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Eva Klotz: „Das ist keine Hetze“

INTERVIEW – Eine Zukunft ohne Italien: Das ist bis heute ihr Ziel und das der Süd-Tiroler Freiheit, sagt Eva Klotz. Dass die von ihr gegründete Partei mit einem völlig anderen Stil Politik macht als sie, sieht die 75-Jährige gelassen. Anders als die Autonomiereform, über die die italienische Rechte „zurecht“ am lautesten juble.

Lisa Maria Gasser von Lisa Maria Gasser
19. Juni 2026
in Südtirol
Lesezeit: 7 mins read

Kurz vor ihrem Urlaub hat die SWZ eine gut gelaunte Eva Klotz zum Gespräch getroffen. (Foto: SWZ)

Bozen – 31 Jahre lang saß Eva Klotz im Südtiroler Landtag. Doch Politik hat sie lange davor begleitet – und tut es bis heute. „Ich sehe mich nicht als Politikerin, sondern als politischen Menschen“, sagt die gebürtige Passeirerin, die am 4. Juni 75 Jahre alt geworden ist. Ihr Leben hat sie dem – im Unterschied zu ihrem Vater Georg Klotz gewaltfreien – Kampf für die Freiheit Südtirols verschrieben und danach auch ihre 2007 gegründete Bewegung benannt, die Süd-Tiroler Freiheit.

SWZ: Frau Klotz, werden Sie immer noch auf der Straße angesprochen?

Eva Klotz: Ja, sehr häufig. Erst heute hat mir im Bus eine Frau zugenickt, nachträglich alles Gute zum Geburtstag gewünscht und dann gesagt: „Wissen Sie, ich grüße nicht jeden Politiker.“

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Sie werden nach wie vor als Politikerin wahrgenommen?

Ja. Obwohl ich nie von mir behauptet habe, Politikerin zu sein. Ich bin viel mit den Öffis unterwegs und setze mich oft demonstrativ neben Menschen mit einer anderen Hautfarbe als der meinen. Denn die Plätze neben ihnen sind oft leer. Das muss diesen Leuten, vor allem wenn es rechtschaffene sind, ja wehtun. Unlängst bin ich so mit einem Senegalesen ins Gespräch gekommen, der meinte, mich schon gewählt zu haben, und dann gesagt hat, wenn ich noch in der Politik wäre, würde er mir den Auftrag erteilen, zuallererst die Sozialhilfe abzuschaffen. Weil damit in Südtirol viel Missbrauch betrieben werde. Stellen Sie sich das vor!

Politische Gegner, mit denen ich im Vorfeld gesprochen habe, sagen, Eva Klotz habe „absolut nichts für Rassismus übrig“. Einige Spitzenleute Ihrer Partei werden anders wahrgenommen. Sven Knoll, Fraktionssprecher im Landtag, macht Stimmung in den sozialen Medien, zuletzt mit angeblichen Gratiswohnungen für Geflüchtete. Ist die Süd-Tiroler Freiheit radikal und fremdenfeindlich geworden?

Das „fremdenfeindlich“ würde ich ganz schnell streichen. Ich sehe ja, wie viele Nicht-Südtiroler auf Sven zugehen und mit ihm reden. Auch wenn er manchmal so wirken mag, aber er ist nicht abgehoben. Und ganz sicher nicht fremdenfeindlich und nicht radikal. Dass man gewisse Botschaften so wahrnimmt, liegt daran, dass er die neuen Medien perfekt beherrscht. Aber wenn man genau hinhört: Sie sind pointiert, nicht rassistisch. Niemand kann bestreiten, dass es Probleme gibt – das sagt nicht zuletzt die Statistik –, nur haben manche Leute nicht den Mut, das anzusprechen. Unsere Bewegung stellt Anfragen und greift solche Themen eben als Erste auf. Dass Landesrätin Pamer auf Druck der Gemeinde Bozen einen Weg sucht, Flüchtlingsfamilien anderswo im Land unterzubringen, wurde nie offen kommuniziert. Und in mancher Hinsicht wird der eine oder andere am Ende tatsächlich gratis wohnen. Das, wenn auch pointiert, anzusprechen, ist keine Hetze. Es gibt diesen Spruch: Jede Zeit hat ihre Mittel, jede Zeit hat ihren Stil.

