Bozen – Endlich Feierabend! Oder noch besser: Endlich Freitag! Auf diese Taste drücken die Südtiroler gerne und werden darin von jenen Medien bestärkt, welche ihnen einreden, dass der Montag ein Untag und der Freitag ein Jubeltag ist. Dabei schaut die Realität ganz anders aus: Erstens spielt sich Arbeit für viele Menschen abends oder an den Wochenenden ab, weshalb das Montag-Freitag-Muster nur auf einen Teil der Berufstätigen zutrifft. Zweitens tun die allermeisten Südtiroler ihre Arbeit gar nicht einmal so ungern, wie da signalisiert wird. Selbstverständlich ist die Arbeit eine Pflicht. Sie ist aber eine Pflicht, die viel Genugtuung schenken kann, soziale Kontakte ermöglicht und neben dem unvermeidlichen Frust auch schöne Erfolgserlebnisse beschert. Folglich trifft für den Großteil der Südtiroler Berufstätigen auch nicht zu, dass das Leben erst nach Feierabend beginnt. Häufig wird den Menschen das so richtig klar, wenn der langersehnte Ruhestand auf Dauer halt doch nicht so erfüllend ist wie erträumt. Oder wenn – in Südtirol glücklicherweise selten – der Arbeitsplatz verloren geht.
„Ich gehe davon aus, dass 70 Prozent der Südtiroler gerne arbeiten“, wagt Tony Tschenett, der Vorsitzende des Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbundes ASGB, eine Einschätzung. „Nur ein ganz geringer Prozentsatz der Menschen arbeitet wirklich ungern – in Südtirol genauso wie anderswo“, sagt der erfahrene Personalleiter Andreas Rogger, der bei GKN Driveline derzeit Vizepräsident „Human Resources Global Functions“ ist. Das Arbeitsförderungsinstitut Afi hat die Arbeitsplatzzufriedenheit der Südtiroler vor zwei Jahren sogar einmal im Zuge des Afi-Barometers abgefragt. Das Ergebnis: 84 Prozent der Befragten gaben auf einer Skala von 1 bis 10 einen Wert zwischen 7 und 10 an. Nur unwesentlich mehr Befragte, nämlich 86 Prozent, gaben ihrer allgemeinen Lebenssituation dieselben Noten zwischen 7 und 10. Dass die Südtiroler zwar Spaß an ihrem Leben finden, aber wenig Spaß an ihrer Arbeit, ist folglich ein Märchen. Und es ist ein Märchen, „dass die Jungen keine Lust haben“, beobachtet Rogger.
Wer aber arbeitet gern – und wer ungern? Es darf davon ausgegangen werden, dass die allermeisten Unternehmer ihre Arbeit trotz aller Schwierigkeiten gern tun – sonst täten sie sich die Selbstständigkeit nicht an. Es darf auch davon ausgegangen werden, dass Führungskräfte in der Regel gerne arbeiten – mit Unwillen hätten sie kaum Karriere gemacht. Schließlich darf davon ausgegangen werden, dass auch einfache Arbeiter und Angestellte mehrheitlich Gefallen an ihrem Job finden, zumal in den vielen familiär geführten Südtiroler Unternehmen. In diesen kleinen Unternehmen existiert in der Regel ein persönliches Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeitern. Und wo Mitarbeiter das Gefühl haben, dass sie für ihren Chef nicht eine Nummer sind, sondern dass ihre Arbeit und durchaus auch ihre Ideen wertgeschätzt werden, schafft der Job Befriedigung. Es schafft Befriedigung zu wissen, im Betrieb gebraucht zu werden. Ebenso schafft es Befriedigung, am Ende eines Tages ein Ergebnis zu sehen – dieses Gefühl kennen zum Beispiel Handwerker genauso wie Bauarbeiter, und dieses Gefühl entschädigt für manchen heißen Arbeitstag in der prallen Sonne. Freilich, es wäre falsch, die Arbeit zu verklären. Aber es ist mindestens genauso falsch, die Arbeit pauschal als notwendiges Übel zu betrachten. Es gibt zweifelsohne Menschen, die ungern arbeiten und deutlich mehr Befriedigung in Freizeitbeschäftigungen erfahren. Die allermeisten Südtiroler arbeiten aber gern. Sonst wären die Südtiroler kaum jenes fleißiges Volk, als das sie gelten. Und sonst könnten auch die krankheitsbedingten Ausfälle nicht unterdurchschnittlich sein – wer gerne arbeitet und gebraucht wird, geht bei einer Erkältung zur Arbeit statt zum Arzt. Von daher ist es bare Münze wert, wenn Menschen gerne arbeiten.
