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Das Klima und die Verwirrung in den Gemeinden

KLIMASCHUTZ – Lokale Institutionen nehmen eine Schlüsselrolle im Umgang mit dem Klimawandel ein. In Südtirol fahren viele Gemeinden auf mehreren Schienen. Das kann Verwirrung stiften, wird aber vom Land gefördert. Was Kommunen bewirken können, was nicht – und wo es hakt.

Lisa Maria Gasser von Lisa Maria Gasser
22. August 2025
in Südtirol
Lesezeit: 4 mins read

Die Gemeinden halten viele Hebel in der Hand, wenn es um das Erreichen der Klimaziele geht. (Foto: LPA / Manuela Tessaro)

Bozen – Ein Radweg. Eine Photovoltaikanlage auf dem Turnhallendach. Straßenlaternen mit sparsamen LED-Leuchten. Klimaschutz muss nicht spektakulär sein – und kann es oft auch gar nicht. Die großen Ziele des Landesklimaplans lassen sich nur erreichen, wenn sie auch im Kleinen Wirklichkeit werden: Zehn Prozent weniger Emissionen aus der Landwirtschaft bis 2030. 85 Prozent erneuerbare Energien bis 2037. Null CO2-Emissionen bis 2040.

Im Kleinen, das ist in den Gemeinden. Sie halten viele Hebel in der Hand: bei Raum- und Verkehrsplanung, Energie- und Wasserversorgung, Abfall- und Abwasserentsorgung. Um diese Hebel zu nutzen, startete die KlimaHaus-Agentur­ vor zehn Jahren das Programm „KlimaGemeinde“. Die schleppende Anfangsphase ist vorbei, das Interesse wächst. Ein Grund: Das Land hat den Gemeinden inzwischen ein weiteres Werkzeug an die Hand gegeben – den Klimaschutzplan – und übernimmt bis zu 80 Prozent der Kosten für dessen Erstellung, sofern man beim KlimaGemeinde-Programm dabei ist.

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Nicht alles Gold

Als erste Gemeinde machte sich Sand in Taufers 2015 auf den Weg zur „KlimaGemeinde“. Mittlerweile nehmen 99 der 116 Südtiroler Kommunen am Programm selbst (31) oder der Vorstufe „KlimaGemeinde Light“ (68) teil. Die Gemeinden analysieren ihre Ist-Situation, stecken sich Ziele in sechs Handlungsfeldern und lassen die Fortschritte bewerten. Die Bewertung basiert auf den internationalen Standards des European Energy Award und erfolgt nach einem Punktesystem, das bis zur Auszeichnung „Gold“ reicht. Die Plakette „KlimaGemeinde“ sagt also etwas darüber aus, ob und wie sehr sich eine Gemeinde in Sachen Energie- und Klimaschutzpolitik bemüht. Bei regelmäßigen Audits wird die Realisierung der Maßnahmen geprüft – je mehr umgesetzt wurde, desto höher die Zertifizierung. Die Teilnahme am Programm kostet, je nach Einwohnerzahl, 2.125 bis 2.875 Euro jährlich.

Seit 2020 ist auch Bozen „KlimaGemeinde Gold“. Spätestens hier zeigen sich die Grenzen des Siegels.

Aktuell stehen fünf Gemeinden auf der höchsten Stufe. Seit 2020 ist auch Bozen „KlimaGemeinde Gold“. Spätestens hier zeigen sich die Grenzen des Siegels. Die Luftqualität der Landeshauptstadt ist alles andere als goldig, eingekesselt zwischen Autobahn, Flughafen, Müllverbrennungsanlage, Pendler- und Touristenverkehr. Nachfrage bei Ulrich Santa. Der Direktor der KlimaHaus-Agentur erklärt: „KlimaGemeinde“ berücksichtige einzig die Anstrengungen einer Gemeinde in den Bereichen, in denen sie auch Zuständigkeiten habe: Gebäude, Straßenbeleuchtung, Fuhrpark, Anlagen, Geräte. Bei Autobahn und Flughafen fehlt Bozen die Handhabe, an der Müllverbrennungsanlage sind 96 weitere Gemeinden, alle sieben Bezirksgemeinschaften und das Land beteiligt.

Das Gold hat die Stadt den Bemühungen in Sachen Rad- und Fußmobilität, öffentlicher Personenverkehr, Fernwärmeversorgung, Gebäudesanierungen und ihren Planungsinstrumenten zu verdanken. Bozens schwarzes Schaf bleibt der motorisierte Individualverkehr. Laut Santa hat das Audit 2024 ergeben, „dass die Ergebnisse trotz verschiedener Maßnahmen in den letzten Jahren nicht die erwarteten Verbesserungen gebracht haben“.

Nur wenige haben keinen Plan

Weit weniger öffentlichkeitswirksam als die jährlichen „KlimaGemeinde“-Prämierungen verlaufen die Arbeiten an den Gemeindeklimaschutzplänen – inhaltlich oft verwirrend überlappend. Der „Aktionsplan für nachhaltige Energie und Klimaschutz“, kurz Klimaschutzplan, umfasst: Bestandsaufnahme; Planung und Umsetzung von Maßnahmen zu Energieeffizienz, CO2-Reduktion, erneuerbaren Energien und Lichtverschmutzung; ergänzt durch ein Monitoring alle vier Jahre.