Der neue Stil im Landtag – von Sven Knoll oder Hannes Rabensteiner – ist nicht der Stil der Eva Klotz.

Muss er auch nicht sein. Ich hatte meine Zeit, meine Art, meinen Stil. Hannes Rabensteiner ist authentisch, ein Handwerker, und steht dazu. Sven Knoll ist auch authentisch, nur eine Spur eleganter: ein sehr bedachter, disziplinierter, intellektueller Mensch. Als wir gemeinsam im Landtag saßen und ich am liebsten etwas in die Aula geschrien hätte, ist er still gesessen. Anfangs dachte mancher: Diesen Jungen knöpfen wir uns vor. Er hingegen stand auf, ergriff das Wort in persönlicher Angelegenheit und parierte – so elegant, so präzise. Ich habe ihn bewundert.

Von außen wirkt es, als zögen Knoll und Rabensteiner eine Two-Men-Show ab, während Myriam Atz und Bernhard Zimmerhofer nicht mitmachen. Geht ein Riss durch die Fraktion?

Das als Riss zu deuten, ist ein Irrtum. Es ist eine Aufgabenteilung. Als ich 1983 erstmals und alleine in den Landtag gewählt wurde, musste ich als Ein-Frau-Fraktion alles machen; bei vier Abgeordneten teilt man sich das auf: Bernhard Zimmerhofer Sport, Wirtschaft, Tourismus; Sven Knoll Volkstumspolitik und Internationales; Hannes Rabensteiner Handwerk und Landwirtschaft; Myriam Atz Schule und Frauenthemen. Dass Knoll und Rabensteiner öfter zu Wort kommen, liegt an den diskutierten Thematiken und an ihrer Art – weil Hannes Rabensteiner Dialekt redet, fällt er eben mehr auf. Myriam Atz und Bernhard Zimmerhofer haben einen anderen Charakter. Und nicht jeder ist rhetorisch so begabt wie Sven Knoll. Aber Bernhard, den ich von meiner Zeit im Landtag kenne, ist sehr glaubwürdig, ein sehr anständiger Mensch und kein Dampfplauderer. Keiner der vier ist das.

Welches Gewicht hat Ihre Stimme noch in der Bewegung?

Ich habe darum gebeten, mich nicht mehr in den Hauptausschuss zu kooptieren, und bin dankbar, dass man mir diesen Wunsch erfüllt hat. Aber ich bin nach wie vor eingebunden und habe bei meinem Abgang den Landtagsabgeordneten gesagt: Zu treuen Händen übergeben, wisset, ich werde mich nie in eure Arbeit einmischen. Aber wenn ihr mich braucht, wisst ihr, wo ihr mich erreichen könnt. Und es passiert immer wieder, dass ich angerufen werde.

Sie interessieren sich nach wie vor, was im Landtag passiert?

Ja, sehr.

Die Diskussion über die Autonomiereform 2025 haben Sie auf der Zuschauertribüne verfolgt. Die Reform ist unter Dach und Fach und am lautesten jubeln: die italienischen Rechten.

Mit vollem Recht.

Was die SVP als große Errungenschaft erklärt, muss erst bewiesen werden.

Was ist da falsch gelaufen?

Wenn man das Grinsen von Alessandro Urzì und Michaela Biancofiore sieht, versteht man, was passiert ist. „Die Terroristen haben verloren, wir haben gewonnen“ – bezogen auf diese Reform hat Urzì recht, er hat gleich vierfach gewonnen. Die Ansässigkeitsklausel für die Landtagswahl wurde von vier auf zwei Jahre gesenkt. Wir kennen den Einfallsreichtum in Rom: Wenn Wahlen anstehen, kann der Staat jederzeit mit irgendeinem Vorwand das Heer in Südtirol aufstocken und so die Wahlen manipulieren. Das ist ein Dammbruch. Was hat Alfons Benedikter bei den Autonomieverhandlungen damals gekämpft und erkämpft! Jetzt würde er sich im Grab umdrehen.

