Turin – Vor der InAlpi-Arena in Turin gleich neben dem Olympiastadion, viereinhalb Autostunden von Bozen entfernt, wimmelte es am vergangenen Sonntagvormittag wie in einem Ameisenhaufen. Rund 13.000 Fans wollten das Auftaktmatch für das Saisonfinale der acht weltbesten Tennisspieler sehen. Zwischen 120 und 430 Euro hatten sie bezahlt, für zwei Spiele: ein Einzel und ein Doppel. In den allermeisten Fällen hatten sie sich die begehrten Tickets schon viele Monate im Voraus gesichert, ohne zu wissen, wen sie sehen würden. Das Glück, Publikumsliebling Jannik Sinner „gekauft“ zu haben, war ihnen jedenfalls nicht beschieden. Den hatten die Organisatoren erst für Montagabend angesetzt. Immerhin wurden die Fans mit einem spektakulären Match von Sinner-Rivale Carlos Alcaraz entschädigt. Auch nicht schlecht.
Bereits vor dem Turnierstart waren 97 Prozent der Tickets vergeben, nämlich 200.000, rund 15.000 mehr als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres.
Das Gedränge, das am Sonntagvormittag rund um die InAlpi-Arena herrschte, wiederholt sich seither jeden Tag. Erst nach dem großen Finale am Sonntag wird es wieder ruhiger werden. Die Finaltickets sind übrigens schon lange vergriffen, obwohl sie im offiziellen Verkauf stolze 660 bis 1.914 Euro gekostet haben. Und auch alle anderen Matches waren so gut wie ausverkauft. Bereits vor dem Turnierstart waren 97 Prozent der Tickets vergeben, nämlich 200.000, rund 15.000 mehr als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Der Publikumsrekord von 2024 wird heuer pulverisiert. Erstens kennt die Tennisbegeisterung im Stiefelstaat keine Grenzen mehr (das Publikum ist zu 80 Prozent italienisch), zweitens wurde das Fassungsvermögen der InAlpi-Arena um 700 Plätze erweitert.
Der Tennishype in Italien zur rechten Zeit
Die ATP-Finals sind neben den vier Grand-Slam-Turnieren der prestigeträchtigste Wettkampf des Jahres. Nur die besten acht Einzelspieler und die besten acht Doppelteams dürfen teilnehmen. Als die ATP-Finals 2021 von London nach Turin geholt wurden, wusste der italienische Tennisverband also, einen großen Fisch an Land gezogen zu haben. Aber dass er so groß werden würde, war nicht abzusehen.
Das Glück hat ein bisschen mitgespielt. Die „Ära Turin“ der ATP-Finals fällt ausgerechnet mit einer nie dagewesenen Erfolgswelle des italienischen Tennis zusammen (siehe Info). Das hat einen ungeahnten Hype entfacht. Der Hauptgrund heißt natürlich Jannik Sinner. Der 24-jährige Sextner hat sich zum Superstar hochgesiegt. In Turin war das Sinner-Fieber schon mit Händen zu greifen, als das Turnier noch gar nicht begonnen hatte: Am Freitagabend strömten Massen von Leuten zum aufwendig inszenierten „Meet the Champions“ im Stadtzentrum, und am Samstagnachmittag zahlten mehrere Tausend Begeisterte Eintritt, um Jannik Sinner beim Training zuschauen zu dürfen. Überall gab es begeisterte „Jannik, Jannik“-Rufe – keine Spur von distanzierter Kühle, weil Sinner nächste Woche nicht für Italien im Daviscup antritt.
Überall gab es begeisterte „Jannik, Jannik“-Rufe – keine Spur von distanzierter Kühle, weil Sinner nächste Woche nicht für Italien im Daviscup antritt.