Im Ökoinstitut, das Gemeinden bei KlimaGemeinde und Klimaschutzplänen berät, kennt man die Frage nach dem Sinn dieser Doppelstruktur. „Es ist in der Tat nicht ganz einfach“, sagt Geschäftsführerin Sonja Abrate, „doch es gibt einen gewichtigen Unterschied.“ Der liege in der Datenerhebung: „Im Klimaschutzplan werden nicht nur gemeindeeigene Gebäude und Anlagen erfasst, sondern die Energieverbräuche und CO2-Emissionen im gesamten Gemeindegebiet.“ Außerdem sorge das in den KlimaGemeinden verpflichtende Energieteam oft dafür, „dass die Maßnahmen des Klimaschutzplans vom Papier in die Realität kommen“.

„Es gibt Synergien und Schnittstellen, die ineinandergreifen. Insofern ergänzen sich beide Instrumente.“

Abrate sieht daher keinen Widerspruch: „Es gibt Synergien und Schnittstellen, die ineinandergreifen. Insofern ergänzen sich beide Instrumente.“ Teil der Pläne sind auch Maßnahmen zur Klimawandelanpassung wie Gründächer, Grünflächen oder Entsiegelung – die wiederum in die KlimaGemeinde-Bewertung einfließen. Die Ziele entsprechen jenen des Landesklimaplans (minus 55 Prozent CO2 bis 2030, minus 70 Prozent bis 2037, minus 100 Prozent bis 2040), beschränken sich aber auch hier auf kommunale Handlungsfelder. Sektorale Vorgaben, wie sie der Landesklimaplan etwa für die Landwirtschaft macht, fehlen. „Im privaten Sektor können Gemeinden nicht direkt eingreifen, sondern über Sensibilisierung und Förderungen wirken“, so Abrate.

Förderungen gibt es auch für Gemeinden: Das Land übernimmt bis zu 80 Prozent der Kosten (4.000 bis 20.000 Euro) für die Erstellung der Klimaschutzpläne – wenn sie nach den europäischen Leitlinien für den „Sustainable Energy and Climate Action Plan“ (SECAP) ausgearbeitet werden und die Gemeinde bei „KlimaGemeinde“ oder „KlimaGemeinde Light“ dabei ist. Die Beraterhonorare bezuschusst das Land. Obwohl die Teilnahme freiwillig ist, hat das Land hier einen Anreiz für den Beitritt zur KlimaGemeinde geschaffen – was mit ein Grund für die hohe Beteiligungsquote von 85 Prozent sein dürfte.

Noch mehr Gemeinden – aktuell 109 – haben bereits einen SECAP-konformen Plan oder sind auf dem Weg dorthin. „Der vollständige Klimaplan der Gemeinde muss innerhalb des Jahres 2027 verabschiedet werden“, hieß es vom Gemeindenverband im Mai 2024. Doch auf SWZ-Anfrage teilt das Umweltressort des Landes mit, dass es keine Deadline gibt. Man habe eine Verpflichtung schlussendlich nicht für notwendig erachtet, da nur noch wenige Gemeinden fehlten.

Konkrete Baustellen

Viele kleine Schritte sollen Südtirols Weg zur Klimaneutralität ebnen – mit einer zentralen Rolle für die Gemeinden. „Während Klimaschutz auf Landes- oder EU-Ebene oft abstrakt wirkt, werden Maßnahmen auf kommunaler Ebene greifbar“, sagt Sonja Abrate. Selbst eine Blumenwiese sei ein Teil im Klimaschutz-Puzzle. Was diese Bemühungen bringen, ist jedoch schwer zu beziffern. „Die Maßnahmen der Gemeinden sind oft qualitativer Natur“, so Abrate. Im KlimaGemeinde-Programm habe man zuletzt daran gearbeitet, die Quantifizierungslücke zu schließen und „die Ergebnisse der Gemeinden messbarer zu machen“, sagt Ulrich Santa. Konkrete Einsparungen im Rahmen der Klimaschutzpläne – in Innichen etwa will man bis 2030 jährlich 2.362 Tonnen CO2 vermeiden (dafür kann eine Person 1.000 Mal von München nach New York und zurück fliegen) – lassen sich erst mit den ersten Monitorings feststellen.