Eine zentrale Rolle für die Zufriedenheit mit dem Arbeitsalltag spielt der Chef. Erst vor wenigen Wochen hat dies in Deutschland eine Studie der Plattform „Initiative Neue Qualiät der Arbeit“ bestätigt. Wiederholt sind zu diesem Schluss auch die österreichischen Arbeiterkammern gekommen, welche die Arbeitsplatzzufriedenheit schon seit Mitte der 1990er-Jahre vierteljährlich in einen Arbeitsklimaindex kleiden. „Wer glaubt, eine gute Entlohnung und genügend Freizeit seien den Mitarbeitern am wichtigsten, täuscht sich“, weiß Afi-Direktor Stefan Perini, der aus den Umfrageergebnissen zitiert: Der wichtigste Faktor für die Arbeitszufriedenheit sei das Gefühl, Chancen am Arbeitsmarkt zu haben. Gleich dahinter folge der Führungsstil des Vorgesetzten. Dass die Südtiroler als fleißiges Volk gelten, hat demnach vielleicht auch damit zu tun, dass sie fähige Chefs haben. Laut österreichischen Arbeiterkammern – so Perini – haben einen hohen Wert auch die eingeräumten Weiterbildungsmöglichkeiten und das Ansehen des Unternehmens – Erfolg motiviert, genauso wie der Stolz, für ein erfolgreiches Unternehmen zu arbeiten. Erst dahinter folgen erstaunlicherweise das Einkommen und die Karrierechancen.
Eine vernünftige Entlohnung und ein Arbeitsplatz mit den notwendigen Arbeitsmitteln sind natürlich Rahmenbedingungen, die stimmen müssen. Die eigentlichen Motivationsfaktoren sind aber andere. „Selbstbestimmtes Arbeiten“, ergänzt Stefan Perini die Liste der Arbeiterkammern. „Entfaltungsmöglichkeiten“ nennt Tony Tschenett. Andreas Rogger sagt: „Der Mitarbeiter muss einen Sinn in der Arbeit sehen.“ Diesbezüglich kommt wieder der Chef als Motivator und Kommunikator ins Spiel. Rogger: „Mitarbeiter sind bereit, Sonderschichten einzulegen, wenn ihnen erklärt wird, warum das notwendig ist. Und sie sind auch bereit, eine Krise gemeinsam mit dem Arbeitgeber zu bewältigen.“
Im Umkehrschluss arbeitet ungern, wer keinen oder wenig Sinn in seiner Tätigkeit erblickt. Wer keine Herausforderung zu bewältigen hat. Wer sich bewusst ist, dass seine Arbeitskraft bei krankheitsbedingter Abwesenheit nicht wirklich vermisst wird. Oder wer – andersrum – einen hohen Arbeitsdruck aushalten muss, ohne dafür vom Vorgesetzten Anerkennung zu ernten.
Stefan Perini ist überzeugt, dass die Unternehmen gut daran tun, sich Gedanken über die Arbeitsplatzzufriedenheit zu machen: „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels müssten sich die Betriebe fragen, wie sie es in Zukunft schaffen, mit einer im Schnitt älteren Belegschaft produktiv und wettbewerbsfähig zu bleiben.“
Eine Frage, die sich oft stellt, ist, ob in kleinen Unternehmen lieber gearbeitet wird als in Konzernen und im öffentlichen Dienst. Erst letzthin war wieder von einer verbreiteten Unzufriedenheit in Südtirols Sanität zu hören. Und die Gewerkschaften werden gefühlsmäßig öfter in großen Unternehmen zu Hilfe gerufen. Tony Tschenett freut es immer, „wenn ich Betriebe beim gemeinsamen Törggelen treffe“. In solchen Fällen sei zu vermuten, dass das Klima zwischen Chef und Mitarbeitern passe, sagt Tschenett. Dass es sich folglich um keine potenziellen „Kunden“ für die Gewerkschaft handelt, kann der ASGB-Gewerkschafter gut verschmerzen.



