Um ein Gefühl von der Größe des Events zu bekommen, muss man gar nicht in die InAlpi-Arena. In ganz Turin sind die ATP-Finals in diesen Tagen allgegenwärtig. Und gleich neben dem Tennisstadion wurde ein riesiges „Fan Village“ eingerichtet. Über die Außenfassade flimmern auf überdimensionalen LED-Flächen Bilder von den ATP-Finals. Drinnen gibt es auf einer überdachten Fläche, größer als ein Fußballfeld, Unterhaltung pur: Stände für Essen und Trinken, dazu ein Areal für die tennisverwandten Trendsportarten Padel, Beach Tennis und Pickleball, genauso wie Sponsorenstände und eSports-Stationen. Knapp 6.000 Personen können sich hier zeitgleich auf- und unterhalten, es gibt eigene Eintrittstickets. Wenn nebenan nicht gerade ein Match läuft, gibt es hier zwischen den Menschenmassen kaum ein Durchkommen. Die Leute warten geduldig, um Geld ausgeben zu dürfen – und die Preise sind gesalzen.
Gleichzeitig herrscht auch in den Katakomben der InAlpi-Arena, wo kein Fan hinkommt, hektisches Treiben. Eine ganze Maschinerie arbeitet – meistens gut organisiert, manchmal etwas chaotisch – daran, dass das Event so glänzen kann, wie es das tut.
Wirtschaftlicher Effekt von 500 Millionen Euro
Die ATP-Finals sind ein Millionenspektakel. Laut einer Studie von Boston Consulting Group (BCG) geben die Fans für Tickets, Verpflegung und Übernachtung 223 Millionen Euro aus. Den wirtschaftlichen Gesamteffekt der Veranstaltung beziffert BCG auf 503 Millionen Euro, fast doppelt so viel wie die 223 Millionen Euro, die Censis für das Formel-1-Rennen in Monza schätzt. Auch für den Staat sind die ATP-Finals ein Geschäft, rechnet BCG vor: 85 Millionen Euro an Steuern fallen wegen des Events an. Pro Jahr.
Für Angelo Binaghi, seit 2001 Präsident des italienischen Tennisverbandes (FITP), ist das natürlich eine Steilvorlage, um den Beitrag zu rechtfertigen, den der Verband als Turnierausrichter vom Staat erhält: bis heuer etwa 14 Millionen pro Jahr, ab nächstem Jahr rund 19 Millionen. Der Beitrag sei gut investiert, denn er generiere ein Vielfaches an Steuern und Sozialabgaben, meint Binaghi.
Zwischen Regierung Meloni und Tennisverband sind in den vergangenen Wochen trotzdem die Funken geflogen. Im Sommer beschloss die Regierung mit dem „Decreto Sport“, dass künftig alle Veranstaltungen, die mehr als fünf Millionen Euro an Beiträgen erhalten, die vom Finanzministerium kontrollierte Gesellschaft „Sport e Salute“ in das Organisationskomitee einbinden müssen. Einerseits ist es nachvollziehbar, wenn der Staat mitreden will, wo er viel Geld einsetzt. Andererseits wertet der Tennisverband das Dekret als gezielten Angriff auf die ATP-Finals und den Versuch des Staates, sich in das gemachte Nest zu setzen, jetzt, wo die ATP-Finals eine Erfolgsgeschichte sind. Binaghi drohte sogar mit Rücktritt.
Der Staat will mitreden – und mitkassieren
Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Der Tennisverband hat offenbar akzeptiert, dass der Staat künftig mitredet und obendrein die Überschüsse mit besagter Staatsgesellschaft geteilt werden müssen. Man sei in der heißen Phase der Verhandlungen, war in Turin zu hören.
Die ATP-Finals wecken Gelüste. Seit sie als Publikumsmagnet von Rekord zu Rekord eilen, sind sie zur Geldmaschine geworden. Sie haben die Größe eines mittleren Unternehmens erreicht – und sie erwirtschaften stolze Überschüsse. Darüber reden will niemand gern. Die Zahlen werden gehütet wie ein Geheimnis. Viele kleine Puzzleteile ergeben dann aber doch ein Bild. Auf der Kostenseite stehen für den Tennisverband rund 50 Millionen Euro, davon gut 13 Millionen Euro für das Preisgeld und 15 Millionen Euro als Ausrichtungsgebühr an den internationalen Tennisverband ATP. Die Einnahmen belaufen sich aber auf circa 85 Millionen Euro. Allein die Ticketerlöse steigen heuer laut Indiskretionen von 28 in Richtung 35 Millionen. 14 Millionen gibt es vom Staat, gut drei Millionen von der Region Piemont und der Stadtgemeinde Turin. Dazu kommen millionenschwere Sponsorings. Der Tennisverband rechnet heuer mit einem Plus von 34 Millionen Euro, hat die SWZ von einem Insider erfahren, der nicht genannt werden möchte.
