Bozen – Die Bilder brennen sich ins Gedächtnis ein: Teure Sportwagen brettern mit zweifelsfrei überhöhter Geschwindigkeit über die Dolomitenpässe und driften in die Kurven, dass die Reifen rauchen. Die Videos werden ohne Skrupel – und sogar mit Stolz – in den sozialen Medien verbreitet. Die Ordnungskräfte sind offenbar überfordert.
Solche Videos sorgen für Empörung bei den Einheimischen. Und obwohl nicht in jedem Sportwagen automatisch ein Raser auf der Suche nach dem Adrenalinkick sitzt, entsteht ein Generalverdacht, sobald irgendwo ein Konvoi von PS-starken Boliden auftaucht: Da sind betuchte Autofreaks mit ihren – oder mit gemieteten – Supercars unterwegs, um auf Südtirols kurvigen Bergstraßen die Muskeln spielen zu lassen.
Zivilisiert oder sportlich ambitioniert?
Tatsächlich ist das Internet voll von Fahrspaß-Angeboten, die Südtirol als Mekka für Auto- und Motorradtouren anpreisen. Wahlweise werden sie von provinzfremden Anbietern oder Südtiroler Hotels organisiert, wobei alle Pakete eines gemeinsam haben: Logiert wird in luxuriösen Häusern, und die Pässe des Unesco-Welterbes Dolomiten dürfen nicht fehlen. Manche Angebote klingen ganz zivilisiert, wenn mit Ausfahrten „auf den schönsten Straßen der Welt“ geworben wird, kombiniert mit exklusiven kulinarischen Erlebnissen. Andere hingegen kokettieren mit dem PS-Rausch, zum Beispiel wenn sie unmissverständlich versprechen, dass „sportlich ambitioniert“ gefahren werde oder dass „dein Supersportwagen deine Waffe ist“ oder dass es sich „nicht um eine Panoramafahrt“ handelt.
Schon oft hat es Klagen über gefährliches und rüpelhaftes Fahrverhalten gegeben. Und schon oft haben Bürgermeister:innen in den neuralgischen Gebieten gefordert, man möge den Spaßverkehr mit Autos und Motorrädern über die Pässe doch endlich eindämmen. Selbst der Hoteliers- und Gastwirteverband (HGV) hat sich wiederholt kritisch geäußert: Das sei nicht die Art von Urlaubsangebot, das zu Südtirol passt.
Der Beschluss der Landesregierung
Mitte Juni hat die Landesregierung gehandelt. Sie hat mit einem Beschluss alle Motorsportveranstaltungen in einem weiten Teil des Landes verboten: in allen Gebieten über 1.600 Metern Meereshöhe, zudem auf 99 fein säuberlich aufgelisteten Straßen, die durch sensible Zonen wie dem Unesco-Welterbe Dolomiten führen. Gemeint sind Autorennen mit Wettkampfcharakter, von denen es hierzulande ohnehin kaum mehr welche gibt (das legendäre Mendelrennen etwa fand zuletzt 1988 statt), aber genauso Veranstaltungen, die „der Freizeitgestaltung und dem Spaß“ dienen. Konkret: Betroffen sind auch Oldtimer-Treffen und Gruppentouren mit Autos und Motorrädern, die von Hotels, Veranstaltern oder Clubs organisiert werden.
Betroffen sind auch Oldtimer-Treffen und Gruppentouren mit Autos und Motorrädern, die von Hotels, Veranstaltern oder Clubs organisiert werden.
Die Landesregierung begründet den Beschluss damit, dass Motorsportevents „erhebliche Schadstoffemissionen, eine Zunahme der Lärmbelastung, Druck auf natürliche Lebensräume sowie potenzielle Beeinträchtigungen der Ökosysteme“ verursachen. Auch wird auf den Klimaplan verwiesen, wo geschrieben stehe, dass „zu den zentralen Strategien auf dem Weg zu einer klimaneutralen Gesellschaft die Verringerung jener Tätigkeiten und Verhaltensweisen gehört, die direkt oder indirekt zur Emission von Treibhausgasen beitragen“.