Was hat Urzì noch gewonnen?

Die Kann-Bestimmung zur Landesregierung: Künftig kann die Zusammensetzung nach dem Ergebnis der Volkszählung statt dem der Landtagswahl erfolgen. Und die Volkszählung wird immer günstiger für die Italiener ausfallen, weil sich die meisten neu Zugewanderten in die italienische Volksgruppe integrieren. Unsere Politiker sind nicht standhaft genug, um dem Wunsch nach einer stärkeren italienischen Vertretung nicht nachzugeben – weil sie sich sonst dem Vorwurf ausgesetzt sehen, italienerfeindlich, rassistisch, alte Nazis oder „pangermanisti“ zu sein. Die Kann-Bestimmung bei den Gemeindeausschüssen, wo künftig auch der einzige Italiener im Gemeinderat sitzen kann, ist dem Urzì auch durchgegangen. Das Pünktchen auf dem I ist schließlich, dass in der Verfassung auch in der deutschen Bezeichnung „Alto Adige“ vorkommen muss. Urzì hat auf ganzer Linie gewonnen.

Aus der SVP klingt das anders.

Ich habe Oskar Peterlini gefragt, den Experten: die Kollektivverträge, die Wolfsgeschichte, der Flugbetrieb, die Ladenöffnungszeiten – das ist alles erst auszuhandeln. Wenn Arno Kompatscher sagt, wir hätten alle ausgehöhlten Befugnisse zurückgeholt, frage ich: Wo sind sie? Geblieben ist das nationale Interesse, das letzte Wort haben also nach wie vor der Verfassungs- und Oberste Verwaltungsgerichtshof. Was die SVP als große Errungenschaft erklärt, muss erst bewiesen werden.

Bei der letzten Landesversammlung der Süd-Tiroler Freiheit wurde die Selbstbestimmung als wichtigstes Thema genannt. Nun hat sich Südtirol – mittlerweile eine der reichsten Regionen Europas – wirtschaftlich sehr gut entwickelt bei Italien.

Das hätte es in jedem Fall. Man kann nicht sagen, es gehe Südtirol besser, weil es bei Italien ist. In Nordtirol gibt es zwar ähnliche Missstände, etwa bei der Post, aber über die Löhne klagt dort niemand. Es ist der Fleiß der Leute hier, der den Wohlstand gebracht hat und sichert.

Nicht die Tatsache, dass Südtirol dank seiner Autonomie 90 Prozent der Steuereinnahmen selbst verwalten kann?

Das ist keine Sicherheit. Über das Finanzabkommen und die einzelnen Posten – für die sogenannten Grenzgebiete, was Südtirol für die Post oder die RAI zahlen muss – muss ständig verhandelt werden.

Bei den Gästen profitiert Südtirol eindeutig von der Zugehörigkeit zu Italien.

Dass Südtirol Pizza, Pasta und mediterranes Flair sei, ist eine Dummheit, die die Tirol Werbung heuer verbreitet hat. Welch ein Fauxpas!

Teil Italiens zu sein, ist kein touristischer Wettbewerbsvorteil?

Nein, sicher nicht. Die Leute kommen wegen der Landschaft, weil man gut isst, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, weil Hotellerie und Nahverkehr sehr gut funktionieren.

Ich habe selbst von meinen größten politischen Widersachern gelernt.

Die Jugendbewegung der Süd-Tiroler Freiheit hat es zuletzt auf die Titelseite der Neuen Südtiroler Tageszeitung geschafft …

Ah, die „Gefährliche Nähe“!

