Bozen – Wie Wahlkampf, wie Politik seit jeher funktioniert, weiß Angelo Gennaccaro. Spätestens, seit er einen Kurs in der Uni zum Thema besuchte: Es werden Versprechen gegeben. Und auffallen sollte man, wenigstens ab und zu.
Doch der Landtagsabgeordnete tut wenig von dem, was er an der Uni gelernt hat. Er verhält sich leise. Jüngstes Beispiel dafür: seine Wahl zum Präsidenten des Südtiroler Landtags. Gennaccaro entschied die Wahl für sich – doch die Aufmerksamkeit bekamen andere. Waltraud Deeg, die ihren Stimmzettel gezeigt hatte. Arnold Schuler, der von Teilen der Opposition mitgetragen worden war. Brigitte Foppa, die ebendiese Unterstützung angekündigt hatte. Der Gewählte hingegen blieb im Hintergrund.
Er wirkte gefasst, als er seinen neuen Platz einnahm. Kein Lächeln, keine Andeutung von Erleichterung. Er trat vors Mikrofon, hielt seine Antrittsrede, übernahm die Sitzungsleitung. „Innerlich war ich sehr wohl erleichtert“, sagt er. Nach außen: nichts.
Seit zweieinhalb Jahren sitzt der 42-Jährige im Hohen Haus – gewählt als Spitzenkandidat eines Bündnisses italienischer Bürgerlisten. Schlagzeilen hat er in dieser Zeit kaum gemacht. Keine unbequemen Fragen, keine Reibung, kein Profil, das polarisiert. Manche würden sagen, er ist zu glatt für die Politik. Andere, er ist genau richtig.
Wer ist dieser Politiker, der nicht auffällt – und trotzdem zu überzeugen scheint?
Worte als Werkzeug
„Io sono Angelo“, sagt Angelo Gennaccaro beim Porträttermin sechs Tage nach seiner Wahl zum Landtagspräsidenten und bietet sofort das Du an. Er empfängt die SWZ in seinem Büro im ersten Stock des Landtags. An der Wand hängen ein paar bunte Bilder, auf einer Anrichte stehen eingerahmte Fotos. Eines davon zeigt ihn mit Papst Leo.
Eigentlich könnten er und sein Team in das Büro des Präsidenten umziehen, das auf den Silvius-Magnago-Platz blickt. Doch der 42-Jährige hat sich dagegen entschieden. Es sei für alle einfacher so. „Und hier ist es auch schön“, sagt er, als er auf einem weißen Ledersofa Platz nimmt.
Er beginnt zu erzählen: von der Wahl am 13. Mai, von den Tagen danach. Die Phase, sagt er, habe ihn gestresst, doch das habe er erst gemerkt, als die Aufregung nachließ. „Gestresst hat mich weniger der Gedanke an die neue Rolle, sondern mehr die politischen Spielchen rund um die Wahl“, sagt er. Das Amt des Landtagspräsidenten wechselt bei Halbzeit der Legislaturperiode die Sprachgruppe. Auf den Deutschen Arnold Schuler folgt ein Italiener, die Opposition hatte Sandro Repetto (PD) vorgeschlagen.
Als die Stimmzettel ausgezählt wurden, sei er nervös gewesen, sagt Gennaccaro. 18 Stimmen, alle Stimmen der Mehrheit, bekam er. „Ich hatte meinen Kopf hingehalten.“ Er habe aber nie aktiv darum gekämpft, zum Präsidenten gewählt zu werden. Das ist ihm wichtig zu betonen.
Wie Sprache, wie Körpersprache wirkt, hat der gebürtige Bozner in Rom gelernt. Dort, in der Cinecittà, lässt er sich nach der Matura zum Schauspieler ausbilden.
Angelo Gennaccaro ist bekannt als Profi in Sachen Kommunikation. Er drückt sich gewählt aus, ringt nie nach Worten, setzt seine Gestik bewusst ein. Als er etwa sagt, er wolle jede Landtagssitzung gut vorbereiten, eine gewisse Unbestimmte bleibe aber immer, zeichnet er mit der rechten Hand ein Fragezeichen in die Luft.
