Genau so hatten wir das vor seinem Sommerurlaub vereinbart, um einen maßgeschneiderten Anlageplan zu entwickeln. Wir stiegen schon bei Sonnenaufgang auf und genossen die frische Morgenluft. Ausblick und Ruhe sollten unsere Gedanken beflügeln. „Was schwebt dir vor?“, warf ich es ihm nach einem ersten, kräftigen Schluck Kaffee einfach so hin. „Was soll mir vorschweben?“, fragte er und schaute verdutzt. Ich lächelte. „Naja, wie geht’s bei dir weiter … Firma, Familie, Besitz?“ Er hatte meine Frage verstanden, erwiderte aber betreten: „Um ehrlich zu sein, ich renne jeden Tag los, löse unzählige Probleme, telefoniere mit zehn Kunden und spreche mit einer Vielzahl von Mitarbeitern, aber strategische Gedanken mache ich mir eigentlich selten, dafür fehlt die Zeit. Und im größeren Rahmen, über Familie und Besitz, reden wir erst gar nicht.“ „Dann wird’s aber höchste Zeit“, antwortete ich ungeduldig.
Und so begann ein langes Gespräch. Über seine erfolgreiche Produktionsfirma, den harten Wettbewerb, die organisatorische Struktur, die Zukunftsaussichten in einer Welt, die geprägt ist von Automatisierung und Digitalisierung. Als der Vormittag schon weit fortgeschritten war, kamen wir gemeinsam zu einer wichtigen Einsicht: Wie bei vielen Familienbetrieben war mein Freund als Gründer zentraler Dreh- und Angelpunkt der Firma. Alles lief über seinen Tisch, er redete überall mit, und er war es, der an jedem Abend die Lichter in seinem Unternehmen ausschaltete. „Es geht nicht anders“, war sein Fazit, nachdem ich ihn etwas herausgefordert hatte. Darauf antwortete ich lachend: „Ohne dich geht’s noch besser!“ Nun hatten wir eine neue, spannende Diskussionsebene erreicht. Es kostete ihn viel Kraft einzusehen, dass er mit seinem unmenschlichen Einsatz jeden auch noch so überschaubaren Ansatz von Eigeninitiative seiner Mitarbeiter im Keim erstickte. Alles musste von ihm bestimmt und kontrolliert werden. Loyale und brave Mitarbeiter blieben im Unternehmen, aber Leute, die wachsen und Verantwortung übernehmen wollten, waren ihm über die Jahre regelmäßig abhanden gekommen.
Kurz vor dem Mittagessen vereinbarten wir ein konkretes Ziel: Innerhalb der nächsten drei Jahre sollte mein Freund eine Nachfolge in der operativen Geschäftsführung aufbauen, um ihm, dem Gründer und Visionär, Freiraum für Strategie und die weitere Unternehmensentwicklung zu schaffen. Alsbald hatte er einen guten, internen Kandidaten ins Auge gefasst. „Das erleichtert auch die Betriebsübergabe in der Familie. Deine Kinder können sich in Ruhe entwickeln und werden sich nicht schon früh an deiner Person verbrennen“, so mein zufriedener Kommentar.
Dementsprechend gut war dann die Stimmung zu Mittag, wir kochten die Schlutzkrapfen, welche ich am Vorabend vorbereitet hatte. Selbstgemacht schmeckt’s am besten!
Am Nachmittag knöpften wir uns dann das restliche Vermögen meines Freundes vor. Er besitzt neben seinem privaten Wohnhaus noch eine Wohnung in Bozen, ein vermietetes Lager in der Industriezone und einige Konten, über welche er in der Vergangenheit verschiedene Finanzanlagen angesammelt hatte. Das Wohnhaus stand nicht zur Diskussion, aber die Wohnung nahmen wir etwas genauer unter die Lupe. Lage und Mieteinnahmen waren okay, aber die Wohnung hatte schon ein paar Jahre auf dem Buckel, und das alte Kondominium produzierte horrende Spesen. Wir beschlossen, die großflächige, alte Wohnung zu verkaufen und den Erlös in drei neuwertige Kleinwohnungen zu investieren. Die Mietrendite ist bei Kleinwohnungen einfach besser, und die gute Mietnachfrage wird durch die zahlreichen Singles und scheidungsfreudigen Südtiroler auch in Zukunft anhalten. Das Lager steht in zentraler Position in der großen Industriezone und ist eine der wenigen noch freien Flächen – es kann folglich nur werthaltiger werden, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass diese Fläche zukünftig auch für eine Weiterentwicklung des Betriebs zur Verfügung stehen könnte. Der Börsianer würde sagen: „Halten“.
