Bozen – Gehen Südtirol die mineralischen Rohstoffe aus? Diese Frage stand im Zentrum einer Pressekonferenz des Baukollegiums, die am Dienstag in Bozen stattfand – und sie trifft einen Nerv. Denn was nach einem branchenspezifischen Thema klingt, berührt tatsächlich zentrale Zukunftsfragen des Landes: leistbares Wohnen, Infrastruktur, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit.
„Mineralische Rohstoffe wie Sand, Schotter und Steine werden für verschiedenste Bau- und Infrastrukturvorhaben in Südtirol gebraucht. Insgesamt sprechen wir von einem jährlichen Bedarf von rund 6 Mio. Tonnen.“ Christian Egartner
„Mineralische Rohstoffe wie Sand, Schotter und Steine werden für verschiedenste Bau- und Infrastrukturvorhaben in Südtirol gebraucht. Insgesamt sprechen wir von einem jährlichen Bedarf von rund 6 Mio. Tonnen, welche Südtirol für Hinterfüllungen, Dämme, Betone, Asphalte, usw. benötigt“, erklärte der Präsident des Baukollegiums, Christian Egartner, einleitend.
Nur ein Drittel aus heimischen Quellen
Die Zahl ist eindrucksvoll: Rund 6 Millionen Tonnen mineralischer Rohstoffe pro Jahr. Derzeit stammen jedoch lediglich 35 Prozent dieses Bedarfs aus heimischen Gruben und Steinbrüchen. Die restlichen 65 Prozent werden über die Wiederverwertung von Aushubmaterial und Bauschutt oder durch Importe gedeckt.
Was auf den ersten Blick nach funktionierender Kreislaufwirtschaft klingt, birgt laut Baukollegium erhebliche Risiken.
„Und genau hier liegt das Problem: was passiert, wenn wir dieses Material nicht mehr zur Verfügung haben? Stehen dann die Projekte still? Steigen dann die Preise für Bauvorhaben weiter? Werden wir von kostenintensiven Importen, die nicht im Sinne der Nachhaltigkeit sind, abhängen? Gehen Arbeitsplätze verloren? Sinkt die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen? Fakt ist: wenn wir mit den heute ausgewiesenen Gruben und Steinbrücken arbeiten müssen, ist in 2,5 Jahren das aktuell genehmigte Material aufgebraucht. Die Wirtschaft hat aktuell keine Planungssicherheit. Das kann weitreichende, spürbare Folgen haben. Deshalb muss Südtirol für langfristige Planbarkeit für mineralische Rohstoffe sorgen“, so Christian Grünfelder, Präsidiumsmitglied des Baukollegiums.
„Fakt ist: wenn wir mit den heute ausgewiesenen Gruben und Steinbrücken arbeiten müssen, ist in 2,5 Jahren das aktuell genehmigte Material aufgebraucht.“ Christian Grünfelder
Die Botschaft ist klar: Mit den aktuell genehmigten Abbauflächen reicht das Material noch 2,5 Jahre. Danach droht ein Engpass – mit potenziell gravierenden Folgen für Bauwirtschaft, öffentliche Investitionen und den Wohnbau.
Ein Mangel an mineralischen Rohstoffen würde nicht nur Bauprojekte verteuern. Er könnte auch ökologische Zielsetzungen unterlaufen, wenn Material zunehmend über weite Strecken importiert werden muss. Steigende Kosten, Verzögerungen bei Infrastrukturprojekten, Unsicherheiten bei Investitionen und eine Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen wären mögliche Konsequenzen.
Nachhaltigkeit als Dreiklang
Das Baukollegium beschränkte sich jedoch nicht auf Warnungen, sondern präsentierte konkrete Lösungsansätze. Im Zentrum steht ein umfassendes Nachhaltigkeitsverständnis.
„In erster Linie geht es darum, die Nachhaltigkeit in all ihren drei Bereichen zu beachten, wenn man über die Ausweisung neuer Gruben und Steinbrüche redet: nicht nur auf der ökologischen Ebene, sondern auch auf der sozialen und wirtschaftlichen Ebene. In die Bewertungen und Überlegungen müssen alle drei Säulen gleichwertig einfließen“, so Egartner und Grünfelder.
Gefordert wird somit eine ausgewogene Abwägung zwischen Umweltverträglichkeit, gesellschaftlicher Akzeptanz und wirtschaftlicher Notwendigkeit – ein Dreiklang, der langfristige Stabilität sichern soll.
Darüber hinaus schlägt das Baukollegium eine einheitliche und periodische Erhebung der Materialströme sowie des tatsächlichen Bedarfs an mineralischen Rohstoffen vor. Ein weiterer zentraler Punkt ist die möglichst zeitnahe Fertigstellung der geologischen Kartierung Südtirols.
„Dadurch kann sich die Bevölkerung über die Vorkommen von Sand, Schotter und Steinen informieren. Damit hoffen wir auch, dass die Planung zukünftiger Gruben und Steinbrüche klarer, einfacher und transparenter wird.“ Geschäftsleiter Thomas Hasler.
Mehr Transparenz, bessere Daten und eine fundierte Planungsgrundlage sollen Vertrauen schaffen – sowohl in der Bevölkerung als auch in der Wirtschaft.
Ohne Rohstoffe kein Wandel
Zum Abschluss unterstrichen die Vertreter des Baukollegiums die strategische Dimension des Themas:
„Klar ist für uns: Ohne mineralische Rohstoffe ist kein ökologischer und nachhaltiger Wandel möglich. Deshalb muss in diesem Bereich rasch gehandelt werden“, so die Vertreter des Baukollegiums abschließend.
Die Debatte um Gruben und Steinbrüche ist damit weit mehr als eine Diskussion über Abbauflächen. Sie ist ein Gradmesser dafür, wie Südtirol den Spagat zwischen Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und wirtschaftlicher Dynamik meistert – und wie entschlossen das Land seine Zukunft gestaltet.

















