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Das Start-up Arbor Insight: Daten ernten

SERIE START-UP SÜDTIROL (3) – Noch immer werden viele Entscheidungen in der Landwirtschaft nach Bauchgefühl getroffen. Das Start-up Arbor Insight will das ändern – mit Drohnen, Multispektralkameras und riesigen Datenmengen. Die Gründer denken längst über Südtirols Grenzen hinaus.

Silvia Santandrea von Silvia Santandrea
24. Juli 2026
in Start-ups, Südtirol
Lesezeit: 6 mins read

Edwin Pircher (l.) und Michael Chang hatten unabhängig voneinander eine ähnliche Businessidee der eine in Bozen, der andere in West Virginia. (Foto: SWZ)

Bozen – Jede gute Start-up-Geschichte beginnt mit einer Anekdote. Jene von Arbor Insight beginnt mit zwei. Da wäre einmal jene von Michael Chang, 36, gebürtiger US-Amerikaner, der in West Virginia als Drohnenpilot unterwegs ist. Hunderte Hektar, nur Kastanienbäume, er und seine Drohne. „Da habe ich mich gefragt, ob sich aus den Bildern, die die Drohne aufnimmt, nicht etwas machen ließe, das den Anbau optimiert“, erzählt Michael Chang, der erstaunlich gut Deutsch spricht.

Anekdote Nummer zwei lautet so: Etwa 7.000 Kilometer weiter östlich, auf der Interpoma, der internationalen Apfelmesse in Bozen, sieht sich Edwin Pircher die Ernteroboter an. Maschinen, die langfristig einen Teil der Erntehelfer:innen – u. a. auf dem landwirtschaftlichen Hof von Pirchers Familie – ablösen könnten. „Als ich den Robotern zusah, kam mir der Gedanke: Bis die uns wirklich beim Äpfel-Klauben ablösen, werden noch viele Jahre vergehen. Bestenfalls passiert das bei meiner Pension“, sagt der 33-Jährige. Kein Roboter sei auch nur annähernd so schnell und effizient wie der Mensch. Pircher: „Wo die Maschinen hingegen schon deutlich besser sind als wir Menschen, ist beim Erfassen, Verarbeiten und Speichern großer Mengen an Informationen und Daten.“ Genau dort, irgendwo zwischen Landwirtschaft und Datenerfassung, wittert der gebürtige Bozner einen interessanten Markt.

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Einige Zeit später lernen sich Michael Chang, der, wie es der Zufall will, für seinen PhD an die Uni Bozen kommt, und Edwin Pircher, der ebendort einen Master in Wirtschaftsingenieurwesen absolviert, in einem Kurs kennen – und kommen auf ihre Ideen zu sprechen. Das ist der Beginn von Arbor Insight.

Daten statt Bauchgefühl

Im Gespräch mit Pirchers Vater und mit anderen Landwirten und Landwirtinnen stellen Edwin Pircher und Michael Chang fest: Viele Entscheidungen werden in Südtirols Landwirtschaft nach Bauchgefühl getroffen. Etwa jene nach dem optimalen Zeitpunkt für eine Behandlung mit Pestiziden oder der Menge an Äpfeln, die ausgezwickt werden müssen. Der Landwirtschaft fehlt die Grundlage, um datenbasierte Entscheidungen zu treffen, so die Schlussfolgerung von Pircher und Chang.

„Wir bauen die Software von Südtirol aus. Hier haben wir viele Möglichkeiten, zu forschen und zu entwickeln. Den Vertrieb müssen wir aber international denken.“ Edwin Pircher

Also beginnen die zwei, Daten zu sammeln. Zuerst nur hobbymäßig, dann immer professioneller. Sie werden mit ihrer Idee ins „Pre-Incubation Programme“ des NOI Techparks aufgenommen, entwickeln sie weiter und gründen Ende 2024 schließlich ihr Start-up.

Heute besteht das Team aus fünf Köpfen, das Unternehmen hat seinen Sitz im NOI Techpark. Chang ist CEO, Pircher COO. Das Start-up erhebt riesige Datenmengen in Südtirols Landwirtschaft, vorwiegend in Apfelwiesen. Auch im Ausland ist das Start-up bereits tätig, aber dazu später mehr. Die Daten gewinnen Chang und Pircher aus der Luft, mittels Drohnen. „Wir nehmen mit der Drohne Bilder auf. Daraus machen wir dann eine 3D-Rekonstruktion der gesamten Anlage, mitsamt Details wie der Hangneigung, der Bodenbeschaffenheit und den Betonsäulen, die die Apfelbäume tragen“, erklärt Pircher.

