Christian Pfeifer, SWZ-Chefredakteur, meint: Zurück ins Hamsterrad
Es stimmt, niemand besitzt die Glaskugel, auch ich nicht, schon gar nicht in Coronazeiten. Ich will trotzdem versuchen, mir auszumalen, wie wir leben werden, wenn dieser böse Film endlich endet, in den wir völlig unvorbereitet hineingeraten sind. Sicher ist, dass so etwas nicht spurlos an uns vorübergehen kann. Es werden dauerhafte Narben bleiben, trotzdem glaube ich nicht daran, dass da gerade eine neue Epoche beginnt. Wir werden danach kein glücklicheres Volk sein, das die kleinen Dinge des Lebens mehr schätzt, zum Beispiel einen Barbesuch mit Freunden, oder das sich dessen bewusster wird, was wirklich zählt. Wir werden wieder im Hamsterrad landen. Wir werden wieder über den Stress klagen, den sich untätig zu Hause Sitzende derzeit zurückwünschen. Wir werden uns sogar wieder die Hände geben, auch wenn das zuerst wochenlang ein mulmiges Gefühl sein wird. Kurzzeitig werden wir die zurückgewonnenen Freiheiten und unser wiedererlangtes Leben in vollen Zügen genießen und zu schätzen wissen, aber nach wenigen Wochen wird die frühere Routine wieder einkehren. Selbstverständliches wird wieder selbstverständlich werden, so wie vor Corona.
Vorausgesetzt, wir besiegen das Coronavirus innerhalb einiger Monate, und davon gehe ich aus, wird es uns nicht verändern. Es wird uns aber prägen. Wir werden schreckhafter sein, wenn wir künftig von einem neuen Virus hören, der irgendwo auf der Welt auftaucht. Wir werden wohl auch besser vorbereitet sein, so wie es Taiwan schon diesmal war, weil wir mit der Corona-Erfahrung im Hinterkopf massive Einschränkungen unseres Alltags sofort und widerstandslos akzeptieren werden, um Schlimmerem vorzubeugen.
Vor allem werden Home Office und Videokonferenzen ganz selbstverständlich bleiben und ein bisschen unserem Klima helfen. Bisher haben sich viele Chef*innen und auch Mitarbeiter*innen dagegen gesträubt, denn natürlich ist der persönliche Kontakt unübertrefflich. Aber jetzt, ins kalte Wasser geworfen, merken wir, dass wir gar nicht mal so übel schwimmen können, wenn wir nur genug strampeln. Und deswegen werden wir es in Zukunft vielleicht gar nicht mehr aushalten, jeden Tag alle gemeinsam im Büro zu sitzen und viel Lebenszeit auf dem Weg dorthin zu vergeuden.
Südtirol wird auch wieder das wirtschaftlich boomende Ländlein werden, das über Fachkräftemangel, Verkehrsbelastung und Overtourism diskutiert. Das aber wird länger dauern. Kurzfristig wird Südtirol Betriebe und Arbeitsplätze in schmerzhaftem Ausmaß verlieren. Das ist die schlechte Nachricht. Der Rest ist die gute.
.
.
SWZ-Redakteurin Simone Treibenreif meint: Erstens kommt es anders …
… und zweitens als man denkt, oder vielmehr: als ich zum jetzigen Zeitpunkt denke! Davon bin ich fest überzeugt, auch weil es noch viel zu viele Ungewissheiten und Variablen rund um Covid-19 und die Auswirkungen gibt. Ständig bringt irgendein*e Expert*in neue Theorien, neue Szenarien, neue Hypothesen aufs Tapet. Und so ändern sich auch meine Ansichten über die Zukunft mehrmals am Tag – und schwanken je nach Menge und Art meines Medienkonsums zwischen „Von dieser Krise werden wir uns weder als Gesellschaft noch als Wirtschaft schnell erholen“ und „Alles halb so schlimm (natürlich bis auf die zahlreichen Kranken und Toten), in ein paar Wochen geht alles wieder seinen gewohnten Lauf“.
