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Auf die Schiene, fertig, los!

MOBILITÄT – In den nächsten Jahren werden in Südtirol mehrere größere Straßen­projekte realisiert. Diese sollen aber möglichst wenig zusätzlichen Autoverkehr verursachen. Schnellstraßen im Vinschgau und im Pustertal sind deshalb tabu. Der Fokus liegt auf der Bahn. Dort gibt es laut Studien riesiges Potenzial.

Heinrich Schwarz von Heinrich Schwarz
24. März 2023
in Südtirol
Lesezeit: 4 mins read
Foto: Land Südtirol

Foto: Land Südtirol

Bozen – Die Verkehrsdaten, die Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider beim Treffen mit der SWZ vorzeigt, sind vielsagend: Zwischen Brixen und Bozen wird der Zug stark genutzt, während die Bahn zwischen Bruneck und Brixen sowie zwischen Meran und Bozen ein kümmerliches Dasein fristet. An diesen beiden wichtigen Verkehrsachsen ist der Zug schlichtweg nicht attraktiv. Die Menschen nutzen dort lieber das Auto – überlastete Straßen sind die Folge. Im oberen Vinschgau und im Hochpustertal wiederum wird die Bahn gut genutzt.

Laut Alfreider werden in Südtirol 70 Prozent aller Mobilitätsbedürfnisse mit dem Auto abgedeckt und gerade einmal drei bis vier Prozent mit dem Zug. Der Bus macht elf Prozent aus, den Rest das Rad und das Zufußgehen. Diese Daten belegen, dass etwas falsch läuft, und sie zeigen auf, wo die Reise hingehen muss, um Südtirol vom Verkehr zu entlasten: „Der Zug bietet das größte Potenzial, um die 70 Prozent an Autonutzung zu verringern“, erklärt der Landesrat.

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Viele Projekte auf Schiene

Derzeit ist eine ganze Reihe von großen Bahnprojekten in Bau oder in Planung. Angekündigt wurden diese schon vor vielen Jahren, doch es gab ständig Verzögerungen. Das große Problem ist in der Regel die Finanzierung, bei der Südtirol angesichts der enormen Investitionssummen auf Rom angewiesen ist.

Besonders großen Aufholbedarf gibt es in der westlichen Landeshälfte. Die Elektrifizierung der Vinschgerbahn, die sich aufgrund des insolventen Bauunternehmens Emaprice weiter verzögert, erhöht die Kapazität und ermöglicht eine Weiterfahrt ohne Umstieg in Meran. Damit der Zug tatsächlich attraktiver als die Schnellstraße Mebo wird, ist die Begradigung und der zweigleisige Ausbau der Linie nach Bozen unbedingt nötig. Dafür steht noch die Finanzierung aus, ebenso könnten die Einwände der Gemeinden und Grundstückseigentümer:innen das Projekt bremsen. Bauende ist frühestens 2032.

Finanziert ist indes der Virgl-Bahntunnel in Bozen, der eine unabhängige und damit schnellere Einfahrt der Meraner Züge in den Bahnhof ermöglichen wird. Bestenfalls 2027 soll der Tunnel fertiggestellt sein.

Großbaustellen auf der Brennerachse

Am Eingang des Pustertales steht die Riggertalschleife vor dem Baubeginn, die bis Olympia 2026 in Betrieb sein soll. Sie beschleunigt die Zugfahrt zwischen Pustertal und Brixen. Das wegen Verspätungen immer wieder ärgerliche Umsteigen in Franzensfeste fällt weg. Ein abschnittsweiser zweigleisiger Ausbau der restlichen Pustertaler Linie soll – wenn alles glatt läuft – bis 2035 erfolgen (siehe Tabelle).

Unweit der Riggertal-Baustelle wird derzeit am Brennerbasistunnel und an der BBT-Zulaufstrecke Franzensfeste-Waidbruck gebaut. Der BBT wird – ohne weitere Verzögerungen – 2032 fertig sein, die Zulaufstrecke womöglich schon drei Jahre zuvor.

Vielmehr gehe es bei größeren Straßenprojekten darum, Städte und Dörfer zu entlasten.

