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Andere Länder locken mehr

Ein Studienjahr lang wollte Reinhilde Weidacher bleiben, mittlerweile lebt sie seit 20 Jahren in Schweden (mit Zwischenstation in den Niederlanden). Warum sie zwar gerne von einer Rückkehr nach Südtirol spricht, aber wohl nicht mehr hier leben wird, erzählt sie in der Serie „Südtiroler im Ausland“.

Südtiroler Wirtschaftszeitung von Südtiroler Wirtschaftszeitung
19. Juni 2015
in Südtirol
Lesezeit: 4 mins read

SWZ: Was hat Sie nach Schweden getrieben? Warum sind Sie dort hingezogen?

Reinhilde Weidacher: Ich bin nach dem Studium für ein Jahr nach Südtirol zurückgekehrt, bin dann aber nach Schweden gezogen, eigentlich nur für ein zusätzliches Studienjahr. Die Kurse, die ich an der Universität von Stockholm abgelegt habe, waren ausgesprochen lehrreich und inspirierend – in Bezug auf Inhalt und Arbeitsweise. Stockholm hat mir gleich gut gefallen, und nach abgelegtem Diplom wollte ich gern bleiben. Dass ich Arbeit bei einem so renommierten Institut wie SIPRI finden konnte, habe ich als richtigen Glückstreffer empfunden.

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Weshalb und wann haben Sie Südtirol den Rücken gekehrt?

Südtirol werde ich nie den Rücken zukehren – auch wenn ich davon weggezogen bin. Ich bin nicht aus Südtirol geflohen, sondern wollte ein neues Land, eine neue Sprache und Kultur kennenlernen.

Gab es Momente, in denen Sie kurz vor einer Rückkehr nach Südtirol standen?

Von einer möglichen Rückkehr nach Südtirol spreche ich gerne, vor allem mit meiner Familie, die vom Pustertal und von Südtirol begeistert ist, und mit Freunden und Kollegen, für die die Dolomiten ein Traumurlaubsziel sind. Ganz ernst ist es mir damit aber nicht. Nach vier Jahren Studienzeit in Bologna und 20 Jahren Berufs- und Familienleben in anderen Ländern – erst Schweden, dann den Niederlanden und dann wieder Schweden – bleibt Südtirol zwar immer noch eine Heimat, aber nur neben der anderen Heimat, die Stockholm jetzt ist. Beruflich locken andere Länder und Regionen, nicht Südtirol.

Könnten Sie Ihrem derzeitigen Beruf auch in Südtirol nachgehen bzw. möchten Sie denselben Job in Südtirol überhaupt machen?

Ich arbeite seit zehn Jahren in einem schwedischen Beratungsunternehmen im Bereich nachhaltiges Investment mit Kunden – Kapitalbesitzern (in erster Linie Pensionskassen) und Kapitalverwaltern – in Europa, den Vereinigten Staaten und Australien. Im Unternehmen leite ich ein Team von Analytikern/-innen, die Unternehmen nach ihrem Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung bewerten. Das Investment-Universum unserer Kunden ist global, die ökologischen und sozialen Kriterien, die in der Bewertung berücksichtig werden, beziehen sich auf internationale Richtlinien. Mein Beruf ist also nicht an Schweden oder Stockholm gebunden. In Skandinavien ist der Markt für nachhaltige Geldanlagen und allgemein das Interesse für nachhaltige Unternehmungsführung allerdings verhältnismäßig groß, entsprechende Arbeitsmöglichkeiten ergeben sich sowohl bei Unternehmen als auch bei Investoren und in der Beratungsbranche. Ich arbeite zudem gern in einem internationalen Kontext, mit Mitarbeitern/innen von verschiedenen Ländern und mit einer globalen Ausrichtung. Dazu – glaube ich – gibt es in Südtirol noch immer wenige Möglichkeiten.

Was schätzen Sie an Ihrem aktuellen Wohn-/Arbeitsort?

Die skandinavischen Länder bieten allgemein eine sehr hohe Lebensqualität – Einkommensverteilung, Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Zugang zu Ausbildung spielen dabei unter anderem eine wichtige Rolle. Das sind auch Fragen, die für mich wichtig sind. Zudem ist Stockholm eine sehr schöne, naturnahe Stadt. Der öffentliche Verkehr funktioniert ausgezeichnet. Stockholm hat viele Vorteile einer großen Stadt, aber nicht die Nachteile einer Großstadt.

Und was gefällt Ihnen nicht?