Derzeit halte ich mich vorzugsweise an die Thesen des Zukunftsinstituts. Dessen tägliches Geschäft ist es, aus der Vergangenheit und der Gegenwart Trends für die Zukunft abzulesen – das ist ein Geschäft, das sich zwar oft im Wagen hält, dennoch ist der Output in der Regel interessant und informativ und animiert zum Nachdenken oder auch zum Handeln.
Über die Folgen der aktuellen Krise haben sich die Forscher*innen bereits Gedanken gemacht, und das Ergebnis ist: Nichts Genaues weiß man nicht!
So schreibt Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, von einer „neuen Zukunft“, einer, „die aktuell ungewisser denn je erscheint.“ Er schreibt auch davon, dass angesichts der Situation Panik nicht angebracht sei, ebensowenig wie ein Aufruf zur Gelassenheit. Die Lage sei ernst, unübersichtlich und unsicher. Letztlich bleibe nur die Möglichkeit, sich konzentriert und schrittweise von einem Tag auf den anderen vorzubereiten, ohne den Überblick über die Gesamtsituation zu verlieren. „Leichter gesagt als getan“, sind sich denn auch die Forscher des Zukunftsinstituts bewusst.
Das Ergebnis des Versuchs der Trendforscher, mögliche mittelfristige Folgen der Pandemie einzuschätzen, enthält wie üblich für jeden etwas. Und so sind die Szenarien ebenso ambivalent wie meine persönlichen, im Stundentakt schwankenden Thesen:
- Szenario 1: Die totale Isolation – Am Anfang war der Shutdown – und der Shutdown ist zur Normalität geworden.
- Szenario 2: System-Crash – Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht, und sie kommt nicht mehr heraus.
- Szenario 3: Neo-Tribes – Nach der Corona-Krise hat sich die globalisierte Gesellschaft wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt.
- Szenario 4: Adaption – Die Welt lernt und geht gestärkt aus der Krise hervor.
Wünschen würde ich mir Letzteres – aber wie wir alle wissen: Das Leben ist kein Wunschkonzert!
.
.
SWZ-Redakteurin Sabina Drescher meint: Ehre, wem Ehre gebührt
Wir schreiben das Jahr eins nach Corona. Die Pandemie hat unsere Welt verändert. Zeichen des Wandels sah man bereits zu ihrem Beginn im März 2020. Kaum ein Auto und Lkw war mehr unterwegs. Plötzlich war Homeoffice auch in Betrieben möglich, in denen sich die Führungskräfte vorher dagegen gesträubt hatten. Statt zu Meetings zu fliegen, trafen sich die Menschen im Videochat. Bleibt zu Hause, hieß es, dann wird alles gut. Doch nicht alle konnten. Medizinisches Personal, Lebensmittelverkäufer*innen, Lkw-Fahrer*innen, Landwirt*innen und andere Menschen in sogenannten systemrelevanten Berufen gaben tagtäglich ihr Bestes für die Gesellschaft. Lange Zeit war ihr Wirken für selbstverständlich angenommen worden. Angesichts der Krise, die verschiedene Politiker als „größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichneten, bekamen sie die wohlverdiente Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Die Medien berichteten beinahe täglich über sie und darüber, wie sie unseren Alltag ein Stück weit aufrechterhielten. Jene, die zu Hause bleiben konnten, traten auf die Balkone und in die Gärten, um für sie zu applaudieren. So wie die Finanzkrise von 2008 zur Erkenntnis geführt hatte, dass manche Banken zu groß zum Scheitern sind, so wurde während der Coronavirus-Pandemie klar, dass wir auf bestimmte Berufe nicht verzichten können. Schon vorher hatten jene, die in diesen Berufen arbeiten, viel für die Gesellschaft geleistet, doch wenig zurückbekommen: wenig Anerkennung, wenig Wertschätzung – und wenig Geld. Die Krise war in dieser Hinsicht ein Augenöffner. In den sozialen Netzwerken machten Posts die Runde, die auf die ungleiche Bezahlung in verschiedenen Branchen hinwiesen. In einem hieß es: „Fußballer bekommen eine Million Euro pro Monat, ein Forscher 1.800 Euro. Jetzt suchst du nach einer Behandlung für das Coronavirus. Geh zu Christiano Ronaldo oder Messi, sie werden eine finden.“ Zugegeben, die Aussage ist überspitzt und lässt wirtschaftliche Zusammenhänge im Hintergrund außer Acht. Dennoch sprach sie vielen aus der Seele.