Der Beschluss war – gewollt oder ungewollt – gut getimt, war doch wenige Wochen zuvor wieder einmal eine Welle der Entrüstung über umstrittene Sportwagen-Events durchs Land geschwappt. Als Landeshauptmann Arno Kompatscher die Maßnahme verkündete, erntete er somit viel Applaus.

Undifferenziertes Verbot
Es gibt aber auch harsche Kritik. Diese ist bisher weitgehend im Verborgenen geblieben und kommt aus dem Tourismus – oder besser: aus einer touristischen Nische: Für Tourismustreibende, die in jahrelanger Mühe Angebote rund um das Fahren mit Oldtimern, Sportwagen oder Motorrädern aufgebaut haben, ist der Beschluss ein Schlag ins Gesicht. Sie wundern sich über die undifferenzierte Vorgangsweise. Wer organisierte Touren von den Pässen verbanne und zugleich den Individualverkehr unangetastet lasse, löse kein Verkehrsproblem, sagen sie. Und wer pauschal Autokonvois – auch die zivilisierten – von den Pässen fernhalte, übe sich in populistischen Schattengefechten, weil nicht organisierte Gruppen die Straßen unsicher machen würden, sondern das Machogehabe einzelner Raser.
Für Tourismustreibende, die Angebote rund um das Fahren mit Oldtimern, Sportwagen oder Motorrädern aufgebaut haben, ist der Beschluss ein Schlag ins Gesicht.
Betroffene Tourismustreibende, mit denen die SWZ gesprochen hat, können nicht verstehen, warum eine Ausfahrt, die von einem Hotel, einem Veranstalter oder einem Verein organisiert wird, schlimmer sein soll als die Verabredung von fünf Freunden zur gemeinsamen Spritztour oder die sonntägliche Fahrt von Familien in die Berge.
Ein Satz, den Landeshauptmann Arno Kompatscher bei der Vorstellung des Beschlusses gesagt hat, werten sie als Eingeständnis, dass da viel Rauch um nichts gemacht wird: „Uns ist bewusst, dass diese Regelung allein die Herausforderungen auf den Passstraßen nicht löst.“
Unverständnis für plötzliche Maßnahme
Einer, der sich maßlos über den Beschluss der Landesregierung ärgert, ist Oliver Call vom Vier-Sterne-S-Hotel „Almhof Call“ in St. Vigil in Enneberg. Das Hotel schnürt seit vielen Jahren Urlaubspakete für Auto- und Motorradbegeisterte. Dass der Beschluss „mitten in der Saison und ohne Vorlaufzeit von heute auf morgen“ in Kraft tritt, bedeute für das Hotel „einen großen Einschnitt“. Die Landesregierung, so schimpft Call, habe es sich reichlich einfach gemacht. Anstatt gezielt jene schwarzen Schafe ins Visier zu nehmen, die tatsächlich gefährlich unterwegs seien, treffe man die falschen Leute, nämlich jene, die sich an die Verkehrsregeln halten und Wertschöpfung generieren. „Wir veranstalten keine Rennen“, argumentiert Call.
Oliver Call sagt, dass er sich von jeglicher Raserei distanziere und den Wunsch nach Verkehrsreduzierung auf den Pässen nachvollziehen könne. Aber der Beschluss löse diese Probleme nicht. „Vielmehr entzieht er uns einen Teil unserer Lebensgrundlage“, so Call. Es spricht von Buchungsstornierungen. Der Argumentation, wonach Spaßverkehr weder zu Südtirol noch zum Streben nach Nachhaltigkeit passe, kann der Hotelier nichts abgewinnen: Die vielen Camper und Privatautos, die über die Pässe tuckern, seien in gleichem Maße Spaßverkehr wie ein Sportwagen-Konvoi.

Ein Schlag für die Oldtimer-Treffen
Schätzungsweise 30 bis 40 Hotels in Südtirol werden vom Beschluss der Landesregierung hart getroffen. Einige, so heißt es, beklagen finanzielle Schäden von mehreren Hunderttausend Euro.