„Zehn Jahre KlimaGemeinde – und die Emissionen steigen immer noch. Das zeigt, dass das nicht genügt.“

Für David Hofmann vom Bündnis Climate Action South Tyrol ist das Tempo zu gering. Der Neurowissenschaftler arbeitet in Sterzing am Klimaschutzplan mit: „Zehn Jahre KlimaGemeinde – und die Emissionen steigen immer noch. Das zeigt, dass das nicht genügt.“ Über 40 Vereine und Verbände fordern in einem Manifest ein Landesklimagesetz mit verbindlichen Zielen. „Das schafft Planungssicherheit für Wirtschaft und Verwaltung und stärkt den Stellenwert des Klimaschutzes in der Bevölkerung“, sagt Hofmann. Die Gratwanderung zwischen solchen Forderungen und jenen, denen der Klimaschutz heute schon zu weit geht, erlebt Sonja Abrate in vielen Gemeindestuben. Wichtig sei ein Mittelweg und die große Motivation vieler Gemeinden nicht versiegen zu lassen – aber vor allem, das Erreichte auch zu kommunizieren, wie Ulrich Santa betont: „Nach dem Motto ‚Tue Gutes und sprich darüber‘.“

Lisa Maria Gasser

DIE AUTORIN ist freiberufliche Journalistin.

Schlagwörter: 32-25free

Interview

„Wir tun viel Gutes“

SWZ: Herr Kraler, wie schaut Klimaschutz in Innichen konkret aus?

Harald Kraler

Harald Kraler*: Das Oberpustertal ist mit seinen Fernheizwerken europaweit eine Vorreiterregion in der Energiewende. Die Anstrengungen, um den Umschwung von fossilen auf alternative Brennstoffe zu schaffen, werden mittlerweile über das KlimaGemeinde-Programm gelabelt. Auf Gemeindeebene haben wir uns in den letzten fünf Jahren auf die Energiesparpotenziale in öffentlichen Gebäuden konzentriert, die erste 200 Kilowatt-Peak-Photovoltaikanlage installiert und betreiben das Schwimmbad bei Schönwetter ganztags mit Solarstrom. Weitere Maßnahmen waren ein Fußgängerleitsystem, ein Parkplatzkonzept mit verkehrsberuhigtem Ortskern und Pendler-Fahrräder. Wo es hakt, ist die Kommunikation: Wir tun viel Gutes, aber reden noch zu wenig darüber.

Ist die Zertifizierung als KlimaGemeinde Ansporn oder Bestätigung für die Gemeinde?
Vieles passiert unabhängig davon – siehe Fernheizwerke –, aber wie viel, sieht man erst, wenn man die Maßnahmen dokumentiert, bewerten lässt und mit anderen Gemeinden vergleicht. Das Programm samt Energiebuchhaltung ist eine gute Sache – und wichtig, dass das Land mit­finanziert.

Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen KlimaGemeinde und Klimaschutzplan?
Der Klimaschutzplan ist ein dynamisches Dokument, das sich an geänderte Umstände – politischer, technischer, wirtschaftlicher Natur – anpassen lässt. Aber er gibt die Richtung vor: Wo stehe ich, wo setze ich an, wohin will ich? Innerhalb dieses Rahmens entscheidet das Energieteam, wo Akzente gesetzt werden – auch nach den Vorstellungen der Bevölkerung. Der partizipative Prozess im Gemeindeentwicklungsprogramm war ein wertvolles Instrument, um zu verstehen, wo der Schuh drückt.

Was hat Innichen in den nächsten fünf Jahren vor?
Wir gehen die Entsiegelung an. Auf Straßen und Plätzen wollen wir mehr Grün ins Grau bringen. Die Menschen wünschen sich mehr Beschattung auf den Spielplätzen, auch das setzen wir um. Oft sind es Kleinigkeiten, die aber wichtig sind. Wir versuchen, uns am Puls der Zeit zu bewegen – und nutzen das KlimaGemeinde-Programm, um uns zu Maßnahmen zu verpflichten, die am Ende der Gemeinde zugutekommen. Natürlich kann nicht alles dem Klimaschutz untergeordnet werden, aber er ist Teil der Gegenwart und Zukunft. Öffentliche Verwaltungen haben die Pflicht, eine Vorbildfunktion einzunehmen und zu sensibilisieren.

Wie kommen die Maßnahmen an?
Das ist schwer objektiv zu bewerten. Aktionen wie ein autofreier Sonntag, den wir heuer zum dritten Mal veranstalten, werden kontrovers gesehen, aber ohne große Widerstände. Manche Angebote haben noch keine Nachfrage. Und ja, es werden nicht immer alle mit allem einverstanden sein, aber dass wir in Europa in derselben Liga wie die Schweiz spielen, wo die wichtigsten Städte sehr hohe Punktezahlen beim European Energy Award Gold erzielen, ist doch eine Bestätigung.

* Innichen hat 2024 als zweite Dorf­gemeinde nach Sand in Taufers die Zertifizierung „KlimaGemeinde Gold“ erhalten. 2021 wurde der aktuelle Klimaschutzplan genehmigt. Harald Kraler leitet das Innichner Energieteam und hat als Umweltreferent die Arbeiten maßgeblich begleitet. Er ist Unternehmer im Heizungs-, Lüftungs- und Sanitärsektor und lvh-Obmann seiner Sparte.

Ausgabe 32-25, Seite 2

Lisa Maria Gasser

Lisa Maria Gasser

Nach dem Studium in Trient und Wien wieder in Seis angekommen. Sieben Jahre beim Onlineportal salto.bz. Jetzt freiberufliche Journalistin, seit 2022 auch für die SWZ. Geschichten begegnen überall – einfach hinhören.

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