Bozen – Bio ist kein neues Phänomen. Seine Wurzeln reichen bis in die 1920er-Jahre zurück. Dennoch entsteht oft der Eindruck, dass bio bis heute nicht wirklich im breiten Markt angekommen ist: Bioecken in den Gemüseabteilungen der Supermärkte, einzelne Regale für Körner oder Nüsse, vereinzelte Bioläden, dazu Biokisten sowie Direktverkauf ab Hof oder auf Märkten. Politisch gewollt und gesellschaftlich akzeptiert – und doch nicht vollständig im Massenmarkt angekommen. Aber stimmt dieser Eindruck überhaupt?
Die Zahlen in Südtirol vermitteln zunächst ein anderes Bild: 34,5 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche sind biologisch zertifiziert – mehr als dreimal so viel wie im EU-Durchschnitt. Das wirkt auf den ersten Blick beeindruckend.
Bei genauerem Hinsehen relativiert sich dieser Eindruck jedoch. Ein Großteil dieser Flächen besteht aus Wiesen, Weiden und Almen. Reinhard Verdorfer, Geschäftsführer von Bioland Südtirol, spricht das ungewöhnlich offen an: „Mit den Almflächen sind wir sehr stark.“ Das sei „derzeit auch eine Form der Förderoptimierung“. Wer große Almflächen biologisch zertifizieren lasse, erhalte entsprechende Flächenförderungen.
Das sei „ein Stück weit eine Strategie, um das EU-Ziel von 20 Prozent Biofläche bis 2030 zu erreichen“. Reinhard Verdorfer

Allerdings bedeutet die Zertifizierung der Fläche nicht automatisch eine biologische Bewirtschaftung im engeren Sinne: „Die Fläche ist dann biologisch zertifiziert, aber nicht die Tiere, die darauf weiden – und entsprechend entstehen daraus auch keine Bioprodukte entlang einer Wertschöpfungskette“, sagt Verdorfer. Noch deutlicher wird er mit Blick auf die dahinterstehende Logik: Das sei „ein Stück weit eine Strategie, um das EU-Ziel von 20 Prozent Biofläche bis 2030 zu erreichen“. Zieht man Wiesen, Weiden und Almflächen ab, bleiben in Südtirol lediglich 12,4 Prozent tatsächlich produktionsrelevante Bioflächen übrig.
Nische oder nicht ?
Ein Blick nach außen zeigt: Bio hat grundsätzlich die Nische verlassen, ist im Massenmarkt jedoch noch nicht angekommen. In Deutschland stieg der Bio-Umsatz von 2024 auf 2025 um 6,7 Prozent auf 18,2 Milliarden Euro, europaweit wuchs das Marktvolumen auf 58,7 Milliarden Euro. Deutschland ist damit der größte Bio-Markt Europas, Italien liegt mit einem Umsatz von fünf bis sechs Milliarden Euro ebenfalls im Spitzenfeld. „Den Bio-Markt als Nische zu bezeichnen, wird seiner heutigen Bedeutung nicht mehr gerecht“, sagt Daniel Gasser, Obmann des Südtiroler Bauernbundes.
„Den Bio-Markt als Nische zu bezeichnen, wird seiner heutigen Bedeutung nicht mehr gerecht.“ Daniel Gasser
Das Wachstum findet vor allem im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) statt – also dort, wo Preis und Platzierung entscheiden. „Eine bessere Sichtbarkeit im Handel ist ausschlaggebend“, so Gasser. „Bio-Produkte sind in Supermärkten oft nur begrenzt präsent.“
Wie wichtig das ist, zeigen die Zahlen: In Deutschland laufen 70 Prozent des gesamten Bio-Umsatzes über Supermärkte und Discounter, in Italien sind es 45 Prozent. Genau hier beginnt das Problem für die Produktion. Bio scheitert prinzipiell nicht an der Nachfrage, sondern an der Wirtschaftlichkeit.
Reinhard Verdorfer: „Was wir im Moment nicht schaffen, ist, den Preisdruck für die Bauern herauszunehmen.“ Während der Boomphase 2018 sei der Preisabstand zur integrierten Produktion noch deutlich größer gewesen, heute sei dieser Unterschied – insbesondere im Obst- und Weinbau – kaum mehr vorhanden, am ehesten noch im Milchsektor. Die Folge: Der wirtschaftliche Anreiz für Landwirte, auf bio umzustellen, sinke spürbar.

