlt, eine solche rein linguistische Fertigkeit mit Wissen oder gar Weisheit gleichzusetzen.
Und das, liebe Leser, ist der Grund, warum ich keine Sprachkolumnen schreibe: Menschen, die Rechtschreibfehler machen, desavouieren sich von ganz alleine (so, jetzt hab ich das Wort also doch untergebracht). Wichtiger aber ist es, jenen auf die Schliche zu kommen, die mit schön gedrechselten Floskeln nichts als heiße Luft produzieren oder gar Hass und Unfrieden säen. Zwischen den Zeilen zu lesen, ist nämlich schwieriger als im Text nach lustigen Fehlern zu suchen.
















