Bozen – Ist materieller Wohlstand das, wonach wir unentwegt streben? Oder ist es das Gefühl von Glück? Das waren zwei der Kernfragen beim 5. Global Forum Südtirol. Wenn es um grundsätzliche Überlegungen zum Thema Wohlstand nach heutigem Verständnis (siehe Infokasten mit den Hintergrundinformationen) und das Mehren von Glück geht, war das Referat des Schweizer Ökonomen Mathias Binswanger am aufschlussreichsten – darüber waren sich die von der SWZ befragten Teilnehmer der Tagung großteils einig. Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen sprach über die Erkenntnis, dass beim materieller Wohlstand irgendwann die Grenze erreicht sei: „Dann lässt sich das Glück nicht mehr von materiellem Wohlstand beeinflussen, dann erhalten andere Dinge eine zentrale Bedeutung“, so Binswanger (s. auch SWZ 35/13, Seite 15).
Für Wolfgang Sparer, Marketingleiter der Firma Loacker, steckt der Kern des Glücks in der richtigen Work-Life-Balance: „Ich bin beruflich sehr engagiert, gleichzeitig stelle ich mir oft die Frage nach dem richtigen Gleichgewicht der Belange, denen ich meine Zeit widme“, sagt Sparer nachdenklich. In seinem Leben habe eine Entscheidung wesentlich zu seinem Glück beigetragen, und zwar jene, nach Südtirol zurückzukommen – das nach seinem Studium in Mailand und sieben Jahren beruflicher Tätigkeit in Zug in der Schweiz: „Es war die beste Entscheidung meines Lebens.“
Die Geschäftsführerin des Südtiroler Sennereiverbandes, Annemarie Kaser, findet das Thema des Forums gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise besonders wichtig. Sie begrüßt, dass die nicht ökonomischen Aspekte des Wohlstands wieder mehr Bedeutung gewonnen haben. „Das Glück steckt in jedem von uns, wenn wir eine positive Haltung zum Leben einnehmen. Ich bezeichne mich als glücklich: Ich lebe in einem wunderschönen Land, habe Freude an meinem Beruf, bin gesund, mit gefällt das Leben“, sprüht Kaser nur so vor Begeisterung. Das Streben nach noch mehr findet sie aber gefährlich: „Es ist wie beim Bergsteigen. Wenn ich einen steilen Anstieg suche, kann ich leichter stürzen. Und wenn ich oben bin, geht es wieder bergab. Die extremen Situationen machen uns nicht glücklich“, sagt die Managerin. Ähnlich sei es, wenn man zu viel arbeite: „Zehn Stunden müssen reichen, wenn ich übertreibe, geht es wieder abwärts mit dem Glück.“
Auch für den Geschäftsführer der Rubner Holding, Thomas Burger, ist die ökonomische Optimierung von Ergebnissen nicht alles auf der Welt: „Es gibt viele Ebenen im Leben, die wichtig sind – für die Unternehmen, für die Mitarbeiter, für einen selbst, im Kopf und im Herzen. Dazu zählen die Familie, die Gesundheit, das gesellschaftliche Umfeld, der Freundeskreis“, sagt Burger leise. „Alles in Einklang zu bringen, ist nicht immer leicht. Vor allem in Zeiten, wo die wirtschaftliche Entwicklung nicht so rosig ist, steht das eine ständig im Wettbewerb mit dem anderen. Der Vortrag von Mathias Binswanger war jedenfalls inspirierend.“ Burgers zehnjährige Tochter sei jene, die ihn immer wieder einmal daran erinnere, was wesentlich ist im Leben, sie sorge für das notwendige Gleichgewicht. „Zeit ist knappes Gut, man muss achtsam damit umgehen.“
Eine schwere Krankheit vor mehreren Jahren hat Burger dazu gebracht, achtsamer mit seinen persönlichen Ressourcen umzugehen. „Ich habe damals die Erholungszeit genutzt, um meine Prioritäten zurechtzurücken. Die Erinnerung an diese Zeit ist immer eine Gelegenheit, um zu prüfen, ob die verschiedenen Lebensbereiche das richtige Gewicht haben. Wenn man aus solchen Krisen wieder herauskommt, hat man gelernt, diese richtig zu nutzen.“
Glückliche Momente der letzten Woche? „Ich war die ganze Woche auf der Baumesse. Glücksmomente waren gute Geschäftsgespräche, dann das zufällige Zusammentreffen mit einem Freund, den ich schon lange wieder einmal kontaktieren wollte“, so Burger.