Während Europa wächst, hinkt Südtirol hinterher
Trotz wachsender Märkte in Europa zeigt sich auf regionaler Ebene ein differenzierteres Bild: In Südtirol verläuft die Entwicklung des Ökolandbaus aktuell deutlich verhaltener.
Im Obstbau ist die Biofläche zwar von 1.394 Hektar im Jahr 2014 auf 2.451 Hektar im Jahr 2024 gestiegen, liegt jedoch seit dem Höchststand 2021 wieder darunter. Im Weinbau zeigt sich im selben Zeitraum ein kontinuierliches Wachstum von 255 auf 584 Hektar. Langsamer entwickelt sich der Acker- und Gemüsebau, dessen Fläche von rund 285 auf etwa 421 Hektar zunimmt. Insgesamt produzieren in Südtirol rund 1.700 Betriebe biologisch.
Südtirols Bio-Motoren
Trotz dieser gebremsten Entwicklung gibt es doch Südtiroler Bio-Erfolgsgeschichten. Verdorfer: „Bei uns sind es tatsächlich die Äpfel, die im Biosektor die erste Geige spielen.“ Seiner Einschätzung nach kommen „25 bis 30 Prozent aller Bio-Äpfel Europas aus Südtirol“. Auch im Milchbereich sieht Verdorfer eine klare Stärke: Das Biojoghurt aus Sterzing sei „mit rund 40 Prozent Marktführer in Italien“.
„Bei uns sind es tatsächlich die Äpfel, die im Biosektor die erste Geige spielen.“ Reinhard Verdorfer
Obst und Milch sind damit jene zwei Bereiche, in denen Südtirol in relevanter Größenordnung nicht nur produziert, sondern auch in den Lebensmitteleinzelhandel und in überregionale Märkte liefert. In anderen Segmenten – etwa Gemüse, Fleisch, Honig, Marmeladen oder Wein – funktioniere das eher punktuell oder in kleineren Nischen, erklärt Verdorfer.
Die Konkurrenz für bio sieht Verdorfer dabei nicht nur in konventioneller Ware. „Wir haben im Grunde zwei weitere große Konkurrenten“, sagt er. Der erste sei die Regionalität. Sie genieße viel Vertrauen, sei aber günstiger, weil sie im Unterschied zu bio nicht kontrolliert werde. Der zweite Konkurrent seien nicht klar definierte Nachhaltigkeitskonzepte samt ihren Siegeln. Alles, was weniger streng geregelt und kontrolliert sei als bio, lasse mehr Spielräume und sei damit billiger.

Weniger Mittel, mehr Risiko
Parallel dazu erhöhen Klimaveränderungen die Anforderungen an die Produktion, so Verdorfer. „Besonders im Etschtal sind die Apfelernten signifikant zurückgegangen. Der Schädlingsdruck steigt und die Hitze hat zugenommen.“ Bio zu produzieren sei zwar ressourcenschonender, man sei aber denselben Wetterextremen ausgesetzt – mit weniger Möglichkeiten, gegenzusteuern. „Hier sind gezielte Beratung, fundierte Aus- und Weiterbildung sowie verstärkte Forschung und Entwicklung entscheidend“, sagt Daniel Gasser.
„Hier sind gezielte Beratung, fundierte Aus- und Weiterbildung sowie verstärkte Forschung und Entwicklung entscheidend.“ Daniel Gasser.

