Es ist ja schon über einen Monat her, dass die Stiftung Vital die besten Bilder ihres „Was tut Ihnen gut?“-Fotowettbewerbs prämiert hat. Und eigentlich ist es viel zu spät, um darüber etwas zu schreiben. Aber mir will der Fotowettbewerb einfach nicht aus dem Kopf gehen. Deshalb schreibe ich jetzt – gewissermaßen als Therapie, denn Psychologen sagen, dass man nicht einfach verdrängen, sondern aufarbeiten soll, was einen beschäftigt. Ich schreibe mir den Fotowettbewerb sozusagen aus dem Kopf und hoffe, dass es klappt.
Der Fotowettbewerb war eine nette Aktion. Die Südtiroler wurden aufgefordert, in Form von Fotos mitzuteilen, was ihnen gut tut, wobei natürlich die Nebenwirkung das eigentlich Sinnvolle an der Sache war: Wer mitteilen will, was ihm bzw. ihr guttut, muss sich zunächst einmal bewusst werden, was ihm bzw. ihr überhaupt guttut. Und wer sich dessen bewusst geworden ist, kann die Glücklichmacher viel gezielter einsetzen.
Nun, über 100 Fotos und Tipps trudelten bei der Stiftung Vital ein. In einer Aussendung fasste die Stiftung daraufhin zusammen, was den Südtirolern guttut: „Die Familie, gute Freunde, Bewegung in der freien Natur, Haustiere als treue Begleiter, Hobbys wie Lesen, Radeln, Bogenschießen, Fischen, Ausflüge bzw. Treffen mit dem Seniorenclub sind Hauptgründe dafür, dass man sich wohlfühlt.“ Und was uns wohlfühlen lässt, wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus, betonte die Stiftung Vital.
Der Fotowettbewerb hat ein wahres Bilderbuchergebnis hervorgebracht. In unserer hektischen Zeit, die von Arbeit und Streben nach materiellem Wohlstand dominiert zu sein scheint, sind sich die Menschen anscheinend also doch bewusst, dass es noch etwas anderes gibt im Leben. Und doch ist mir beim Durchsehen der Pressemitteilung ein Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf geschossen: Was ist mit der Arbeit? Macht die niemanden glücklich? Warum arbeiten wir dann eigentlich? Ich traue mich zu wetten, dass in Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit die Antworten auf einen solchen Fotowettbewerb anders ausgefallen wären. Aber weil für die meisten von uns Arbeit selbstverständlich ist, merken wir gar nicht mehr, dass uns auch die Arbeit glücklich macht. Ja, wir brauchen Arbeit sogar zum Glücklichsein, zumindest die allermeisten von uns. Arbeit schafft Befriedigung, selbst unbefriedigende Tätigkeiten sind befriedigender als die Untätigkeit. Es ist kein Zufall, dass sich Arbeitslose – trotz Arbeitslosengeld – unglücklicher fühlen als Arbeitstätige. Es ist kein Zufall, dass Ruheständler – trotz finanzieller Unabhängigkeit – zuweilen in ein tiefes Loch fallen und nach ein paar Monaten exzessiven Hobbyfrönens wieder eine Tätigkeit suchen, nachdem sie sich doch so sehr auf die Rente gefreut hatten. Und es ist kein Zufall, dass jungen Müttern in der Babypause – trotz gesichertem Arbeitsplatz und Mutterschaftsgeld – manchmal die Decke auf den Kopf fällt, während sich der berufstätige Ehemann darüber wundert.
Familie und Freunde machen glücklich, keine Frage, genauso wie Bewegung in der Natur, Ausflüge und andere Freizeitbeschäftigungen – aber eine Überdosis davon kann auch ganz schön unglücklich machen. Probieren Sie einmal, tagein tagaus zu radeln, zu fischen, zu lesen, Bogen zu schießen, Pilze zu sammeln oder den Dolomiti-Superski-Jahrespass auszukosten. Oh Graus! Was uns da so glücklich macht, macht uns nur deshalb glücklich, weil die Zeit dafür knapp ist.
Derweil macht uns die Arbeit glücklicher, als wir das wahrhaben wollen, oder sagen wir die meisten von uns. Nur sind wir uns dessen nicht bewusst. Und das Geld, das wir hart verdient haben, macht uns ebenso glücklich, auch wenn wir uns lieber auf die Zunge beißen würden, statt dies offen zuzugeben. Lügen wir uns doch nicht selber an! Geld ist uns wichtig. Geld mag nicht alles sein, aber ohne Geld ist alles nichts, heißt es so schön. Im Übrigen: Wie könnten wir ohne den schnöden Mammon die geliebten Ausflüge mit Freunden finanzieren, das Fressen für den glückspendenden Hund, das Fahrrad für die befriedigende Radtour, den Köder für den hoffentlich anbeißenden Fisch?
Arbeit und Wohlstand sind für die meisten Südtiroler eine Selbstverständlichkeit. Und deswegen können wir von den anderen Dingen im Leben sprechen, die uns glücklich machen. Auch mich machen diese Dinge glücklich – na ja, vielleicht nicht der Hund, aber dafür meine Kinder umso mehr, vielleicht nicht das Fischen, aber dafür das Tennisspielen umso mehr. Mich machen aber auch zwei andere Sachen glücklich: erstens Arbeit, zweitens Geld. Bitte lachen Sie mich nicht aus!
















