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„Bei den Löhnen gibt es Handlungsbedarf“

INTERVIEW – Der Wirtschaftsforscher Georg Lun erklärt, warum Südtirols Wirtschaft trotz der Krisen standhaft bleibt. Er beschreibt, auf wen die größten Herausforderungen zukommen – und er sieht Spielräume für nötige Lohnerhöhungen in der Privatwirtschaft.

Heinrich Schwarz von Heinrich Schwarz
21. August 2026
in Südtirol
Lesezeit: 3 mins read

Georg Lun (Foto: Handelskammer Bozen)

SWZ: Herr Lun, ist Südtirols Wirtschaft ein Bollwerk? Wir wachsen offenbar ständig weiter, obwohl es um uns herum immer wieder die eine oder andere Krise gibt.
Georg Lun*: Weniger im näheren Umfeld, aber weltweit gibt es größere und kleinere Krisen, die durchaus Auswirkungen auf Südtirols Wirtschaft haben. Allerdings ist der Sektorenmix in Südtirol, unser Portfolio als Wirtschaftsstandort, so breit aufgestellt, dass wir zurzeit erstaunlich stabil sind.

Der Sektorenmix ist der wesentliche Faktor?
Ja. So profitiert Südtirol etwa im Tourismus seit Jahrzehnten als sichere Destination, wenn es international eine Krise gibt. Das ist auch aktuell der Fall. Zudem sind heuer die Hitzewellen ein Wettbewerbsvorteil für Berglagen. Die Industrie dagegen, besonders die exportorientierte, ist nicht gefeit vor internationalen Entwicklungen. Wir sehen etwa Umbrüche in der Autoindustrie, die zu Problemen für Südtirols Autozulieferer führen.

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Bei unseren wichtigen Handelspartnern Deutschland und Österreich kriselt es seit geraumer Zeit. Das kann uns scheinbar – bis auf spezifische Branchen wie Automotive – auch nicht viel anhaben.
In Deutschland und Österreich herrscht seit zwei Jahren Stagnation, was zwar nicht gut ist, aber nicht bedeutet, dass der ganze Export dorthin gestoppt ist. Das Umfeld gestaltet sich halt schwieriger.

Ist Südtirols ausgewogener Sektorenmix langfristig gesehen gut so – oder müssten wir die Wirtschaft umbauen, um Wohlstand zu sichern?
Die Frage ist, wie sich die Weltwirtschaft weiterentwickelt. Wir sehen große Umbrüche: Die Globalisierung wird durch Handelsbarrieren und Zölle gebremst, sodass der Export nicht mehr so einfach zu steigern ist. Hinzu kommt die technologische Entwicklung – Digitalisierung, Automatisierung, KI –, die das Potenzial hat, ganze Industrien umzubauen und Berufe und Branchen stark zu verändern. Wir müssen den Mut haben, dieser Entwicklung offen zu begegnen, und imstande sein, sie für uns zu nutzen. Wir dürfen uns nicht auf Althergebrachtes versteifen, wenn sich die Welt ändert.

In welchen Sektoren sollten wir also stärker werden, um unseren ­Wohlstand zu sichern?
In den letzten 20 bis 30 Jahren ist der Tourismus im Verhältnis stark gewachsen. Davon haben wir immer profitiert, aber jeder Sektor hat positive und negative Aspekte. Ein weiterer massiver Ausbau im Tourismus würde eher die negativen Aspekte verstärken. Das Bewusstsein, die touristische Entwicklung nachhaltiger gestalten zu müssen, ist gegeben. Für die Industrie ist die Herausforderung angesichts der technologischen Umbrüche am größten. Sie muss schauen, am Weltmarkt mit Größen wie China und den USA mitzuhalten. Das gelingt nur mit Innovation und technologischem Fortschritt. Dabei hängt aber sehr viel davon ab, wie sich Europa in der Welt positioniert, denn Südtirol kann die strategischen Ausrichtungen nicht allein bestimmen.

Zahlen Südtirols Unternehmen angemessene Löhne?
In Österreich und Süddeutschland etwa sind das Niveau und die Kaufkraft der Löhne höher als bei uns. Das hängt stark mit der Sektorenstruktur zusammen: Wir haben Sektoren im Dienstleistungsbereich mit einem niedrigen Qualifikationsniveau und einem entsprechend niedrigeren Lohnniveau, während es etwa in München viele hochqualifizierte, gut bezahlte Jobs in Konzernen gibt. Es gibt sicher Handlungsbedarf, weil die Inflation in den letzten Jahren stark angezogen hat und die Kaufkraft geschrumpft ist. Das macht es nicht leicht, Mitarbeiter zu finden – und die Abwanderung ist relativ hoch.

Die Unternehmen betonen immer wieder, dass die Spielräume für Lohnanpassungen beschränkt sind.
Laut Bilanzen werden in vielen Branchen positive Erträge erzielt. Die Frage lautet also, wie diese Erträge zwischen Gewinn und Lohn verteilt werden. Es gibt sicher Spielraum. Wobei immer die Produktivität im Blick bleiben muss. Unsere Branchenstruktur und die vergleichsweise geringe Unternehmensgröße erschweren solche Anpassungen. Zudem ist die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen im internationalen Vergleich überschaubar. Wir haben zusätzlich auch hohe Energiekosten und viel Bürokratie. Steigen die Löhne stark, hätte dies negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit. Um bestehen zu können, ist es deshalb langfristig grundlegend, diese Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Sollte aus volkswirtschaftlicher Gesamtsicht die Devise lauten, dass die Löhne mit der Inflation mithalten?
Die „scala mobile“, die automatische Inflationsanpassung in den 1970er- und 80er-Jahren, hat nicht funktioniert. Genauso wenig erfolgreich ist es, die Löhne so stark steigen zu lassen, wie die Produktivität steigt. Denn seit 25 Jahren hat die Produktivität nur geringfügig angezogen. Die Inflation hingegen hat besonders in den letzten Jahren erheblich zugeschlagen, und die Löhne haben wesentlich an Kaufkraft verloren. Es bräuchte einen gewissen Ausgleich zwischen der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und der Kaufkraft der Löhne. Diesen Ausgleich gilt es in den nächsten Jahren zu erreichen.

Interview: Heinrich Schwarz

* Georg Lun ist Direktor des Wirtschaftsforschungsinstitutes der Handelskammer Bozen.

Schlagwörter: 32-26free

Ausgabe 32-26, Seite 13

Heinrich Schwarz

Heinrich Schwarz

Der Passeirer arbeitete ab 2013 bei der „Südtiroler Tageszeitung“ in den Bereichen Wirtschaft und Politik und ist seit 2022 Teil der SWZ-Redaktion. Er liebt die Recherche und Aufbereitung wichtiger und spannender Themen.

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