Bozen – Helmuth Sinn hat bereits ein wenig aufgeräumt. Sein Büro im ersten Stock des Landhauses 12 war schon immer schlicht, nun wirkt es noch ein wenig spartanischer. Es dominiert das Weiß von Tischen und Wänden, dazwischen nur wenig Privates. Der Raum passt zum Typ des 62-Jährigen, der nach 25 Jahren an der Spitze der Landesabteilung Arbeit in den Ruhestand tritt. Sinn und die Abteilung Arbeit: Es war eine von professioneller Sachlichkeit und Pragmatik geprägte Beziehung, die nun zu Ende geht. Am 1. Mai, natürlich am Tag der Arbeit, scheidet Helmuth Sinn aus dem Landesdienst aus. 44 Jahre zuvor hatte er als 18-Jähriger im Landesdienst angefangen – in der Personalabteilung, wo er ausgerechnet für Pensionierungen zuständig war.
Nach den Gründen für seinen für viele überraschenden Rückzug gefragt, hat Helmut Sinn zwei Antworten parat: eine statistische und eine emotionale. „Ich bin 62 Jahre alt. Laut Statistik hat ein 60-Jähriger sieben Jahre, in denen er völlig beschwerdefrei ist. So gesehen hätte ich also nur mehr fünf gute Jahre. Deshalb will ich nicht bis 65 hier bleiben.“ Es ist eine wenig zufriedenstellende Antwort des agilen Spitzenbeamten, der auch jetzt – zwei Wochen vor seiner Pensionierung – in keiner Weise müde wirkt. Doch er selbst schiebt die zweite Antwort sofort hinterher. „Mir ist der bürokratische Aufwand in der Landesverwaltung zu viel geworden. Wir ersticken gleichsam an Transparenzplan, Antikorruptionsplan, Performanceplan oder Verwaltungsverfahren. Wir sind als Landesverwaltung nicht mehr diese Vorzeigeverwaltung in Italien, die wir einmal waren, sondern sind unter diesem Gesichtspunkt eine x-beliebige Provinz geworden.“
Deutlicher könnte eine Kritik an der derzeitigen Landesregierung kaum sein. Das weiß auch Helmuth Sinn. Doch ihm geht es nicht um Personenkritik, sondern um Kritik am System, wie er betont. „Die Probleme in der Verwaltung interessieren aktuell niemanden. Dabei muss die Politik endlich anfangen, sich des Themas anzunehmen. Ansonsten wird sie bald die Rechnung präsentiert bekommen. Die überbordende Bürokratie wirkt sich bereits jetzt auf die Qualität der Dienstleistung in der Verwaltung aus.“ Die Verwaltungsinnovation 2018? „Wir befinden uns seit 2014 in einem riesigen Umbruch. Es ist zu hoffen, dass dieser Prozess schnell abgeschlossen ist und wir uns wieder auf den eigentlichen Bürgerdienst konzentrieren können. Doch ich habe die Sorge, dass es in die falsche Richtung geht.“
Laut Sinn muss sich die Landesregierung auch ankreiden lassen, dass sie im Verwaltungsbereich zu wenig auf Autonomie gepocht hat. „Hier hat sie sich vom Staat überfahren lassen. Über das Vehikel der Computerisierung der öffentlichen Verwaltung werden autonomiepolitische Kompetenzen ausgehöhlt, und nicht alles wird einfacher“, erklärt er. Was das heißt, hat Sinn bei seiner eigenen Pensionierung erfahren. „Ich musste mein Pensionsgesuch in einem Patronat stellen – so kompliziert ist das. Zudem war im Gesuch kein einziges deutsches Wort enthalten. Das ist eigentlich ein Skandal. So wie mir geht es auch vielen Unternehmen, die viele Meldungen nur auf Italienisch machen können. Die Digitalisierung macht nicht mehr halt vor den Landesgrenzen. Insofern mag das Argument durchaus stimmen, dass es schade ist, dass mit Landesrätin Martha Stocker der SVP eine wichtige volkstums- und autonomiepolitische Flanke wegbricht.“
Helmuth Sinn hat als ein dem Arbeitnehmerflügel zuzurechnender SVPler jahrelang selbst eine politische Funktion innegehabt. Zwischen 1987 und 2012 war er 25 Jahre lang Ortsobmann in Kaltern. Eine solche Kontinuität gab es bei seinen obersten Vorgesetzten im Arbeitsressort nicht. Helmuth Sinn sah sechs Landesräte kommen und gehen: Otto Saurer (SVP), Erich Achmüller (SVP), Luisa Gnecchi (PD), Francesco Comina (Pace e diritti insieme a sinistra), Barbara Repetto (PD), Roberto Bizzo (PD) und Martha Stocker (SVP). „Von allen hat wohl Otto Saurer den Bereich Arbeit am nachhaltigsten geprägt. Er war gesetzgeberisch sehr engagiert und hat insgesamt eine sehr vorausschauende und progressive Politik gemacht.“ Mit dem Vinschger Mitbegründer des SVP-Arbeitnehmerflügels verband Sinn eine besondere Beziehung. Mit dem „Wohwollen“ Saurers, wie es Sinn formuliert, wurde er 1993 mit 37 Jahren jüngster Abteilungsdirektor des Landes. Bereits zuvor war er bei seinem Antritt als Leiter des Amtes für Arbeitsmarkt mit 27 Jahren der jüngste Amtsdirektor gewesen. „Natürlich braucht es für eine solche Karriere viel Zielstrebigkeit und eine Portion Glück. Ich hatte beides“, sagt Helmuth Sinn heute. Neben Kompatscher und Durnwalder hatte er auch noch Silvius Magnago als Landeshauptmann und obersten Vorgesetzten. Noch heute findet Sinn es schade, dass es den Schwur nicht mehr gibt, den er beim Eintritt in den Landesdienst beim obersten Chef Magnago zu leisten hatte. „Denn dabei wird einem bewusst, dass man als Beamter für die Öffentlichkeit da ist und dazu berufen ist, ihr zu dienen. Das war immer auch ein Prinzip, das mich geleitet hat.“