Gespannt war ich natürlich auf den Blick in die Konten meines Freundes und darauf, welche Anlageprodukte man ihm über die Jahre ins Depot verfrachtet hatte. Er zog nun einen Pack Zettel aus seinem Rucksack und knallte ihn auf den Tisch. „Mehr hab ich nicht!“, lächelte er mich an. Nachdem ich einen schnellen Blick auf den Zahlensalat geworfen hatte, stand ich auf und ging in die Hütte: „Nun ist es erst mal Zeit für einen Schnaps!“, so mein Fazit. Nach zwei Runden Schnaps war ich bereit für Schwerarbeit am heutigen Tag. Nicht weniger als sechs verschiedene Konten hatte mein Freund angesammelt – bei jedem seiner historischen Finanzierungspartner eines. Vom Öl-Portfolio bis zur Silbermine, vom Gold-Zertifikat bis zum Anleihen-Fonds – die gesamte Kreativität der Bankenbranche hatte in seine Depots Einzug gehalten. Das volle Spektrum: eben alles, was in den letzten 15 Jahren seinen Weg über den Berater-Tisch (oder besser Verkäufer-Tisch) gefunden hatte.
Gekrönt wurden diese Anlagen durch den ordentlichen Batzen an „gut veranlagtem“ Bargeld auf den Konten. Schnell wurde mir klar, dass die Spesen die Zinsen überstiegen. Keine Hexerei, hatte man meinem Freund, dem Vorzeigeunternehmer, doch den „rundesten“ aller Zinssätze verabreicht: null komma null. So eine „Finanz-Stracciatella“ hatte ich schon lang nicht mehr gesehen! „Erkläre mir mal deine Anlagelogik, und dann führe mich bitte durch die einzelnen Produkte“, bat ich ihn. Das Gesicht meines Freundes wurde rot wie die Marende-Radieschen. Er stotterte los: „Die Be..ra…ter, meine Be..rater …!“ „Was, Berater …“, erwiderte ich, „…du willst mir also weismachen, dass die Berater dir den ganzen Kompost ins Depot geschaufelt haben?“ Betreten schaute mich mein Freund an und nickte. Darauf klopfte ich ihm auf die Schulter und versuchte ihn zu trösten: „Keine Angst, denn mit Leuten wie dir könnten wir ein ganzes Stadion füllen“.
Langsam kämpfte ich mich durch die verschiedenen Konten und Depots und versuchte, mit einen Überblick zu verschaffen. Mir wurde klar, welch ein Schindluder hier getrieben worden war. Ein Dutzend Finanzprodukte meines Freundes hatten im Fünfjahreszeitraum keine Rendite abgeworfen – trotz großzügiger Spesen für die Bank. Da war zum Beispiel ein Obligationsfonds eines „erstklassigen“, amerikanischen Vermögensverwalters mit einer aktuellen Rendite von einem Prozent und Spesen von 1,8 Prozent – ein Klassiker! Und was bitte wollte mein Freund mit Aktien einer südafrikanischen Silbermine, welche die Produktion erst noch aufnehmen muss? Was mit dem Gold-Zertifikat, das kunstvoll aus mehreren Derivaten zusammengeschmiedet wurde, um möglichst viele Vermittlungsgebühren für die Bank zu generieren? Gekrönt wurde das Ganze noch von einem Getreide-Futures mit Laufzeit bis März 2018. Eine geniale Spekulation, ganz im Kompetenzbereich meines Freundes.
Wir schnitten nun die Konten, die Kaminwurzen und den Speck in Stücke und vereinbarten, die gesamte „Stracciatella“ abzuverkaufen. Die Depots wollten wir bis auf ein einziges schließen, um unsere zukünftige Anlagetätigkeit auf jenes mit den besten Konditionen zu konzentrieren. Allein dadurch würde mein Freund rund zwanzigtausend Euro an direkten und indirekten (versteckten) Spesen vermeiden. „A gmahnte Wiesn!“ heißt es dazu schön. Dann würden wir den Gesamtbetrag in Tranchen teilen, welche sich am Zeithorizont der Veranlagung orientieren: von Aktien als sehr langfristiges Investment bis zum Bargeld für den unmittelbaren Bedarf. Einfach sollte es sein, und mein Freund sollte mit Depot und Konto endlich wieder ein gutes Gefühl haben.
Es begann mittlerweile zu dunkeln, und nach einem letzten Stamperl-Schnaps machten wir uns auf den Rückweg. Mein Freund bekam noch den Auftrag, den Abverkauf schleunigst durchzuführen und sich nicht durch die Krokodilstränen der Bankberater umstimmen zu lassen.
Am Parkplatz angekommen, gab ich ihm noch einen allerletzten Denkanstoß mit auf den Nachhauseweg: „Überlege dir noch, welches Sümmchen du in die nächste Unternehmergeneration investieren willst. Es wird Zeit, dass auch du dich als Start-up-Investor engagierst und deine große Erfahrung an junge Unternehmer weitergibst!“ Kopfschüttelnd schaute er mich an, er hatte nun sichtlich genug für heute. Er lächelte nur noch, stieg wortlos in seinen tonnenschweren Benzinfresser und verschwand hochtourig hinter der nächsten Kurve.















