Bozen – Karte einführen, Pin eingeben, Geldbetrag entnehmen. Am Bankomat bewegen wir uns schlafwandlerisch. Die Bedienung des Kastens gehört so selbstverständlich zu unserem Leben wie das Kaffeekochen am Morgen oder der Gang auf die Toilette. Es ist heute schwer vorstellbar, nicht an beinahe jeder Ecke Geld beheben zu können – ganz anders als noch vor 50 Jahren. Frische Banknoten vom eigenen Konto bekam man damals ausschließlich aus den Händen von Bankangestellten. Das änderte sich, als der britische Ingenieur James Goodfellow 1965 den ersten Prototypen des heute gängigen Bankomaten entwarf (siehe beistehende Info). Die ersten Geldausgabeautomaten wurden von den Geldinstituten nur zögerlich eingesetzt, da es anfänglich noch viele Probleme bei Technik und Sicherheit gab. Und doch war der Siegeszug der Bankomaten unaufhaltsam. 1968 ging der erste deutsche Geldautomat in Tübingen in Betrieb, 1994 wurden in ganz Deutschland 29.400 Geräte gezählt, und bis 2015 verdoppelte sich die Zahl noch einmal auf rund 60.000. Doch dann ging es abwärts.
Es ist ein leiser Abschied von den Geldautomaten, der sich laut neuesten Zahlen der Deutschen Kreditwirtschaft (DK) in Deutschland vollzieht. Während zwischen 2015 und 2016 einige Hunderte Geräte verschwanden, bauten die Banken von 2016 auf 2017 noch einmal 1.600 Bankomaten ab. Der Grund: Die „Sesam-öffne-dich-Maschinen“ werden immer weniger gebraucht. Der Onlinehandel sowie das bargeldlose Bezahlen machen sie laut DK immer unattraktiver. Gleichzeitig verdichten sich die Anzeichen, dass es bald kein Bargeld mehr geben könnte. Laut dem Bezahldienstleister Wirecard wird in „absehbarer Zukunft“ die komplette Infrastruktur des Bezahlens über das Handy abgewickelt werden. Entwicklungen in China, wo das Zahlen über Apps wie Wechat Wallet oder Alipay bereits Alltag ist, stützen solche Szenarien.
In Südtirol ist man wie in Italien, wo 78 Prozent der Zahlungen noch immer in bar erfolgen, vom flächendeckenden bargeldlosen Bezahlen noch weit entfernt. Wie diese Zeitung im Artikel „Kontaktlos ist rar“ (Nr. 09/18, nachzulesen auf SWZonline oder über die SWZapp) festgestellt hat, ist Bezahlen mit Karte oder Handy noch wenig bis gar nicht verbreitet, obwohl die technischen Voraussetzungen längst da wären. Den Trend haben die Finanzdienstleister in Südtirol aber anscheinend im Blick. Denn auch hierzulande werden Geldautomaten abmontiert. Die Tendenz bei den Zahlen der Bankomatschalter zeigt seit einigen Jahren nach unten, doch der Rückgang ist sanft. „Die Zahl der Geldausgabeautomaten nimmt seit einigen Jahren ab. Im Moment stehen wir bei 204 klassischen Geräten. Die Multifunktionsgeräte allerdings, die zudem etwa Überweisungen oder Scheckzahlungen erlauben, nehmen zu“, erklärt Paolo Riva, Leiter des Ressorts Virtual Banking bei der Südtiroler Volksbank. Laut Riva sei diese Entwicklung dem immer stärkeren Trend des bargeldlosen Bezahlens geschuldet, der sich jedoch im Unterschied zu den skandinavischen Ländern hierzulande noch nicht so stark zeige. Auch deshalb seien die Multifunktionsgeräte aktuell sogar noch im Steigen begriffen. „Über kurz oder lang werden Geldausgabeautomaten aber ganz verschwinden, weil das Bargeld verschwinden wird. In Italien wird das noch dauern, weil es noch viele Personen gibt, die lieber 200 Euro in der Brieftasche haben, als im Geschäft direkt mit Karte zu bezahlen“, so Riva.