Die Daten gewinnt das Start-up mittels Drohnen und Multispektralkameras, die weit mehr als „nur“ Farben sehen. (Foto: Arbor Insight)

Kameras, die mehr sehen als Farben

Die Drohnen fliegen automatisch, vor Ort braucht es nur jemanden, der „auf Start drückt“, wie die Start-upper erklären, und eventuell die Akkus wechselt. Am Morgen, vor dem Termin mit der SWZ, war Michael Chang mit einer Drohne in Feldern des Versuchszentrums Laimburg unterwegs. „Bevor die Drohne abhebt, werden alle Risiken analysiert“, sagt Chang. Darunter fallen hohe Bäume oder auch Felswände, mit denen die Drohne kollidieren könnte. Sind einmal alle Risiken bekannt, erstellt das Start-up eine Art Flugplan. Daran orientiert sich die Drohne, um durch die Apfelwiesen zu fliegen.

Für die Datenerhebung nutzt das junge Unternehmen Multispektralkameras. Das sind hoch spezialisierte Geräte, die weit mehr als „nur“ Farben sehen. Sie messen Bilddaten in spezifischen Wellenlängenbereichen des elektromagnetischen Spektrums, weit über das hinaus, was das menschliche Auge wahrnehmen kann. „Damit sieht man etwa den Unterschied zwischen gesunden und gestressten Blättern“, erklärt Pircher. Arbor Insight erhält auf diese Weise verschiedenste Informationen, etwa zur Fotosynthese-Aktivität der Pflanzen, zur Beschaffenheit des Bodens und zur Fließrichtung von Regenwasser.

Einmal zurück am Boden werden die Daten dann in die Software des Start-ups eingespeist, ausgewertet und verfügbar gemacht. Auf die Frage, ob Arbor Insight eher als Software- oder Dienstleistungsunternehmen einzustufen ist, antwortet Edwin Pircher: „Wir sehen uns als Start-up, das Software für Landwirtschaft macht.“ Langfristig sei das Ziel, dass das Unternehmen die Plattform für die Datenauswertung und Flugpläne für Drohnen zur Verfügung stellt. „Die Kunden werden die Daten aber autonom mit ihrer eigenen Drohne erheben, die sich nach unseren Flugplänen bewegt“, so Pircher.

Blick in den Businessplan

Die Vision erklärt Michael Chang: „Wenn die Landwirtschaft jeden Baum optimal behandeln könnte – und dazu möchten wir beitragen –, käme es zu einer Produktionssteigerung. Gleichzeitig würde man Pestizide einsparen. Das wäre also aus ökonomischer und ökologischer Perspektive sinnvoll.“ Klingt nach einer vernünftigen Businessidee. Die Frage ist nur: Lässt sich damit auch Geld verdienen?

Schon jetzt, eineinhalb Jahre nach der Gründung, hat das Start-up einige (Pilot-)Kunden in seinem Portfolio. Dazu zählt der Vinschger Verband der Obstgenossenschaften V.IP. Für diesen erhebt Arbor Insight Daten in den Apfelwiesen der Genossenschaftsmitglieder. Ein weiterer Kunde ist ein Südtiroler Unternehmen, das in Spanien auf vielen Hektar Pistazien produziert.

Es klingt durch: Im Großen und Ganzen ist Südtirol mit seinen vielen kleinen landwirtschaftlichen Betrieben – abgesehen von den Genossenschaften – als Markt für Arbor Insight nur begrenzt interessant. Edwin Pircher: „Für einen klassischen Südtiroler Bauer sind wir momentan zu teuer.“

Einmal zurück am Boden werden die Daten in die Software von Arbor Insight eingespeist, ausgewertet und verfügbar gemacht. (Foto: Arbor Insight)

Die Muttergesellschaft sitzt in den USA

Das Start-up hat von Beginn an international gedacht. Das bestätigt auch ein Blick ins Impressum der Website. Dort ist neben „Arbor Insight Alpin Srl“, der Bezeichnung des Bozner Start-ups, auch „ArborInsight Global Inc.“ zu finden. Pircher erklärt: Das Start-up im NOI Techpark ist „nur“ eine Tochtergesellschaft des zweiten Unternehmens. Dieses hat seinen Sitz in den USA und liegt ebenfalls in den Händen von Chang und Pircher. „Wir wussten von Anfang an, dass wir die Software von Südtirol aus bauen wollen. Wir haben hier viele Möglichkeiten, zu forschen und zu entwickeln. Den Vertrieb müssen wir aber international denken“, so Pircher. Wirklich interessant für das Start-up seien Kunden, die über Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte Hektar Grund verfügen. Und die befinden sich eben nicht in Südtirol, sondern in den USA und anderen Teilen der Welt.