Nun sind Motorsportveranstaltungen nicht grundsätzlich verboten, sondern nur in bestimmten Gebieten. Warum können die Touren also nicht einfach angepasst werden? „Das ist nicht mehr dasselbe“, wehrt Klaus Pichler ab. Er organisiert seit über 20 Jahren die „Eggentaler Herbst Classic“, eines der zahlreichen Oldtimer-Treffen im Lande. Pichler fragt: „Ist es besser, wenn die Oldtimer nach Bozen oder ins Pustertal fahren, wo der Verkehr ohnehin unerträglich ist?“ Besser seien da wohl Fahrten über die Pässe, auf denen im Herbst wenig los sei, gibt er sich selbst die Antwort.
Bei der „Südtirol Classic Schenna“, die Mitte Juli als erste größere Motorsportveranstaltung vom Beschluss der Landesregierung betroffen war, mussten einige Routen tatsächlich in aller Eile und mit erheblichem Aufwand überarbeitet werden. Längst gebuchte Lokale und Parkplätze an den Zwischenstopps mussten storniert, andere gesucht werden. „Der Beschluss hat uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen“, erzählt Franz Innerhofer, der zum OK-Team der ältesten Oldtimer-Rallye Südtirols gehört. „Am Ende ist alles gut gegangen, und wir haben von den Teilnehmern viel Lob erhalten“, so Innerhofer. Offenbar funktioniert eine Oldtimer-Rallye auch ohne Dolomitenpässe.
Bei der „Südtirol Classic Schenna“ Mitte Juli mussten einige Routen in aller Eile und mit erheblichem Aufwand überarbeitet werden.
Auch Klaus Pichler wird für die diesjährige „Eggentaler Herbst Classic“ im Oktober Routen anpassen müssen. Er sagt, er habe bereits Absagen erhalten. Die Landesregierung beschädige sein touristisches Produkt, ohne das eigentliche Problem zu lösen.
Sowohl Klaus Pichler als auch Franz Innerhofer betonen ähnlich wie Oliver Call ihr Verständnis für das Bemühen um eine Reduzierung des Verkehrs auf den Pässen – vor allem des gefährlichen Verkehrs. Oldtimer seien da aber die falsche Zielscheibe. Beide verweisen auf die wirtschaftliche Bedeutung von Oldtimer-Rallyes gerade in der Nebensaison. Zudem seien sie ein Magnet, der neue, zahlungskräftige Gäste anlocke, die später auch ohne Oldtimer wiederkommen.
Die Frage, ob der Oldtimer-Tourismus zu Südtirol passe, beantwortet Klaus Pichler, ohne lange nachzudenken: „Es gab Zeiten, da war Südtirol froh um jeden Gast. Wir sollten das auch heute sein, denn das Geld wird nicht auf dem Magnago-Platz in Bozen gedruckt, sondern muss erwirtschaftet werden.“
Akzeptieren, dass es Grenzen gibt
Elisabeth Ladinser, die Präsidentin des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz, sieht die Sache naturgemäß anders. Sie verstehe, dass der Beschluss der Landesregierung einzelne Hotels treffe. „Aber wir müssen lernen, damit fertig zu werden, dass es für das touristische Angebot Grenzen geben muss“, sagt Ladinser kategorisch. Dass „aus Jux und Tollerei“ durch Südtirol gefahren werde, sei nicht länger akzeptabel, denn „der Spaßverkehr wirkt unwahrscheinlich störend für Mensch und Tier“. Der Beschluss sei deshalb ein Schritt in die richtige Richtung, wenngleich nur ein erster.
„Das Geld wird nicht auf dem Magnago-Platz in Bozen gedruckt, sondern muss erwirtschaftet werden.“
Gegenüber dem ORF argumentierte Landeshauptmann Arno Kompatscher ähnlich: „Wir wollen uns nicht als Motorsportregion präsentieren, insbesondere auch touristisch. Und Schutzgebiete sollen auch Schutzgebiete sein.“
Zu Ende ist die Diskussion damit nicht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass rechtlich gegen die Beschränkung der Motorsportveranstaltungen in Südtirol vorgegangen wird. Mittlerweile, so hat die SWZ in einem Hintergrundgespräch erfahren, hat es die Angelegenheit nach Rom geschafft. Verkehrsminister Matteo Salvini wurde informiert.

