Als Gastredner beim heurigen Landesjugendtreffen soll der Vorsitzende der AfD-Jugendorganisation auftreten. Bereitet Ihnen diese Nähe zur AfD Sorge?

Ich würde da noch keine Nähe konstruieren. Ich werde hingehen und mir den Mann anhören. Denn mir ist jeglicher Meinungs- und Gesinnungsterror seit jeher zuwider. Ich selbst bin Einladungen von italienischen Ultralinken und Maoisten gefolgt, habe Beiträge für ein anarchistisches Blatt geschrieben und einen über Jörg Haider, für den ich gegeißelt wurde, weil ich ihn als politischen Slalomläufer beschrieben habe. Also: Von vornherein zu sagen, da gehe ich nicht hin, weil da alle so denken, ist von gewisser Seite so engstirnig, so borniert. Man möge sich anhören, was einer von sich gibt, nicht, vor wem. Solange jemand nicht verurteilt ist, keiner verbotenen Gruppierung angehört und sich im demokratischen Rahmen bewegt – und in Deutschland ist man da sehr genau –, höre ich zu, stelle Fragen und urteile danach.

Besagter AfD-Jugendchef wird vom Verfassungsschutz Brandenburg als rechtsextrem eingestuft.

Dann höre ich mir an, was in Deutschland rechtsextrem ist. Den Jungen aber werde ich als erfahrener Mensch sagen: Unser Ziel ist die Freiheit Südtirols, nicht eine europäische Zusammenarbeit mit sogenannten Rechten oder Identitären. Hütet euch vor zu viel Nähe – denn in der Geschichte hatten manche Gruppierungen in erster Linie andere Interessen im Sinn, nicht die Freiheit Südtirols, und sobald es um höhere Interessen geht, spielt Südtirol keine Rolle. Das war immer so. Auch in der Österreichischen Volkspartei wurden Südtiroler Interessen vergessen, wenn es um Machenschaften mit der Democrazia italiana ging.

Würde die Süd-Tiroler Freiheit auch einen Ultralinken oder Maoisten einladen?

Ich denke schon. Ich kenne gerade keinen einschlägigen, aber Kontakte hatte ich mit dem gesamten Spektrum.

Sie sagen: Unser Ziel ist die Freiheit Südtirols.

Eine Zukunft ohne Italien.

Bei Ihrer letzten Landtagssitzung am 2. Dezember 2014 hat Ihnen Sven Knoll versprochen, „dass wir in deinem Sinne weiterarbeiten“.

Das tun sie.

Sie wiederum haben all jenen gedankt, „von denen ich in diesem Saal auch in menschlicher Hinsicht viel gelernt habe“. An wen haben Sie da gedacht?

Quer durch die Fraktionen. Ob Pius Leitner, Rosa Franzelin, Waltraud Gebert Deeg, Hans Heiss – ich habe von den allermeisten gelernt. Auch von meinen größten politischen Widersachern wie Alexander Langer oder dem Faschisten Pietro Mitolo, die die Geschäftsordnung des Landtages aus dem Effeff kannten.

Ihre Mutter Rosa hat eine prägende Rolle für Sie gespielt. Haben Sie ihren Kampfgeist geerbt?

Den habe ich sicher von beiden Eltern. Wobei mein Vater zurückhaltender war, er wollte niemanden belasten. Die Mama war da anders, manchmal keck, standhaft, von einer Furchtlosigkeit sondergleichen. Eine ungewöhnliche Frau, ja.

Das werden andere auch von Ihnen sagen?

Da bin ich befangen. (lacht herzlich)

Interview: Lisa Maria Gasser

Schlagwörter: 24-26free

Ausgabe 24-26, Seite 6

Lisa Maria Gasser

Lisa Maria Gasser

Nach dem Studium in Trient und Wien wieder in Seis angekommen. Sieben Jahre beim Onlineportal salto.bz. Jetzt freiberufliche Journalistin, seit 2022 auch für die SWZ. Geschichten begegnen überall – einfach hinhören.

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