Der Sitz in den USA hat laut Pircher und Chang einen weiteren Vorteil: Er erleichtert den Zugang zum US-amerikanischen Venture-Capital-Markt und damit möglichen künftigen Investmentrunden.

Bei Techstars in Turin

Ihre internationale Denkweise festigten die zwei Gründer im Rahmen eines Start-up-Programms von Techstars. Techstars ist ein weltweit aktiver Start-up-Accelerator und Investor, der unter anderem ein Programm für Jungunternehmen in Turin anbietet.

Als Pircher und Chang vor den Vertreterinnen und Vertretern von Techstars pitchten, um ins Start-up-Programm aufgenommen zu werden, sei vieles schiefgelaufen, erinnern sie sich. „Genau in den Tagen des Pitchs funktionierte unsere Website nicht, weil wir im Hintergrund etwas umgestellt hatten“, erinnert sich Chang. Und doch wurden die zwei ins Start-up-Programm aufgenommen. „Im Nachhinein sagte uns ein Jurymitglied, sie hätten uns nur wegen der Hawaiihemden genommen, die wir beim Pitch anhatten. Wir sahen wohl aus wie zwei Wahnsinnige“, sagt Pircher und lacht. Ein wenig sehen die zwei Gründer tatsächlich aus wie Tech-Geeks, wie man in der Start-up-Szene sagen würde: Pircher trägt beim Termin mit der SWZ ein solches Hawaiihemd, Chang fällt ebenfalls auf mit seinem schwarzen Schnauzer und schwarzen Dutt.

Im Rahmen des Programms erhielt Arbor Insight ein Investment vom amerikanischen Investor Techstars; dieser erwarb Anteile am Start-up. Techstars sei ein „Türöffner“, sagt Pircher, fast schon ein Qualitätssiegel, das man als Start-up vorweisen könne. Zurzeit finanziert sich das Unternehmen wieder über Eigenmittel, über Bootstrapping. „Wir überlegen aber, eine Investmentrunde zu machen“, sagt Edwin Pircher. Wie genau diese aussehen wird, wissen die zwei noch nicht.

„Geh’ in die Wiese und sprich mit den Bauern“

Die wichtigste Lehre aus der Zeit in Turin fasst Chang so zusammen: „Geh’ in die Wiese und sprich mit den Bauern.“ Es sei wenig zielführend, im Kämmerchen zu entwickeln, bis das Produkt perfekt ist. Ein Start-up müsse sich mit seiner Zielgruppe austauschen, nur dann könne es erfolgreich werden. „Für uns ist das eine Herausforderung, weil wir beide perfektionistisch sind. Aber irgendwann muss man einfach sagen: ,Jetzt passt’s‘“, so Chang.

Der nächste große Schritt für Arbor Insight wird jedenfalls der Markteintritt sein. „Wir möchten bald schon größere, internationale Märkte erschließen“, sagt Pircher. Nicht nur die nördliche Hemisphäre sei interessant, sondern auch die südliche, weil dann mehr potenzielle Erntezyklen vorhanden wären.

Die Spielwiese, in der die Start-upper unterwegs sind, soll also schon bald nicht mehr nur in Südtirol liegen. Wie groß sie noch wird, muss sich zeigen.

DIE SERIE In diesen Wochen stellt die SWZ im Zweiwochenrhythmus junge Unternehmen und deren Gründer:innen vor, so wie bereits in den vergangenen Jahren. Alle Artikel können hier und in der SWZapp nach­gelesen werden.

Schlagwörter: 29-26free

Ausgabe 29-26, Seite 6

Silvia Santandrea

Silvia Santandrea

Die Eppanerin hat in Innsbruck Politikwissenschaft und Sprachwissenschaft studiert und hat nach mehreren Praktika bei Südtiroler Printmedien sowie in Radio- und TV-Redaktionen ihren Weg in die SWZ gefunden. Herausforderungen liebt sie – im Job und auch am Berg.

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