SWZ: Herr Ghedina, Ihr Vortragsthema beim diesjährigen Südtiroler Wirtschaftsforum lautet „Mai zede – Niemals aufgeben“. Darf behauptet werden, dass es sich nicht nur um ein Vortragsthema handelt, sondern vielmehr um Ihr Lebensmotto?
Kristian Ghedina: „Mai zede“ ist mein Cortineser Dialekt. Und ja, es handelt sich um ein Lebensmotto. Schon als Kind wurde mir beigebracht, dass es sich lohnt, niemals aufzugeben – egal, ob das im Sport ist oder im täglichen Leben.
Das heißt, dass Sie „Mai zede“ nicht erst seit Ihrem schlimmen Autounfall zu Beginn Ihrer Skikarriere begleitet, sondern eigentlich seit immer.
Ich war schon als Kind jemand, der den Wettkampf liebte, das Risiko, das Extreme. Ich mochte es immer schon, mich mit anderen zu messen und mich auf die Probe zu stellen. Dabei wollte ich stets gewinnen, was nicht heißen soll, dass ich Niederlagen nicht akzeptierte. Ich akzeptierte sie sehr wohl, allerdings immer mit dem Gedanken, es das nächste Mal besser zu machen. Irgendwie habe ich es im Blut, niemals aufzugeben.
Wie fühlt man sich, wenn man nach drei Tagen Koma und nach überwundener Lebensgefahr aufwacht?
Ich lag damals, 1991, drei Tage im künstlichen Koma und zehn Tage auf der Intensivstation. Aber ich muss gestehen, dass ich mich an jene Tage kaum mehr erinnere. Ich weiß noch, dass ich aufwachte und nicht verstand, wo ich war – als mir mein Vater eröffnete, dass ich einen Unfall gehabt hätte und im Krankenhaus läge, glaubte ich ihm nicht. Erst nach einigen Tagen wurde mir bewusst, wie schlimm der Unfall gewesen war, auch weil ich die Zeitungen jener Tage nachlas.
Die Ärzte waren damals recht pessimistisch, was Ihre Rückkehr auf die Abfahrtspisten betraf.
Den Aussagen der Ärzte schenkte ich kein Gehör. Irgendwie ging es mir gut, ich verspürte keine Schmerzen, wahrscheinlich wohl, weil ich vollgepumpt mit Medikamenten war. Während sich die Ärzte vorsichtig darüber äußerten, ob ich je wieder ganz gesund werden könne, war ich mit dem Gedanken beschäftigt, dass ich mich möglichst schnell wieder mit den besten Abfahrern der Welt messen wollte.
Die Rehabilitation war lang, und mehrere Saisonen lang fuhren Sie den Topergebnissen nach, die Sie vor dem Autounfall erzielt hatten. Haben Sie nie daran gezweifelt, in die absolute Weltspitze zurückkehren zu können?
Die Zeitabstände zu den Besten waren in jener Zeit ja nicht so groß, und ab und zu gelangen mir auch sehr gute Rennen. Wirklich Angst bekommen habe ich nur einmal, und das war einer der wenigen Momente meines Lebens, in denen ich echte Angst verspürt habe. Als ich nach Monaten im Krankenhaus endlich nach Hause zurückkehrte und mich auf das Fahrrad setzte, war ich tatsächlich nicht imstande, ein paar Meter mit dem Rad zu fahren. Ich fiel um wie ein kleines Kind. Damals erschrak ich und erinnerte mich an die Aussagen der Ärzte, denen ich zuvor eigentlich keine Bedeutung beigemessen hatte. Sie hatten gesagt, dass bei schweren Kopfverletzungen vor allem der Gleichgewichtssinn und das Distanzgefühl leiden können. Für einen Moment beschlich mich die Angst, nie wieder Abfahrtsrennen bestreiten zu können. Aber der Moment dauerte nicht lang. Ich versuchte es mit dem Fahrrad wieder und wieder, und irgendwann gelang es mir, zuerst drei Meter, dann fünf Meter, dann zehn Meter zu fahren. Beim Tennisspielen war es exakt gleich: Die ersten sechs Bälle habe ich total verfehlt. Dann ging es ständig besser.