Helmut Sinn hat in mehr als vier Jahrzehnten im Arbeitsressort Akzente setzen können. Er begann früh, über die Landesgrenzen hinaus den Austausch mit anderen Instituten wie dem österreichischen Arbeitsmarktservice AMS oder mit der deutschen Bundesagentur für Arbeit zu suchen. Wichtig war für ihn dabei stets die Verzahnung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die Wirtschaft betrachtet Sinn ganzheitlich: „Um den Herausforderungen in einem modernen Arbeitswesen nachzukommen, braucht es beide Seiten. Früher war etwa die Arbeitsvermittlung ein reiner Service für die Arbeitnehmer, heute ist er auch für die Arbeitgeber interessant, wie das Beispiel Jobbörse zeigt. Es gehört zu unseren Kernaufgaben, zu versuchen, den Fachkräftebedarf der Unternehmen zu decken.“ In Sachen Arbeitslosigkeit steht Südtirol heute blendend da. Daran habe seine Arbeit nur einen verschwindend geringen Anteil, betont Sinn im gewohnt zurückhaltenden Stil eines Grandseigneurs. Doch bei allen Erfolgszahlen und viel Wertschätzung: Wo übt Helmuth Sinn Selbstkritik? „Wir haben es nicht immer geschafft, unbürokratisch an die Menschen heranzutreten. In der Kommunikation, aber auch in den einzelnen konkreten Bereichen, etwa in der Arbeitsinspektion. Aber es ist dort eben eine Gratwanderung zwischen genau und korrekt zu sein und gleichzeitig mit Hausverstand zu agieren.“ Fest steht: In puncto Kommunikation hatte Sinn vielen Kollegen in der Landesverwaltung einiges voraus. Für Journalisten nahm er sich immer Zeit und verstand es, komplexe Sachverhalte prägnant zu formulieren.
Komplex sind auch die Aufgaben, die sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin angehen muss. „Die Arbeit geht dem Bereich Arbeit nicht aus, im Gegenteil.“ Es gelte, Fragen wie das Südtiroler Verhältnis mit der neuen Agentur Anpal und mit dem gesamtstaatlichen Arbeitsinspektorat zu klären, wo es um Kompetenzstreitigkeiten gehe. „Die langfristigen Herausforderungen allerdings sind die demographische Entwicklung und die Digitalisierung mit dem Stichwort Arbeit 4.0.“ Helmut Sinn spricht davon, dass sich die Rahmenbedingungen in der Wirtschaft verändern müssen, damit sowohl die Arbeitnehmer als auch die Unternehmen gerüstet sind für das, was in den nächsten Jahren auf sie zukommt. „Der Fachkräftemangel wird sich in den Jahren zwischen 2020 und 2021 noch einmal verschärfen. Hier braucht es in Südtirol noch viel Sensibilisierungsarbeit – auch bei den Unternehmen. Die Nase vorn haben wird jene Firma, die eine gute Mitarbeiterbindung hat. Auch wenn noch mehr Teilzeit angeboten wird und die Erwerbsquote von Frauen steigt, wird es immer noch mehr Arbeitskräfte von außerhalb Südtirols brauchen. Diese müssen erst einmal angeworben werden. Das kann schwierig werden.“
Klingt nach spannenden Herausforderungen. Reizen diese Helmuth Sinn nicht mehr? „Doch, eigentlich sehr. Unter diesen Gesichtspunkten tut es mir sehr leid, den Bereich zu verlassen. Gerade weil es im Moment so spannend ist. Aber für mich ist es jetzt Zeit zu gehen.“ Die Herausforderungen wird zunächst interimistisch sein Vize Stefan Luther angehen. Der Leiter des Amtes für Arbeitsmarktbeobachtung wird die Abteilung geschäftsführend bis zum Ende der Legislaturperiode im Herbst führen. Wie es danach weitergeht, ist noch offen. Sowohl ein offizieller Wettbewerb als auch eine direkte Ernennung durch einen neuen Landesrat bzw. durch die neue Landesregierung sind laut Sinn möglich.
Er selbst wird dann anderen Herausforderungen nachgehen. Helmuth Sinn absolviert gerade eine Ausbildung für die Funktion des Wegbegleiters in Selbsthilfegruppen. Im Mai beginnt er einen Lehrgang für angehende Sachwalter. Daneben will er sich um „eine kleine Landwirtschaft“ kümmern und für seine zwei Enkel da sein. „Ich würde ja noch Teilzeit machen, wenn sie mich lassen würden. Aber so sind das nun meine Aufgaben.“ Arbeitsmüde ist der Landeschef der Arbeit noch nicht.

