Die Umfahrung Bozen als weitere BBT-Zulaufstrecke könnte ebenfalls bis 2032 gebaut sein, hoffen die Verantwortlichen. Mittlerweile hat die Planungsphase begonnen. Von dieser Phase noch weit entfernt ist man hingegen bei den BBT-Zulaufstrecken Unterland und Trient. Dort ist die Zukunft völlig offen.

Um das Bahnpotenzial für den Regionalverkehr in Südtirol voll ausschöpfen zu können, wäre jedenfalls eine höhere Kapazität auf der Bestandsstrecke am Brennerkorridor nötig, die durch die Realisierung der BBT-Zulaufstrecken frei würde.

Neben den häufigeren und schnelleren Zugverbindungen sollen laut Daniel Alfreider noch weitere Maßnahmen greifen. Etwa eine bessere Vernetzung der Buslinien in die Peripherie und sichere Fahrradstellplätze an den Bahnhöfen.

Bremsen bei neuen Straßen

Und wie schaut es mit den Straßenprojekten aus? Welche Projekte werden künftig überhaupt noch finanziert? Wo zieht das Land die Grenze zwischen nötigen und für die Zielerreichung kon­traproduktiven Investitionen? Alfreider sagt, Straßenprojekte brauche es weiterhin – vor allem auf der Bestandsinfrastruktur. „Wir wollen aber keine neuen Trassen“, erklärt er. Auch werde es keine Schnellstraße im Vinschgau oder im Pustertal geben, betont der Landesrat. Denn durch eine Schnellstraße nehme der Autoverkehr noch weiter zu.

Vielmehr gehe es bei größeren Straßenprojekten darum, Städte und Dörfer zu entlasten. So etwa durch die Nordwestumfahrung von Meran (Küchelbergtunnel), die 2025 bis 2026 fertiggestellt sein soll. Oder durch den Hörtenbergtunnel in Bozen, der sich noch in der Phase der Vorerhebungen befindet und dessen Bauende derzeit für 2029 geplant ist. „Es kann nicht sein, dass alle Lkw auf dem Weg in die Seitentäler durch die Stadt fahren müssen“, argumentiert Alfreider.

Ihm ist bewusst, dass solche Tunnels das Auto attraktiver machen. Hier gehe es aber in erster Linie um Verkehrssicherheit, weniger Belastung in den Ortskernen und mehr Platz für Fahrräder und Fußgänger:innen.

Gebaut wird derzeit auch an den Umfahrungen von Vahrn, Kastelbell, Branzoll, Kiens und Percha. Weitere Umfahrungsprojekte sind in Planung oder es werden auf Wunsch der jeweiligen Gemeinden Machbarkeitsstudien durchgeführt (siehe Tabelle).

Einen immer größeren Anteil am Budget für den Straßenbau wird laut Alfreider die Instandhaltung ausmachen – etwa von Brücken und Tunnels. Je früher man aktiv werde, desto länger sei die Lebensdauer von bestehenden Infrastrukturen. Hinzu komme, dass der Borkenkäfer Schutzwälder zerstöre. „An einigen Abschnitten wird es Galerien oder Hangverbauungen brauchen“, kündigt Alfreider an.

„Auch Beitrag der Gesellschaft nötig“

Der ambitionierte Plan des Landes sieht vor, dass die großen Bahnprojekte bis 2035 realisiert sind. Dafür müsste der Staat noch viel Geld lockermachen. Durch die verschiedenen vorgesehenen Maßnahmen kann der Individualverkehr laut statistischen Analysen um bis zu 26 Prozent reduziert werden.

Um die Klimaziele zu erreichen, seien aber minus 40 Prozent nötig, merkt Daniel Alfreider an und erklärt: „Somit braucht es auch den Beitrag der Gesellschaft. Das heißt, die Menschen müssen ihr Mobilitätsverhalten ändern, Hoteliers ihre Gäste sensibilisieren, Betriebe verstärkt auf Homeoffice setzen. Wir als Land können nur die Rahmenbedingungen verbessern.“

Schlagwörter: 11-23free

Ausgabe 11-23, Seite 2

Heinrich Schwarz

Heinrich Schwarz

Der Passeirer arbeitete ab 2013 bei der „Südtiroler Tageszeitung“ in den Bereichen Wirtschaft und Politik und ist seit 2022 Teil der SWZ-Redaktion. Er liebt die Recherche und Aufbereitung wichtiger und spannender Themen.

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