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Ach die, die tun auch nichts!

Wir alle nehmen an, dass wir sehr viel arbeiten. Nur die anderen, die Kollegen oder gar andere Berufsgruppen, die tun nichts – oder zumindest wenig. Also verdienen sie zu viel im Verhältnis zu dem, was sie leisten.

Südtiroler Wirtschaftszeitung von Südtiroler Wirtschaftszeitung
16. November 2012
in Gesellschaft
Lesezeit: 3 mins read

In Zeiten des Sparens wird heiß diskutiert, was man neben Sozialleistungen und Arbeitsplätzen sonst noch so kürzen könnte. Gehälter sind da eine naheliegende Idee. Wenn man nämlich genauer hinsieht, wird für zu viel Geld zu wenig gearbeitet. Das wissen alle, von den Chefetagen bis zu den Stammtischbrüdern (und alle sagen es, aber nur von den jeweils anderen). Und auch ich kann das bestätigen. Ich habe mich quer durch die Berufsgruppen gewühlt und festgestellt: Dolce vita, wohin man schaut.

Vom schwerfälligen und ineffizienten Beamtenapparat möchte ich gar nicht erst anfangen. In den Amtsstuben wird bekanntlich hauptsächlich der Frühpension entgegengeschnarcht. Überhaupt sind Büros die reinsten Schlummerstuben. Wer da noch wach vor dem PC sitzt, spielt wahrscheinlich Farmville auf Facebook. Aber auch anderswo sieht es nicht besser aus. Ich sage nur Handwerk (hoppla!). Das hat bekanntlich goldenen Boden. Und in der Tat: Jeden Hammerschlag lässt sich der findige Meister vergolden, zu schwindelerregenden Stundensätzen, alles natürlich schwarz (sonst wird’s noch teurer). Und pro Stunde schafft er nur wenige Hammerschläge. Ein Blick in die Geschäfte zeigt aber, dass auch dort nicht geschuftet wird. Tatenlos herumstehende Verkäuferinnen, die mit der Kollegin plaudern, lassen eher eine Kaffeehausatmosphäre aufkommen. Apropos Kaffeehaus: Wer dort schon mal die Kellnerin nach der fünften Nachfrage völlig entspannt hat herbeischlendern sehen, der weiß, wie stressfreies Arbeiten aussieht.

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Doch auch wenn man sich die besser angesehenen Berufe genauer ansieht, entdeckt man Schlendrian, Wurstelei und Faulheit. Hausärzte etwa. Neuerdings füllen sie nur noch Zettel aus, mit denen sie ihre Patienten an die Krankenhäuser weiterreichen. Oder Anwälte. Bei denen gehört ein ineffizientes Zeitmanagement zum System. Heute übernehme ich den Fall, dann wird vertagt, in einem Jahr sehen wir weiter. Dazwischen gehen wir schön essen. Rechnung folgt. Richtig raffiniert wird es aber bei den Berufen, bei denen man gar nicht mehr selbst arbeitet, sondern arbeiten lässt. Politiker zum Beispiel haben einen Stab von Beratern, die ihnen die Reden schreiben und die Krawatte des Tages aussuchen. Eigenleistung: null. Freilich gibt es auch regionale Unterschiede. Im Süden wird sowieso immer nur den ganzen Tag Siesta gehalten. Ganze Nationen strecken den Bauch in die Sonne. Im Norden wird herumgejammert, aber zum richtigen Arbeiten lässt man sich Leute aus anderen Ländern kommen. Alles in allem liegen fast alle in der sozialen Hängematte.

All diese Menschen sind ganz offenkundig überbezahlt. Die tun doch nichts. Schlagen die Zeit tot bis zur nächsten Gehaltsüberweisung, sitzen zum Beispiel 45 Minuten in einer Schulklasse und wollen für 60 bezahlt werden. Na schön, manche tun auch ein bisschen was. Aber nur, weil sie Spaß dabei haben. Weil sie es gern tun. Und wenn man etwas mit Freude macht, ist es doch keine Arbeit mehr, sondern ein Hobby, nicht? Und seit wann werden Hobbys bezahlt?

Angesichts all dieser Trägheit ist es ein Wunder, dass der Laden überhaupt noch läuft. Aber er läuft auf dem niedrigsten Niveau, das wissen wir jetzt. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass keine großen Qualitätsverluste festzustellen sind, falls man die Gehälter kräftig kürzen würde. Die Menschen wissen sowieso nicht, was sie mit dem vielen Geld anfangen sollen (wo Geld ja nicht glücklich macht). Dann tragen sie es ratlos in die Shoppingzentren und kaufen Plastik­ramsch „Made in China“. Wenigstens die Chinesen wissen nämlich noch, wie man arbeitet. Hier im degenerierten Westen üben sich hingegen alle, wie wir gesehen haben, in Arbeitsverhinderung, Leistungsverweigerung und Anstrengungsvermeidung. Es gibt hier sowieso überhaupt nur einen Menschen, der wirklich arbeitet. Nämlich mich. Ich bin ständig gestresst. Unter Druck. Gehetzt. Überarbeitet. Weiß oft gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Immer mehr und mehr soll ich leisten. Für dasselbe Gehalt. Dabei arbeite ich ohnehin schon viel zu viel für viel zu wenig Geld. Es ist zum Verzweifeln. Aber niemand sieht meine Bemühungen. Alle denken, mein Job sei ein Spaziergang. Die sollten das mal ausprobieren! Dann sehen wir weiter! Aber nein, alle zeigen mit dem Finger auf mich. Kein Wort der Anerkennung, nur Häme und Kritik. Ich bin demotiviert und frustriert. Mein Arzt hat gesagt, ich sei Burnout-gefährdet. Dann hat er mich zu Untersuchungen ans Krankenhaus weitergeleitet. Dabei mag ich meine Arbeit. Aber das darf ich nicht zu laut sagen, sonst gibt es wieder einen Aufschrei. Wehe, wenn man zugibt, dass man das, was man tut, auch noch gerne tut. Dann heißt es gleich, man sei überbezahlt. Dabei merke ich monatlich, wie das Geld knapper wird. Es reicht grade zum Nötigsten. Aber missgünstige Lästermäuler munkeln hinter meinem Rücken, dass es mir viel zu gut gehe. Erst letzthin hab ich wieder ein Stammtischgespräch mitgekriegt, bei dem über meinen Berufsstand hergezogen wurde. Wir seien alle nur verwöhnte Faulpelze. Der Mann, der sich da ereiferte, bekam eine glühend rote Nase bei seiner Rede. Und dann sagte er, es gebe überhaupt nur einen einzigen Menschen, der wirklich anständig arbeite. Nämlich ihn. Na, das weiß ich zum Glück besser.

Schlagwörter: 44-12freenomedia

Ausgabe 44-12, Seite 7

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