Der Tennisverband rechnet heuer mit einem Plus von 34 Millionen Euro. Daran knabbert künftig die Staatsgesellschaft „Sport e Salute“ mit.
Daran knabbert künftig die Gesellschaft „Sport e Salute“ mit. Zudem steigen ab 2026 die Kosten deutlich. Man musste ordentlich nachbessern, um die ATP-Finals für weitere fünf Auflagen (von 2026 bis 2030) in Italien zu halten und die finanzkräftige Konkurrenz aus Saudi-Arabien auszustechen: Ab 2026 steigt die Jahresgebühr an die ATP auf 26 Millionen Euro und das Preisgeld auf 21 Millionen. Die Saudis hatten 43 plus 26 Millionen geboten – pro Jahr.
Tauziehen zwischen Turin und Mailand
Gelüste wecken die ATP-Finals auch in Mailand. Die lombardische Metropole möchte die ATP-Finals unbedingt haben. Sie lockt mit der „Arena di Santa Giulia“, die für die Eishockeyspiele bei der anstehenden Winterolympiade gebaut wurde und mit einem Fassungsvermögen von 16.000 Personen größer ist als die Turiner InAlpi-Arena. Damit könnten die Ticketeinnahmen steigen. Doch Piemont und Turin wollen das Tennisevent nicht kampflos abgeben: Die Stadtverwaltung von Turin hat für 2026 und 2027 ihren Beitrag schon von 1,5 auf 2,3 Millionen Euro erhöht. 2026 bleibt das Event sicher in Turin. Danach ist alles offen.
Hinter den Kulissen wird mit harten Bandagen gekämpft. Das alles bleibt unsichtbar, wenn die Tennisstars bis Sonntag ihre große Show bieten.
Info
Italien als Tennisnabel der Welt
„Wir wollen, dass Tennis populärer wird als Fußball.“ Das sagt Angelo Binaghi, der Präsident des italienischen Tennisverbandes (FITP). Tatsächlich ist Italien derzeit der Tennisnabel der Welt – und zwar nicht nur sportlich.
Italien beheimatet gleich drei Tennis-Großereignisse. Zum einen ist es Gastgeber von zwei der 15 wichtigsten Tennisturniere der Welt, nämlich den ATP-Finals in Turin, eine Art Weltmeisterschaft der saisonbesten Herren, und dem traditionsreichen ATP-Masters-1000-Turnier in Rom für die weltbesten Damen und Herren. Zum anderen ist es seit heuer – und bis mindestens 2027 – Austragungsort des Daviscup-Finalturniers, also der Mannschaftsweltmeisterschaft der Herren, was auch in Südtirol schon (utopische) Träume aufkommen hat lassen. Zudem ist der Präsident des internationalen Tennisverbandes ATP ein Italiener: Andrea Gaudenzi.
Sportlich ist Italien aktuell sowieso spitze. Bei den Herren stellen die Azzurri neben Superstar Jannik Sinner noch einen weiteren Top-10-Spieler, und zwar den um sieben Monate jüngeren Lorenzo Musetti. Bei den Damen haben die Azzurri mit Jasmine Paolini ebenfalls eine Top-10-Athletin. Zudem bildet Paolini mit Sara Errani das derzeit weltbeste Damendoppel. Bei den Herren gehören Simone Bolelli und Andrea Vavassori zu den Top 10 im Doppel.
Da verwundert es nicht, dass Italien sowohl bei den Herren als auch bei den Damen amtierender Team-Weltmeister ist. Die Damen haben im „Billie Jean King Cup“ ihren Vorjahrestitel bereits verteidigt. Die Herren kämpfen kommende Woche im Daviscup in Bologna um den dritten Triumph hintereinander, allerdings ohne Jannik Sinner, der die Azzurri 2023 und 2024 zum Titel geführt hat.


