Heute wird der Wert systemrelevanter Arbeit besser anerkannt. Menschen, die einer solchen nachgehen, erhalten nun ein angemessenes Gehalt und dadurch später eine Rente, die ein Altern in Würde ermöglicht. Aber nicht nur sie werden nun anders gesehen. Auch Sorgearbeitende, die sich zu Hause um andere kümmern, egal, ob um Kinder oder Pflegebedürftige, bekommen mehr Unterstützung und fühlen sich weniger alleingelassen. Es wird nicht mehr auf Kosten derer gespart, die für andere lebenswichtige Aufgaben erfüllen. Die Krise war ein Weckruf – und wir haben ihn gehört.
.
.
SWZ-Mitarbeiter Robert Weißensteiner meint: Wenn nötig unorthodox
Die Welt hat in den vergangenen 50 Jahren viele Krisen mit negativen wirtschaftlichen Folgen erlebt – von der Ölkrise 1973 bis zur Finanzkrise nach 2008/09. Doch keine Krise war so tief und weltumspannend wie jene, die diese Pandemie auslöst. Wenn es gelingt – und dies ist die wahrscheinliche und wünschenswerte Entwicklung –, die Ausbreitung mit mehr oder weniger radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, dürfte sich bei uns wiederholen, was China erlebt. Das wirtschaftliche Leben steht infolge der De-facto-Quarantäne zu einem großen Teil für mindestens sechs bis acht Wochen still. Erst nach und nach werden die üblichen Kreisläufe anschließend wieder zu funktionieren beginnen. Es kommt zu einer tiefen Rezession mit einem deutlichen Schwund der Wirtschaftsleistung, Arbeitslosigkeit, Überlastung der Sozialsysteme, Unternehmenspleiten. Gegen alles das machen derzeit EU, Europäische Zentralbank, nationale und regionale Regierungen mobil, und sie holen alle üblichen Waffen hervor, die sich noch in ihren Arsenalen finden.
Es scheint aber möglich, dass dies nicht reicht, zumal schon in den vergangenen Jahren zu viel Munition verschossen worden ist. Dies bedeutet, dass ungewohnte Wege beschritten und unorthodoxe Lösungen notwendig sein werden, um diese Krise zu meistern. Was damit gemeint ist, soll anhand von zwei Beispielen erläutert werden. Die deutsche Agrarministerin Julia Klöckner hat angemerkt, Beschäftigte der Gastronomie könnten in den nächsten Wochen als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft (etwa bei der Spargelernte) aushelfen, um einerseits den Ausfall von Ausländern wettzumachen und anderseits die Arbeitslosenversicherung zu entlasten. Dies ist der Punkt: In der Krise müssen heilige Kühe, lieb gewordene Rechte en masse geschlachtet werden. Die Staaten sind überfordert, denn sie werden einfach das Geld nicht haben, um alle Löcher zu stopfen. Der Markt wird es ihnen nicht borgen.
Es braucht Liquidität für alle, und diese schaffen kann nur die Notenbank. Helikoptergeld nennt man das. Manche Fachleute sagen: Wenn noch einige Wochen lang alle Menschen statt Lohn oder Rente genug virtuell erzeugtes Geld erhalten, um das Notwendigste zu kaufen, wenn Steuern und Pflichtzahlungen ausgesetzt werden, kann der schlimmste Fall verhindert werden.
Ich möchte mich nicht über die politischen und gesellschaftlichen Folgen dieser Krise auslassen, denn dies wäre meiner Meinung nach derzeit höchst spekulativ. Vielleicht kehren wir rasch zur Tagesordnung zurück, vielleicht setzt ein tiefes Umdenken in vielen Dingen ein, vielleicht bleibt kein Stein mehr auf dem anderen.


