Stockholm ist nicht nur weit weg von der nächsten größeren Stadt in Schweden, sondern auch weit entfernt von den Städten in Europa, die ich beruflich und privat oft besuchen will. Selten steige ich in einen Zug ein – zu oft in ein Flugzeug.

Das Wetter, vor allem aber die Finsternis in den Wintermonaten sind wohl das, was viele davon abschreckt, an Schweden als möglichen Wohnort auch nur zu denken. Der Winter ist lang, die Sonne geht spät auf und früh unter – das treibt nicht nur uns Neuschweden, sondern auch die Altschweden spätestens Ende Jänner zur Verzweiflung.

Was könnte sich Südtirol an Ihrem derzeitigen „Heimatland” abschauen?

Es gibt vieles, das Schweden und Südtirol verbindet, vor allem die Liebe zur Natur, zum Freiluftleben. Allerdings ist gerade das in Schweden von einer größeren Schlichtheit, Verständlichkeit und Zugänglichkeit gekennzeichnet als in Südtirol, wo der Tourismus eine so wichtige Rolle für die Wirtschaft spielt.

Für Ausbildung, Beruf und Familie spielt die Gleichberechtigung von Frauen und Männern eine sehr wichtige Rolle: In dem Bereich liegt Skandinavien weit vorn.

Verfolgen Sie das Tagesgeschehen in Südtirol noch?

Nein, das Tagesgeschehen in Südtirol verfolge ich schon lange nicht mehr.

Was an Südtirol schätzen Sie?

Ich fühle mich immer noch als stolze Südtirolerin – die Natur, die Geschichte, der Unternehmergeist und natürlich auch die Küche sind, wenn vielleicht nicht einzigartig, so doch hervorragend.

Und was gefällt Ihnen weniger?

(keine Antwort)

Sehen Sie Südtirol heute anders als in der Zeit, als sie noch hier lebten?

Südtirol habe ich in meiner Jugend als zu traditionsgebunden und zu konservativ empfunden. Es geht wohl vielen so wie mir: Traditionen gewinnen mit dem Alter wieder an Wert.

Was man als konservativ und oft auch begrenzend erlebt, hängt vom Messstock ab: Ich habe lange in Schweden gelebt und auch einige Jahren in den Niederlanden verbracht – beides Länder, die als sehr progressiv gelten und es auch in Bezug auf viele Fragen sind. Südtirol habe ich immer als geteilt erlebt, mit ausgesprochen progressiven, aber auch sehr konservativen Kräften.

Möchten Sie wieder nach Südtirol zurückkommen?

Nach Südtirol kehre ich gern im Urlaub zurück, vielleicht für ein Arbeitsprojekt – aber wahrscheinlich nicht, um mich mit meiner Familie seßhaft zu machen. Sollte ich von Schweden wegziehen, lockt ein neues Land, eine neue Region mehr als Südtirol.

Was wollten Sie Ihren Südtiroler Landsleuten schon immer mal mitgeben?

Das wäre anmaßend – denn so bedeutende Einblicke habe ich leider nicht.

Schlagwörter: 24-15freenomedia

Info

Die Serie
In den kommenden Wochen widmet sich die SWZ den Auslandssüdtirolern: Warum sie Südtirol verlassen haben, was sie an ihrer „neuen“ und was an ihrer „alten“ Heimat schätzen, wie ihr Leben im Ausland ihren Blick auf Südtirol geändert hat und vieles mehr haben wir ausgewanderte Südtiroler gefragt. Im ersten Teil der Serie (Ausgabe 23/15) beantwortete Markus Dorfmann aus Feldthurns, der seit 20 Jahren in New York lebt, den SWZ-Fragebogen, in den kommenden
Wochen werden weitere fern der Heimat lebende Südtiroler dieselben Fragen beantworten und so ihre Eindrücke für die SWZ-Leser festhalten.
Südstern, das Netzwerk der Südtiroler im Ausland, hat die SWZ-Redaktion beim Suchen und Finden von Südtirolern unterstützt, die bereit waren, an der Interviewserie mitzuwirken.
 
Reinhilde Weidacher, Jahrgang 1969, ist in Prags im Hochpustertal aufgewachsen, heute lebt sie in Stockholm. In die schwedische Hauptstadt kam sie einst, um nach ihrem Abschluss in Politikwissenschaften an der Universität von Bologna ein zusätzliches Studienjahr (Postgraduierten-Diplom in Sozialwissenschaften) zu absolvieren – weil es ihr dort so gut gefiel, ist sie schließlich geblieben.

Ausgabe 24-15, Seite 6

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