Bozen – Die erfreuliche Nachricht gleich vorweg. Zum ersten Mal seit 2009 spuckt Südtirols Neuwagen-Statistik ein leichtes Plus bei den Privatzulassungen aus. Die Südtiroler haben zwischen Jänner und Juni um 2,3 Prozent mehr Neuwagen für den Privatgebrauch zugelassen als in den ersten sechs Monaten 2014. Freilich wären Jubelgesänge fehl am Platz. Erstens verblasst das 2,3-prozentige Plus im Vergleich zum satten 15,7-Prozent-Zuwachs auf dem gesamtitalienischen Automarkt. Zweitens kommt der zarte Aufwärtstrend auf einem historischen Tiefstniveau zustande: Im Rekordjahr 2005 wurden dreimal so viele Privatautos neu zugelassen als 2014 – 15.462 gegenüber 5.439. Seit dem Rekordjahr 2005 dominiert der Rückwärtsgang, und viele Autohändler wissen ein Lied davon zu singen. 2006 (minus 1 Prozent) und 2007 (plus 0,9 Prozent) hielten sich die Verkaufszahlen noch einigermaßen. 2008 setzte es ein Minus von 12,1 Prozent. 2009 stagnierte der Markt wieder (plus 0,5 Prozent). Dann ging es nur noch rapide abwärts, 2010 minus 17,8 Prozent, 2011 minus 3,1 Prozent, 2012 minus 17,6 Prozent, 2013 minus 10,2 Prozent, 2014 minus 4,3 Prozent. „Das erste Halbjahr 2014 war das schlechteste Semester der vergangenen acht Jahre“, relativiert Franco Barchetti von der Barchetti-Gruppe das Plus in den ersten sechs Monaten 2015. Aber immerhin, die Trendumkehr scheint endlich geschafft.
Der Automarkt hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend gewandelt. Die Südtiroler gönnen sich nicht mehr alle paar Jahre ein neues Auto, erstens weil sich die meisten Familien das schlicht nicht mehr leisten können bzw. wollen, zweitens weil die Qualitätsbemühungen der Autohäuser die Lebensdauer der Wagen enorm verlängert haben. Ebendiese Qualitätsbemühungen machen darüber hinaus auch Gebrauchtwagen attraktiver als je zuvor – es muss nicht immer ein Neuer sein. Und schließlich verfälschen die sogenannten Nullkilometerautos die Neuwagenstatistik. Weil alle großen Autohersteller mit Prämien winken, wenn ihnen die Händler gewisse Neuwagenkontingente abnehmen, ist es zur Normalität geworden, dass die Händler Autos zulassen, ohne unmittelbar Käufer dafür zu haben. Die Erstzulassung erfolgt somit durch einen Händler, und wenn ein Privater später das de facto nagelneue Auto kauft, ist der Wagen für die Statistik bereits ein Gebrauchter. Wie verbreitet das Phänomen ist, zeigt ein Blick auf die Zulassungsstatistik 2014: Im vergangenen Jahr haben Konzessionäre und Händler in Südtirol knapp 1.700 Autos zugelassen, gegenüber den erwähnten 5.439 Neuwagen, die auf den Namen von Privaten zugelassen wurden. Die Südtiroler haben also knapp 1.700 Möglichkeiten, einen „neuen Gebrauchten“ – natürlich mit einem attraktiven Preisabschlag – statt eines Neuwagens zu kaufen. Und sie haben dank Internet auch genügend Möglichkeiten, sogenannte Jahreswagen aus dem Ausland zu importieren und – als Gebrauchtwagen – in Südtirol zuzulassen.