Erst Schauspiel, dann Politik
Wie Sprache, wie Körpersprache wirkt, hat der gebürtige Bozner in Rom gelernt. Dort, in der Cinecittà, lässt er sich nach der Matura zum Schauspieler ausbilden. Er dreht Filme, Serien, spielt in Theatern mit. Auch in einigen Werbespots tritt er auf, etwa für Telecom und Opel. Mehrere Jahre lang lebt er in der Hauptstadt. Eine schöne Zeit, sagt er, „aber wenn man dort ist, in diesem so großen Kontext, vermisst man Südtirol. Südtirol gibt einem das Gefühl, beschützt zu sein“. Es habe Zeiten gegeben, in denen er keine Jobs gefunden und sich verloren gefühlt habe.
Zurück in Südtirol nimmt er einen Job beim Weiterbildungszentrum Upad in Bozen an, später studiert er Kommunikationswissenschaften und Journalismus in Verona. Dort setzt er sich in einem Kurs mit politischer Kommunikation und Wahlkämpfen auseinander, mit den Botschaften der Kommunisten und dem Wahlkampf von Silvio Berlusconi – und entdeckt dabei seine eigene Leidenschaft für die Politik. So erzählt es Angelo Gennaccaro heute.
Sein Studium schließt er dann auch mit einer Arbeit zu Wahlkämpfen ab. Im Zuge dessen entwickelt er 2010 seinen eigenen Wahlkampf für den Bozner Gemeinderat. Er verbindet erprobte Wahlkampfmethoden mit Facebook-Wahlkampf. Für damalige Zeiten ein innovatives Vorgehen.
Seine Strategie geht auf
Gennaccaro schafft den Einzug in den Gemeinderat auf der Liste „Unione di Centro“ von Pier Ferdinando Casini, Parlamentarier aus Bologna. Bei seiner ersten Wahl erreicht er 468 Stimmen. Fünf Jahre später kandidiert er mit seiner eigenen Liste „Io sto con Bolzano“, holt 1.455 Stimmen, wird Stadtrat. Bei der Gemeindewahl 2020 erreicht er mehr als doppelt so viele Stimmen, seine Liste holt in Bozen 8,3 Prozent und vier Sitze. Er wird wieder Stadtrat. Seine Bereiche: digitale Innovation, Smart City, Jugend, Bürgerbeteiligung, Personal, Demografische Dienste, Informatik und Gemeinschaftsförderung.
Zwei, die mit Angelo Gennaccaro in dieser Zeit im Gemeinderat saßen, sagen über ihn, er habe sich stets diplomatisch verhalten, habe sich zwar regelmäßig zu Wort gemeldet, sei aber nie durch markante Aussagen aufgefallen: „Er blieb oft unter dem Radar.“
2023 gelingt ihm dann der Sprung in den Landtag. Er erhält 3.190 Vorzugsstimmen. Südtirolweit entscheiden sich 2,6 Prozent der Wähler:innen für „La Civica“, in Bozen 9,3 Prozent. Gennaccaro wird der meistgewählte Italiener. Damals schrieb das Wochenmagazin ff: „Zu sagen, dass sie niemand hatte kommen sehen, wäre übertrieben. Dass aber das Bürgerlistenbündnis La Civica mit Gennaccaro den meistgewählten Italiener im Landtag stellen würde, wer hätte darauf vor der Landtagswahl gewettet?“
In der Mitte
Nach der Landtagswahl wird Gennaccaro direkt Teil der Koalitionsverhandlungen. Kurz sieht es danach aus, als könnte er Landesrat werden, doch es gibt nur zwei Posten für die italienische Sprachgruppe – und mit Marco Galateo, Christian Bianchi und Angelo Gennaccaro drei Interessierte. Nach längerem Hin und Her macht dieser einen Schritt zurück und bekommt andere Posten, darunter einen als Regionalassessor und den des Landtagsvizepräsidenten bzw. -präsidenten. „Unser Beitrag ist der, in Richtung Mitte auszugleichen, damit es keine reine Regierung aus SVP und Rechten wird“, sagte Gennaccaro im Laufe der Verhandlungen.