Martin Atzwanger vom Bozner Anlagenbauer Atzwanger mit seinen drei Standorten in Bozen, München und Salzburg macht die Krise im Bauwesen zu schaffen: „Es wird effektiv wieder wichtiger, sich auf das Wesentliche zu besinnen“, gibt er zu. „Das Glück ist eines der Dinge, die man am größten schreiben sollte, nicht nur den Erfolg. Selten in meinem Leben habe ich mich mit diesen Fragen so beschäftigt wie jetzt, da ich auf den Boden der Realität zurückgekommen bin. Man sieht, dass alles so vergänglich ist. Betriebe, die aufgebaut wurden, können in kurzer Zeit wieder am Boden sein“, sagt Martin Atzwanger betrübt. Früher habe ihm die Arbeit viel Spaß gemacht: „Diese Zeiten sind leider vorbei. Dennoch muss man als Unternehmer den Willen aufbringen weiterzumachen. Es werden schon wieder bessere Zeiten kommen.“
Anders der Unternehmer Ulrich Ladurner von Dr. Schär. Glücklich sei er vor allem dann, wenn er Zeit fürs Segeln, fürs Fliegen, fürs Motorradfahren findet, sagt er scherzend: „Ich muss zugeben, das ist immer seltener möglich – als Unternehmer trage ich die Verantwortung für mehr als 700 Mitarbeiter“, sagt Ladurner. Dennoch hat er viele Glückmomente, die mit seiner Unternehmertätigkeit zu tun haben: „Es macht mich glücklich, wenn ich sehe, wie mein Unternehmen wächst und wie die vielen jungen Leute im Unternehmen für neue Dynamik sorgen – das ist ein wichtiger Moment in meinem Alter“, sagt Ladurner. Auf seine Gefühle über den Zukauf des Trentiner Unternehmens Gourmet im Bereich Tiefkühlkost angesprochen, gibt Ladurner zu bedenken: „Das Unternehmen hat auch einige Mitarbeiter, jetzt muss ich erst schauen, wie ich die alle beschäftige. Glücklich bin ich erst dann, wenn sich alles eingespielt hat.“
Grundsätzlich erachte Ladurner das Thema Wohlstand als ein zentrales unserer Gesellschaft: „Es neutralisiert viele oberflächlichen Glückserwartungen, die die Konsumgesellschaft erzeugt. Wohlstand und Konsum sind zwei konträre Begriffe“, meint Ladurner. Wichtige Herausforderungen der Gesellschaft seien die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die Verantwortung für die Umwelt. Gedankenloser Konsum hingegen erzeuge gar keine Arbeit mehr. „Wenn wir alle auch eine Verantwortung für diese Arbeitslosigkeit verspürten, müssten wir umdenken und überlegen, wie wir leben und vor allem, was wir kaufen! Ein nachhaltiger Konsum würde bedeuten, dass wir wieder verstärkt gute Qualität kaufen, die in Europa hergestellt wird, und weniger Schmarren“, sagt der Unternehmer aufgebracht. „Für den Wohlstand in Europa und in Südtirol braucht es vor allem eine reifere Gesellschaft.“
Info
- der ökonomische Wohlstand, also sicher und ohne Geldsorgen leben: 39?%.
- der ökologische Wohlstand, naturnah und nachhaltig leben: 12 %
- der gesellschaftliche Wohlstand, frei und in Frieden leben: 18 %
- der individuelle Wohlstand, gesund und ohne Zukunftsängste leben: 31?%