Apropos Zulassungen: Zu den Zulassungen durch Private sowie Händler gesellen sich noch die Firmenwagen und die Zehntausenden Autos, welche italienische Mietfirmen wegen der geltenden Steuervergünstigungen in Südtirol zulassen und dann im restlichen Italien nutzen. Der zuverlässigste Gradmesser für die Beliebtheit der einzelnen Automarken bleibt aber der Blick auf die Privatzulassungen. Diesbezüglich scheinen sich die Vorlieben der Südtiroler in den vergangenen Monaten deutlich verschoben zu haben. Es fällt auf, dass Volkswagen und Ford, die Nummern 1 und 2 am Südtiroler Automarkt, trotz eines leicht wachsenden Marktes jeweils ein Minus hinnehmen müssen. Bei Volkswagen sind es sogar minus 7,9 Prozent, wobei die Autos aus Wolfsburg mit einem Marktanteil von 17,4 Prozent trotzdem die unangefochtenen Lieblinge der Südtiroler bleiben. Es fällt weiters auf, dass Opel letzthin die Herzen der Südtiroler regelrecht zufliegen. Nach dem Plus von knapp zwölf Prozent im vergangenen Jahr – trotz schrumpfendem Markt – legt die Marke mit dem Blitz in den ersten sechs Monaten 2015 um sage und schreibe 43 Prozent zu. Ein Teil des Zuwachses, aber nur ein Teil, ist dem Rückzug der Schwestermarke Chevrolet aus dem europäischen Markt geschuldet. Hält der Trend an, dann löst Opel noch heuer Ford auf Platz zwei der Zulassungsstatistik ab. Ebenfalls einen satten Zuwachs feiert Seat: Die spanische Volkswagen-Tochter verzeichnet im ersten Halbjahr ein Zulassungsplus von rund 56 Prozent und steigt in der Beliebtheitsskala der Südtiroler auf Platz 5 auf, während sie 2014 „nur“ die Nummer 10 war. Die beiden deutschen Premiummarken BMW und Mercedes feiern ebenfalls deutliche Zuwächse, während Toyota diesmal einen Dämpfer erlebt: minus 28 Prozent. 2014 war Toyota immerhin die viertbeliebteste Marke der Südtiroler, im ersten Halbjahr 2015 hingegen nur die Nummer 10.
Interessanterweise wird der Privatmarkt nicht nur in Südtirol, sondern in ganz Italien kräftig durchgeschüttelt. Während etwa Marktführer Fiat mit einem Plus von 26 Prozent seine Nummer-1-Position ausbaut, bleibt Volkswagen mit einem Plus von 3,7 Prozent hinter dem Marktdurchschnitt. Opel und Seat gehören nicht nur in Südtirol zu den Gewinnern der ersten Jahreshälfte, sondern mit plus 26,1 bzw. 52,4 Prozent auch in ganz Italien. Selbiges gilt für BMW. Damit hören die Parallelen zwischen Südtirols und Italiens Automarkt aber auch schon auf. Südtirol weicht traditionell stark vom gesamtitalienischen Markt ab. Italiens unangefochtener Marktführer Fiat ist hierzulande etwa lediglich die Nummer 4, Italiens Nummer 4 Renault hierzulande nur die Nummer 14. Andersherum gehören Skoda und Seat als Nummern 5 und 6 zu den absoluten Lieblingen der Südtiroler, während sie italienweit unter ferner liefen auf den Rängen 21 und 24 dahindümpeln. Insgesamt orientieren sich die Südtiroler stärker an deutschen Automarken: Volkswagen, Opel, BMW, Audi, Mercedes und Porsche vereinten in den ersten sechs Monaten 2015 gut 41 Prozent der Neuzulassungen von Privaten auf sich, während es italienweit „nur“ 22 Prozent waren. Hingegen stellten die italienischen Marken Fiat, Alfa und Lancia hierzulande nur einen Marktanteil von 7,1 Prozent, während es auf gesamtstaatlicher Ebene vergleichsweise stolze 21,6 Prozent sind. Und die Franzosen – Peugeot, Renault und Citroën – machten in Südtirol 7,6 Prozent des Marktes aus und in Italien 14,7 Prozent.
Freilich beantwortet all dies noch nicht die Frage, warum der italienische Automarkt wie schon 2014 besser läuft als der Südtiroler Markt. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass im Grenzland Südtirol die Importe von Jahreswagen eine größere Rolle spielen. Der Hauptgrund ist aber sicher, dass der Fuhrpark der Südtiroler nach wie vor jünger ist als jener in Restitalien. Wenn es so weitergeht, wird das aber nicht mehr lange so bleiben.















