Bozen – In Sachen Witterung hat Südtirol ein besonderes Jahr hinter sich: Ein warmes Frühjahr führte zu einem früheren Austrieb der Weinreben und zu einer schnellen Blüte. Im Sommer folgten dann Hitze und Trockenheit, wobei diese kaum für Schäden sorgte, weil der allergrößte Teil der Rebenanlagen mit einer Tropfbewässerung ausgestattet ist.
Frühe Ernte, gesunde Trauben
Die warmen Frühlings- und heißen Sommermonate haben auch dafür gesorgt, dass die Traubenernte 2022 in Südtirol – und zwar durchwegs in allen Lagen – zehn bis 14 Tage früher begonnen hat als im Vorjahr. Mengenmäßig dürfte der Jahrgang 2022 weitgehend im Durchschnitt der letzten Jahre liegen.
Stephan Filippi, Kellermeister der Kellerei Bozen, sagt zur Traubenqualität in diesem Jahr: „Die Trauben sind einwandfrei, gesund und sehr, sehr gut.“
Auch Hans Terzer, Kellermeister der Kellereigenossenschaft St. Michael-Eppan, freut sich über die außergewöhnliche Qualität des Lesegutes: „Ich habe hier in St. Michael 46 Ernten hinter mir, aber so wunderschöne, gesunde und vollreife Trauben habe ich kaum einmal gesehen.“
Große Rotweine aus vollreifen Trauben
Wegen Hitze und Trockenheit weisen die Trauben aller Sorten eine außergewöhnlich gute Reife und eine geringere Säure auf. Diese Kombination wird sich in einem höheren Alkoholgehalt der Weine widerspiegeln, wodurch sich die Weine etwas vollmundiger, breiter präsentieren werden, erklären die Experten.
„Die hohe Reife ist gerade für Lagrein, Cabernet oder Merlot ein Riesenvorteil“, sagt Stephan Filippi, der sich zudem einiges vom Vernatsch verspricht: „Der St. Magdalener entwickelt sich sehr gut, mit vollem Geschmack und toller Reife. Das wird einen Wein geben, der gefällt.“
Ähnlich schätzt auch Hans Terzer den Südtiroler Rotweinjahrgang 2022 ein und ergänzt: „Der Blauburgunder dürfte sehr schön werden, mit einer kräftigen Farbe und ebenso kräftigen Aromen. Dasselbe gilt für den Lagrein.“
Insgesamt erwarten sich die Kellermeister einen exzellenten Rotweinjahrgang: „Weil der Alkoholgehalt etwas höher liegen wird, trinkt man vielleicht ein halbes Glas weniger, aber alles in allem: Wir freuen uns auf diesen Jahrgang.“
Weißweine mit entwickelter Frucht und wenig Säure
„Die Trauben waren gesund und von hoher Qualität, der Zuckergehalt ist gut und die niedrige Säure hat man im Griff“, sagt Barbara Raifer, Weinbauexpertin im Versuchszentrum Laimburg, im Hinblick auf die Weißweine. Es sei extrem darauf geachtet worden, vor dem Zeitpunkt zu ernten, zu dem die Säure allzu sehr abfällt.
„Schöne, harmonische Weine mit ausgeglichenem Säurespiel“ erwartet sich auch Hans Terzer, der überzeugt ist, dass vor allem Chardonnay, Weißburgunder und Pinot Grigio aus einem insgesamt guten Weißweinjahr hervorstechen werden. Und auch der Gewürztraminer könne von den diesjährigen Bedingungen profitieren, ist Barbara Raifer überzeugt. „Seine Aromen kommen auch bei niedriger Säure voll zur Geltung“, erklärt sie.
Weinwirtschaft vorsichtig optimistisch
Mit einem großen Jahrgang vor Augen blickt die Südtiroler Weinwirtschaft optimistisch in die Zukunft – vorsichtig optimistisch, wie Konsortiums-Präsident Andreas Kofler betont. Vor allem die hervorragende Traubenqualität hebe die Stimmung unter den Weinbauern.
Eine Stimmungsbremse sei nur die Teuerungswelle, die auch die Weinwirtschaft erfasst habe. „Die Kosten, vor allem für Energie, Treibstoff und Verpackungsmaterial sind enorm gestiegen“, so Kofler. Darüber hinaus gebe es auch im Weinsektor Lieferengpässe. „Längerfristig zu planen ist fast unmöglich, wir navigieren auf Sicht“, erklärt der Präsident des Konsortiums Südtirol Wein.
Er betont, dass die Südtiroler Weinwirtschaft in den letzten Jahren den richtigen Weg eingeschlagen habe: Qualitätspolitik, Internationalisierung, Nachhaltigkeit. „Im Premium-Segment mitzuspielen und international breiter aufgestellt zu sein: Das bewährt sich vor allem bei so schwierigen Rahmenbedingungen wie heute“, ist Kofler überzeugt.



