Sie wollen damit sagen, dass ehrgeizige Ziele erreichen kann, wer an sich glaubt und hart daran arbeitet.
Ja, das ist meine Botschaft. Wer an die eigenen Fähigkeiten glaubt und niemals aufgibt, kann vieles erreichen. Natürlich fällt dies leichter, wenn jemandem gefällt, was er tut – im Beruf genauso wie in anderen Lebenssituationen. Bei mir war es ja so, dass ich mir ein Leben ohne Abfahrten damals nur schwer vorstellen konnte und unbedingt ein Comeback feiern wollte.
Haben Sie den Eindruck, dass unsere reiche Gesellschaft das Kämpfen ein bisschen verlernt hat? Haben Sie den Eindruck, dass wir lieber über unsere Situation klagen, anstatt anzupacken?
Ein bisschen vielleicht schon. Ein bisschen sorgt aber auch der Staat dafür, dass die Lust zum Anpacken und zum Kämpfen verloren geht. Der Staat zwingt die Italiener in die Knie. Sehr viele Italiener haben heute das Gefühl, nur mehr für den Staat arbeiten zu müssen und von diesem auch noch mit Bürokratie behindert zu werden. Nichtsdestotrotz vergessen wir gerne, dass es uns in Italien, vor allem in unserer Gegend, nach wie vor relativ gut geht.
Können Unternehmer und Führungskräfte von der Welt des Sports lernen?
Zweifellos ja. Ich finde, dass der Sport eine Schule für Unternehmer und Führungskräfte ist. Im Berufsleben sind Tag für Tag Schwierigkeiten zu überwinden – je größer die Verantwortung, desto größer die Herausforderungen. Aber ich behaupte, dass das Sportlerleben noch aufreibender, noch schwieriger, noch ungewisser ist, weil im Sport sehr viele Variablen hinzukommen – zum Beispiel die Gefahr von Verletzungen, die eine Sportlerkarriere von einem Tag auf den anderen beenden können. Schon mein strenger Vater mahnte mich immer, dass der Sport ein Abenteuer sei und dass eine gute Ausbildung viel mehr Garantien für ein erfolgreiches Leben geben kann.
Ist der Sport eine Lebensschule?
Wieder muss ich bejahen. Der Sport lehrt, Ehrgeiz zu entwickeln und gleichzeitig Rückschläge zu verkraften. Wenn das keine Lebensschule ist! Das ganze Leben ist ja ein ständiger Wettkampf. Im Grunde ist die Lust, besser zu sein als die anderen, angeboren. Wenn Kinder spielen, messen sie sich mit ihren Freunden ständig; sie wollen schneller Rad fahren oder laufen, sie wollen höher springen und so weiter. Abgesehen davon lehrt der Sport, gesund zu leben und auf den eigenen Körper zu hören.
Welches sind eigentlich die aktuellen Tätigkeiten des Kristian Ghedina, mit denen er sich seinen Lebensunterhalt verdient? Dass Sie als Berater für Ivica Kostelic arbeiten, ist bekannt. Und sonst?
Ich habe das Glück, dass ich in meiner Sportlerkarriere eine finanzielle Basis schaffen und mir gleichzeitig einen Namen machen konnte. Davon zehre ich nach wie vor. Ich arbeite für verschiedene Firmen, so für Fischer, für BMW, für Dainese und für Colmar, und bin viel unterwegs. Darüber hinaus besitze ich ein Restaurant im Zentrum von Cortina. Ich bin mir aber bewusst, dass ich mich ständig infrage stellen muss. Von meinem Namen kann ich ganz sicher nicht ein Leben lang zehren.















