Bozen – „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“. Es mögen oft bemühte Worte sein, doch der zynische Satz aus der Medienbranche birgt einen wahren Kern – leider, ist man als Journalist geneigt zu sagen. Doch die Fakten lassen wenig Raum für alternative Interpretationen: Ob in Print, Fernsehen oder im Radio, egal, in welchem Land: Die Leserzahlen und Einschaltquoten schnellen bei Unglücken oder Katastrophen in die Höhe. Dazu braucht es kein Erdbeben. Oft schafft es die an und für sich unspektakuläre Nachricht einer leichten Zunahme von Einbrüchen und Diebstählen im letzten Halbjahr ganz nach oben in den Schlagzeilen. Das Leid anderer und ganz allgemein Ängste sind gut für das Geschäft. Das gilt nicht nur für Medien, sondern auch manche Politiker, wie der Aufstieg der Rechtspopulisten quer durch Europa zeigt. Auch in Südtirol steht das Sicherheitsthema auf verschiedenen Politagenden, letzthin stärker betont angesichts der nahenden Landtagswahlen, wie etwa jüngste Pressemitteilungen oder Aussagen der Freiheitlichen („Südtirol hat ein massives Sicherheitsproblem“, „Banden ziehen durch das Land“) oder von Casapound („Wir brauchen Bürgerwehren“) deutlich machen.
Die Wirtschaft mag die „bad news“ eigentlich nicht so gerne. Auch wenn die Börsenerfahrungen nach Brexit und Trump zuletzt anderes gezeigt haben, gilt: Unternehmen lieben Optimismus und die rosa Brille, auch in Südtirol (siehe auch SWZ 05/17„Die Stunde der Optimisten“, online oder auf SWZapp nachzulesen). Und doch gibt es Wirtschaftsbranchen, die von sogenannten schlechten Nachrichten profitieren. Wenn sich wie zuletzt Berichte über Cyberattacken und Internetkriminalität häufen (siehe „Alarm im Internet“ SWZ 11/17), macht sich das beim Absatz von Cyberschutzprogrammen bemerkbar. Wenn sich Berichte über Einbruchsserien und Diebstähle häufen, dann schlägt sich das nur konsequenterweise auch in den Umsatzzahlen von Alarmanlagenverkäufern oder Herstellern von einbruchssicheren Türen nieder. Südtirol ist da keine Ausnahme. „Wir wurden in den letzten beiden Jahren von Anfragen für einbruchssichere Türen und Fenster regelrecht überhäuft. Sie kamen vor allem aus jenen Gegenden und Gemeinden, in denen im entsprechenden Zeitraum Einbrüche und Diebstähle gemeldet wurden“, sagt Birgit Tutzer von der Firma Finstral. Das Rittner Unternehmen warb schon vor mehr als zwei Jahren in Südtirol mit dem Titel „Das gute Gefühl der Sicherheit“ für widerstandsfähige Beschlagteile, Sicherheitsgläser und absperrbare Griffe.
Christoph Nicolussi hingegen verkauft elektronische Sicherheits- und Kommunikationstechnik. Seit über 25 Jahren versorgt der Inhaber des Bozner Unternehmens Nicom sowohl Private als auch Unternehmen mit der Technik für Einbruchsmeldesysteme, für die Videoüberwachung, für Zutrittskontrollen oder für das Sicherheitsmanagement. „Wir stellen fest, dass die Nachfrage nach solchen Systemen zuletzt um 10 bis 15 Prozent gestiegen ist. Diese Steigerung macht unser Geschäft nicht zur goldenen Kuh, aber sie ist definitiv spürbar. Die Leute wollen sich in den eigenen vier Wänden sicher fühlen und geben dafür Geld aus.“
Wie viel mehr Geld das ist, wollen die Unternehmen nicht sagen. Generell tut man sich schwer, das Phänomen des zunehmenden Sicherheitsbedürfnisses in Zahlen auszudrücken. So geht es auch dem Versicherungsgeschäft. Der Broker Assiconsult in Bozen spricht von einer „hohen Sensibilität bezüglich Diebstahlversicherung“ bei den Kunden, die allerdings schwer quantifizierbar sei, da es sich großteils um inkludierte Leistungen handelt. Der Versicherungsdienstleister Assimeran versichert vor allem Hotels gegen Einbruch und Diebstahl, rund 700 Betriebe gehören zu seinen Kunden. Geschäftsführer Stefan Kuen schätzt, dass sich die Nachfrage nach Diebstahl- und Einbruchsversicherungen seit 2010 verdoppelt hat. „Wir merken, dass vor allem die gebrannten Kinder, also jene, die schon Schadensfälle zu beklagen hatten, aktiv werden.“
Das gestiegene Sicherheitsbedürfnis geht offenbar auf ein diffuses Gefühl der Unsicherheit zurück. So ist die Bildung einer Bürgerwehr im Bozner Viertel Don Bosco kein Einzelfall. In vielen anderen Südtiroler Gemeinden haben sich in den vergangenen Jahren Facebook- und Whatsapp-Gruppen gebildet, in denen bei Einbrüchen im Dorf, auch bei vermeintlichen, Alarm geschlagen wird. Jeder muss sich schützen, es kann auch bei uns passieren, gemeinsam sind wir stärker – so der Tenor solcher Gruppen. Wer die Mittel hat, baut Alarmanlagen, Kameras oder bruchsichere Fenster ein. „War das Thema Sicherheit früher nur ein Thema der Wohlhabenden, ist es heute auch eines der Mittelklasse“, bringt es Christoph Nicolussi von Nicom auf den Punkt.
