Bozen – Der Südtiroler Arbeitsmarkt verändert sich nicht irgendwann. Er verändert sich jetzt. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen schrittweise in Pension, junge Arbeitskräfte rücken in geringerer Zahl nach, digitale Technologien und Künstliche Intelligenz verändern Tätigkeiten, und die Dekarbonisierung verschiebt ganze Berufsbilder. Die Folge ist nicht nur ein Mangel an Arbeitskräften. Es entsteht vor allem ein Mismatch: Es fehlen genau jene Kompetenzen, die für den Umbau der Wirtschaft gebraucht werden.
Mehr als ein Fachkräftemangel
Darauf weist das AFI in seinem aktuellen Zoom hin. Die zentrale Diagnose: Südtirol braucht nicht nur mehr Köpfe, sondern auch bessere Wege, vorhandene Fähigkeiten in neue berufliche Perspektiven zu übersetzen. Genau hier setzen die sogenannten „Berufswanderkarten“ an.
Das Konzept stammt ursprünglich aus Österreich und wurde dort als Instrument für den sozial-ökologischen Strukturwandel entwickelt. Berufswanderkarten zeigen, welche Übergänge von einem Beruf in einen anderen möglich sind, welche Kompetenzen bereits vorhanden sind und welche Zusatzqualifikationen fehlen. Es geht also nicht um abstrakte Weiterbildung, sondern um konkrete Pfade: von einem Ausgangsberuf zu einem Zielberuf – mit Angaben zu Dauer, Inhalt, Anbieter, Kosten und Anerkennungsmöglichkeiten.
Wenn Berufe nicht verschwinden, sondern sich verändern
Der Ansatz ist deshalb interessant, weil viele Berufe nicht einfach verschwinden, sondern sich verändern. Heizungs-, Lüftungs- und Sanitärtechniker:innen brauchen künftig mehr Wissen über Wärmepumpen und erneuerbare Energiesysteme. KFZ-Mechatroniker:innen müssen Hochvolt-Kompetenzen und Software-Diagnosefähigkeiten aufbauen. Landwirt:innen benötigen zunehmend Kenntnisse in Smart Farming und Klimaanpassung. Verwaltungsangestellte arbeiten stärker mit digitalen Schnittstellen und automatisierten Abläufen.
Gleichzeitig entstehen neue Tätigkeitsfelder: etwa Sustainability- oder Circular-Economy-Manager:innen, KI-Ethik-Manager:innen, Data-Governance-Spezialist:innen oder Drohnenpilot:innen für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Katastrophenschutz und alpine Vermessung. Andere Berufe geraten dagegen unter Druck – etwa einfache manuelle Fertigungstätigkeiten, Kassenpersonal im Lebensmitteleinzelhandel oder klassische Tankwart:innen.

Was das für Südtirol bedeutet
Die gute Nachricht: Laut AFI ist in Südtirol aufgrund der Wirtschaftsstruktur eher eine Transformation bestehender Branchen zu erwarten als der Wegfall ganzer Sektoren. Die eigentliche Herausforderung liegt also darin, Übergänge rechtzeitig zu organisieren. Beschäftigte aus Berufen mit sinkenden Perspektiven könnten in wachsende Bereiche wechseln – wenn sichtbar wird, welche Fähigkeiten sie mitbringen und welche Qualifizierung noch nötig ist.
Beispiele aus der österreichischen Studie zeigen, wie das funktionieren kann. Fachkräfte der Installations- und Gebäudetechnik bringen etwa bereits Wissen über Rohrsysteme, Metallbearbeitung und Thermodynamik mit. Der Schritt hin zur Wärmepumpen-Installation oder Öko-Energietechnik ist daher oft kürzer, als man vermuten würde. Auch im Bau können informell erworbene Kompetenzen formalisiert und durch „Green Skills“ ergänzt werden – etwa im Bereich thermische Sanierung, Rückbau oder Materialtrennung. KFZ-Techniker:innen wiederum können durch Hochvolt-Fortbildungen im Beruf bleiben oder in verwandte Felder wie Schienen- und Nutzfahrzeugtechnik, Mechatronik oder Fahrradmechatronik wechseln.
Für Südtirol müsste das Modell allerdings angepasst werden. Während die österreichischen Berufswanderkarten vor allem den ökologischen Wandel in den Blick nehmen, müsste ein Südtiroler Ansatz breiter sein: Demografie, Digitalisierung und Dekarbonisierung müssten gemeinsam betrachtet werden. Dazu kommen lokale Besonderheiten – die kleinteilige Wirtschaftsstruktur, saisonale Schlüsselsektoren, Unterschiede im Bildungssystem und die Frage, wie informell erworbene Kompetenzen anerkannt werden können.
Anerkennung und Absicherung als Schlüssel
Damit „Berufswanderungen“ in der Praxis gelingen, reicht es nicht, mögliche Pfade aufzuzeigen. Es müssen auch zeitliche, organisatorische und finanzielle Hürden abgebaut werden. Ein wichtiger Hebel ist die leichtere formale Anerkennung von vorhandenem Können – egal, ob es sich um Ausbildungen aus einem anderen Berufsfeld handelt oder um informell „on the job“ erlernte Fähigkeiten.
Wie das funktionieren kann, zeigt eine aktuelle Initiative in Südtirol: Quereinsteiger:innen der Elektrotechnik können mit teilweiser Anrechnung ihrer Berufserfahrung berufsbegleitend einen Lehrabschluss nachholen. „Das ist genau die Richtung, in die wir weiterdenken müssen: Praxiswissen anerkennen und modulare Qualifizierung ermöglichen, um Berufswanderungen für die Beschäftigten leichter und attraktiver zu gestalten“, betont AFI-Mitarbeiter Michael Paler.
„Erfolgreiche Berufswanderungen können in der Praxis nur gelingen, wenn Umschulungen für die Beschäftigten zeitlich machbar, im Aufwand überschaubar und finanziell so abgesichert sind, dass der Lebensunterhalt gewährleistet bleibt.“ Stefano Mellarini
Entscheidend ist zudem die finanzielle Absicherung. Umschulungskosten und Verdienstentgang sind für Arbeitnehmende oft erhebliche Barrieren. AFI-Präsident Stefano Mellarini warnt daher: „Dabei dürfen wir sie aber nicht allein lassen.“ Wenn Weiterbildung der Schlüssel zur Zukunft sei, müssten öffentliche Hand und Unternehmen die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.
Auch kleine Betriebe mitnehmen
Mitgedacht werden muss auch die Perspektive der Unternehmen, insbesondere der vielen Südtiroler KMU. Für Kleinbetriebe ist die Freistellung von Mitarbeitenden für umfangreichere Qualifizierungen oft schwer stemmbar. Weiterbildungsformate müssen daher so flexibel gestaltet sein, dass sie sich in betriebliche Abläufe integrieren lassen – etwa durch die Nutzung saisonaler Randzeiten.
Ein besonderes Dilemma entsteht bei kompletten Berufswechseln: Für Unternehmen macht es wirtschaftlich verständlicherweise wenig Sinn, Freistellungen zu unterstützen, wenn die Arbeitskraft den Betrieb danach verlässt. Gerade hier braucht es faire Ausgleichsmodelle und überbetriebliche Fonds, damit solche Umstiege nahtlos und ohne vorherige Arbeitslosigkeit gelingen können.



