Einen häufigen Kritikpunkt von bio ordnet Reinhard Verdorfer technisch ein. Ja, Kupfer werde im Bioanbau eingesetzt, sagt er – allerdings auch in anderen Formen der Landwirtschaft. Entscheidend seien Dosierung und Bodensysteme. Während der Gesetzgeber in Italien bis zu vier Kilogramm pro Hektar und Jahr erlaube, liege die interne Grenze bei Bioland Südtirol bei drei Kilogramm.
Aus Sicht Verdorfers sei zudem wichtig, dass sich Kupfer in humusreichen Böden, wie sie im Bio-Anbau Standard seien, an den Humuskomplex bindet. Die hohen historischen Belastungen vieler Böden stammten vor allem aus Zeiten, in denen noch ganz andere Mengen ausgebracht wurden – teils weit vor dem Zweiten Weltkrieg.
Neue Bühne: Bio im Tourismus
Doch die Herausforderungen enden nicht auf dem Feld. Der neuralgische Punkt bleibe am Ende des Tages der Preis, so Verdorfer. „Das, was eigentlich für bio zu zahlen wäre, ist der Kunde aktuell nicht bereit zu zahlen. Das muss man so klar sagen.“ Dies zeige sich auch im Konsumverhalten: Neun von zehn Italienern und Italienerinnen passen ihr Kaufverhalten infolge gestiegener Preise an, etwa durch Sonderangebote oder Eigenmarken.
„Das, was eigentlich für bio zu zahlen wäre, ist der Kunde aktuell nicht bereit zu zahlen. Das muss man so klar sagen.“ Reinhard Verdorfer
Gerade deshalb setzt Bioland Südtirol nicht nur auf Produktion, sondern stärker auf die gesamte Wertschöpfungskette. Ein wichtiges Instrument sei dabei laut Verdorfer das Konzept „Bio Fair Südtirol“, mit dem biologische, regionale und fair gehandelte Produkte stärker in Gastronomie und Tourismus verankert werden sollen.
Das Modell arbeitet mit drei Stufen: Ab 30 Prozent Bio-Anteil beim Einkauf ist ein Betrieb Bronze-Partner, ab 60 Prozent Silber, ab 90 Prozent Gold. Kontrolliert wird das System einmal jährlich durch eine unabhängige Stelle. Dazu kommen definierte Leitprodukte aus Südtirol sowie Vorgaben für Bio- und Fairtrade-Ware bei Überseeprodukten.
Gerade hochwertige Häuser suchten etwas, „das genau kontrolliert wird und messbar ist, damit man sich damit eindeutig ausweisen kann.“ Reinhard Verdorfer
Wirtschaftlich sei das Konzept interessant, so Verdorfer, weil es bio aus dem reinen Preisvergleich im Regal heraushole und als überprüfbares Qualitätsversprechen im Tourismus positioniere. Gerade hochwertige Häuser suchten etwas, „das genau kontrolliert wird und messbar ist, damit man sich damit eindeutig ausweisen kann“, so der Bioland-Geschäftsführer.

Bio in der Zukunft
Damit rückt eine grundsätzliche Frage in den Mittelpunkt: Unter welchen Bedingungen kann bio künftig wirtschaftlich bestehen? Der ökologische und gesellschaftliche Mehrwert, den Biobetriebe schaffen, werde bislang weder über den Produktpreis noch durch politische Instrumente ausreichend abgegolten. „Bio muss sich wirtschaftlich wieder rechnen – für Betriebe, nicht nur für Statistiken“, betont Reinhard Verdorfer.
Der „voll umgestellte, authentische, klassische Biobauer muss wieder einen echten wirtschaftlichen Vorteil haben.“ Reinhard Verdorfer
Er fordert klarere politische Rahmenbedingungen – etwa im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union (GAP), bei Fördermaßnahmen sowie im öffentlichen Beschaffungswesen – und nennt ein konkretes Beispiel: Wenn Südtirol große Mengen an Bioäpfeln und Biojoghurt produziert, sollten diese Produkte auch verstärkt in öffentlichen Mensen eingesetzt werden. Als Vorbild nennt Verdorfer Turin, wo beschlossen wurde, die öffentlichen Mensen vollständig auf bio umzustellen.
Der „voll umgestellte, authentische, klassische Biobauer muss wieder einen echten wirtschaftlichen Vorteil haben“, so Verdorfer.


