Welchen Stellenwert das Thema Sicherheit mittlerweile hat, zeigen auch politische Entwicklungen. Im Oktober 2016 beschloss der Bozner Stadtrat den Ankauf von weiteren Überwachungskameras im Wert von fast 400.000 Euro – mit einer Eile und Einhelligkeit, die unter der vorhergehenden Mitte-links-Koalition unter Luigi Spagnolli noch undenkbar gewesen wäre. Werden die bereits bestehenden Kameras, die zur Verkehrssicherheit, aber auch für die Überwachung eingesetzt werden können, eingerechnet, kommt die Stadt Bozen mit ihren digitalen Sicherheitsmaßnahmen auf eine stolze Summe von rund einer Million Euro. Bürgermeister Renzo Caramaschi spricht von sinnvollen Investitionen. „Natürlich können Maßnahmen wie Überwachungskameras bei der Bekämpfung der Kriminalität helfen.“
Doch welche Kriminalität ist eigentlich gemeint? Ein Blick in die offiziellen Statistiken des Statistikinstituts Astat relativiert. Demnach sind die Gesamtzahlen an kriminellen Straftaten in Südtirol von 2013 bis 2015 nicht gestiegen, sondern konstant geblieben und teilweise sogar leicht gesunken (siehe eigener Kasten). Wurden 2013 von den Polizeikräften 1.517 Diebstähle in Südtirol angezeigt, waren es 2014 1.408 und 2015 1.453. Sehr wohl angestiegen sind laut Astat die betrügerischen Handlungen im Informatikbereich (+30 Prozent von 2014 auf 2015) sowie Drogendelikte (+41 %).
Ist die Angst also unbegründet und nicht der realen Situation entsprechend? „Ich glaube, das Bedürfnis hängt nicht so sehr von der Zahl der Einbrüche oder Diebstähle ab, sondern vom Ausmaß des Schadens. Das ist laut unserer Statistik klar größer als noch vor fünf Jahren. Das hat Auswirkungen auf die Versicherungsnehmer“, so die These von Stefan Kuen von Assimeran. „Die Ängste sind zumindest in Bozen teilweise völlig überzogen“, meint hingegen Renzo Caramaschi. Für den Bozner Bürgermeister sind es vor allem die ungünstigen Voraussetzungen in der Einwanderungsfrage, die ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis bewirken. „Wir tun unser Möglichstes. Aber insgesamt ist es doch so, dass die Bevölkerung mental nicht auf die Flüchtlingsfrage vorbereitet war. Wenn wir es nicht schaffen, die neuen Mitbürger in Arbeit zu bringen und einzubinden, wird sich der Eindruck verstärken, die Stadt sei nicht sicher.“
Eines steht fest: Ist die allgemeine Angst um die Sicherheit öffentlich weiterhin so stark an die Einwanderung gekoppelt, wird sie so schnell nicht verschwinden. Laut Caramaschi stehen allein für Bozen die wirklich großen Herausforderungen noch bevor, wenn im kommenden Jahr viele der Asylanträge abgelehnt werden. Zudem werden laut Hochrechnungen die Immigrationszahlen für Italien und Südtirol 2017 und 2018 nicht sinken. Prognosen, die danach schreien, aus der Sicherheitsdebatte eine ernsthafte Integrationsdebatte zu machen.
Info
„Bozen ist nicht die Bronx“
Wer sind alle?
Welche Rolle spielen die Medien?
Hintergrund für die Recherchen zum Thema sind Ende Februar 2017 vom Astat veröffentlichte Zahlen, wonach im Jahr 2015 (jene von 2016 stehen noch aus) die von den Polizeikräften in Südtirol angezeigten Straftaten gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken sind, von 17.862 auf 17.265 (-3,3 Prozent). Dabei sind Diebstähle und Einbrüche als häufigste Straftaten (50 Prozent aller Straftaten) weniger geworden. Die Diebstähle in Südtirol sind im Vergleich zum Vorjahr um 14,2 Prozent gesunken, insbesondere die Einbrüche in abgestellte Autos (-39,2 %) und in Wohnungen (-26,4 %). Angestiegen sind hingegen Drogendelikte (+41,7 Prozent) sowie Betrug im Informatikbereich (+30,8 Prozent). Der Vergleich mit Trient und Italien zeigt, dass in Südtirol mit 33,2 Fällen je 1.000 Einwohner weniger Straftagen als im Trentino (35,1) und Italien (44,2) verübt werden. Im Jahr 2014 (letzter verfügbarer Wert) wurden 2.992 Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft (41,9% aller Tatverdächtigen) gemeldet, etwas weniger als 2013 (3.519 Personen).