Ein ähnliches Bild zeichnet Alexander Kieswetter, Leiter der Abteilung RIS (Raiffeisen Informations System) im Raiffeisenverband. Der Verband stellt die Technik für aktuell 268 Raiffeisen-Bankomaten in Südtirol. „Nach einem jahrelangen Run auf die Bankomaten vonseiten der Banken stellt sich seit zwei bis drei Jahren ein leichter Rückgang ein. Neben den Kosten spielt sicher die Entwicklung beim bargeldlosen Bezahlen eine Rolle. Doch auch wenn die Bezahlung per App und Karten zunehmen: Die Bankomaten werden so schnell nicht von der Bildfläche verschwinden.“
Laut Manfred Burger, Verantwortlicher für Kartensysteme und Electronic Channels bei der Südtiroler Sparkasse, hat Sparkasse in den vergangenen vier Jahren 20 Automaten geschlossen. „Im Jahr 2013 zählte die Sparkasse in ihrem Einzugsgebiet 190 Bankomatschalter; heute sind es 170.“ Laut Burger hänge diese Entwicklung jedoch fast ausschließlich mit der Reduzierung der Filialen zusammen: „Bekanntlich hat die Sparkasse in den Jahren 2015 und 2016 mehrere kleinere Schalter in größere Filialen eingegliedert und damit eine Optimierung der Schalteranzahl vorgenommen. Die Anzahl der Bankomatschalter hat sich also dementsprechend reduziert.“
Mitte der 80er Jahre, fast 20 Jahre später als in Deutschland, gingen die ersten heimischen Bankomaten in Betrieb. Seit damals haben sich Erscheinungsbild und Technik der Geräte stark verändert. Viel getan hat sich bei den ATM, wie das Fachkürzel für „Automatic teller machine“ heißt, in puncto Sicherheit. Fanden einfallsreiche Kriminelle früher noch zuhauf Möglichkeiten, die Geräte einfach aufzubrechen, sie in die Luft zu sprengen oder Kartendaten auszulesen, so sind erfolgreiche Attacken heute die Ausnahme. „Es gibt zwar noch immer sehr viele Versuche, die Bankomaten gewaltsam aufzubrechen, um an das Geld heranzukommen, aber dank neuer Sicherheitssysteme und Panzerung passiert da nicht mehr viel – außer dem Schaden, der der Bank infolge der Zerstörung bleibt“, so Paolo Riva. Laut dem Experten der Volksbank gebe es zudem laufend Versuche, an die sensiblen Daten der Karten heranzukommen. Allerdings können Kriminelle heute nur mehr den Magnetstreifen auslesen und eventuell klonen. „Bis vor Kurzem konnte man nur außerhalb der EU etwas damit anfangen, heute ist auch diese Möglichkeit durch neue Sicherheitsmechanismen sehr eingeschränkt“, so Riva. Dies führe dazu, dass es heute weniger erfolgreiche Versuche des sogenannten „Karten-Skimming“ gebe, bei denen Kriminelle wirklich Geld erbeuten. „Die Sicherheitssysteme erfahren laufende Optimierungen, um den Schutz ständig zu erhöhen. Um die Sicherheit der Kartendaten zu garantieren, unterstehen die Geldautomaten täglichen Kontrollen“, erklärt Manfred Burger von der Südtiroler Sparkasse.
Doch Sicherheit kostet. Bis zu 20.000 Euro kostet der Betrieb eines Bankomatschalters in Südtirol im Jahr – von den Anschaffungskosten über die Wartung bis hin zur Befüllung. Die Kosten hängen davon ab, über welche Dienste das Gerät verfügt und wie oft es mit frischem Bargeld befüllt werden muss. Für die Banken, die infolge der Digitalisierung unter einem enormen Kostendruck stehen, ist das viel Geld. Geld, das im Tagesgeschäft erst verdient werden muss. „Jede Bank muss hinsichtlich ihres Marktes die Entscheidung treffen, ob und in welchem Ausmaß sie einen Bankomaten braucht. Das sind strategische Entscheidungen“, so Alexander Kiesswetter vom Raiffeisenverband. Fest steht: Noch brauchen die Südtiroler die Bankomaten, wie die Behebungsdaten zeigen (siehe beistehende Info). Geld in der Tasche ist ihnen lieber als Geld auf der Karte.