Wieder einmal ist er der Mann in der Mitte. Das war er zuvor schon, in seiner Zeit im Bozner Gemeinderat. Auch damals begibt er sich nie klar auf eine Seite, weder auf die rechte noch die linke. Er sei ein klassischer „Centrista“, sagt einer, der ihn schon lange kennt.
Gennaccaros Vorbild ist der erwähnte Pier Ferdinando Casini. „Ich schätze seine Ausgewogenheit. Er hat stets versucht, ein Gleichgewicht zwischen rechts und links zu finden“, sagt der 42-Jährige. Noch heute ist Casini eine Art politischer Mentor für ihn. Nach der Wahl zum Landtagspräsidenten sei er einer der Ersten gewesen, die ihm gratuliert haben.
„Dann verlieren die Menschen den Glauben an die Politik“
Zu einer nationalen Partei zog es Angelo Gennaccaro nie, abgesehen von Casinis „Unione di Centro“, mit der ihm der erste Einzug in den Gemeinderat glückte. „Ich finde mich in den traditionellen nationalen politischen Lagern nicht wieder“, sagt er. „Wenn sich in der Mitte ein Bündnis bildet, wäre ich dabei.“ Dann kommt er auf die Fünf-Sterne-Bewegung zu sprechen – und seine Stimme wird plötzlich lauter, seine Worte schneller. „Man kann nicht sagen, die traditionelle Politik ist unterste Schublade und man selbst sei die Rettung dieser Welt. Wir brauchen die Politik.“
Ein Fehler, den viele Politiker:innen und Parteien begingen, sei, zu viel zu versprechen. „Dann verlieren die Menschen den Glauben an die Politik“, sagt der neue Landtagspräsident. Er selbst gebe deshalb kaum Versprechen. Das Wahlprogramm des Bürgerlistenbündnisses ist deshalb entsprechend unkonkret, im Landtag fällt der meistgewählte Italiener kaum auf.
Auch wird Gennaccaro nicht sofort mit gewissen Themen assoziiert wie andere Abgeordnete. Auf die Frage, für welche Themen er brennt, antwortet er: „Der Generationswechsel beschäftigt mich.“ Dann überlegt er eine Weile und beginnt aufzuzählen: „Ich kümmere mich ein bisschen um alles: Jugend, Kultur, als Regionalassessor bin ich auch für den Dritten Sektor und die Digitalisierung zuständig. Aber es stimmt, ich habe kein alles überragendes Thema.“
Die Wähler:innen scheint das nicht zu stören.
Ein „bravo ragazzo“
Über die Jahre nahm der Zuspruch für Gennaccaro zu. Er sei engagiert, ein „bravo ragazzo“, sagt ein ehemaliger Gemeinderatskollege. Im Landtagswahlkampf habe er bei der italienischsprachigen Bevölkerung gepunktet, im Gemeindewahlkampf zusätzlich auch bei jener mit Migrationshintergrund: Auf seiner Liste schafften zwei Personen mit marokkanischen Wurzeln den Einzug in den Bozner Gemeinderat.
Gennaccaro sagt, der Erfolg liege an seiner Arbeit. „Ich habe meine Arbeit schon immer ohne großes Geschrei und ohne billige Lösungsversprechen gemacht.“ Dann sagt er aber auch: Er sei viel unterwegs, nicht nur im Wahlkampf, sondern das ganze Jahr über. Gerade in Bozen kennen ihn viele persönlich.
Als Landtagsabgeordneter habe er Südtirol erst richtig kennengelernt, sagt er. „Ich hatte eine sehr Bozen-zentrierte Mentalität – aber in diesen zweieinhalb Jahren habe ich gelernt, dass es auch eine Welt außerhalb von Bozen gibt.“ Trotzdem: An seinem Schreibtisch im Landtag steht ein Wimpel mit dem Bozner Gemeindewappen. Eine Erinnerung – oder eine Ansage. Irgendwann, sagt Gennaccaro, wolle er als Bürgermeister in die Gemeinde zurück. Und fügt hinzu: „Wenn die Voraussetzungen stimmen und die Bürger es wünschen.“ Ganz der Kommunikationsprofi eben – und der Politiker, der sich nicht aus dem Fenster lehnt.
Dieser Artikel erschien in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel: Unter dem Radar


















