Bozen – Für 28. April ist die Aktionärsversammlung der Messe Bozen AG einberufen. Auf der Tagesordnung stehen neben der Genehmigung der Bilanz 2014 auch Neuwahlen. Der sechsköpfige Verwaltungsrat einschließlich des Präsidenten wird neu bestimmt. Nicht mehr zur Verfügung steht Gernot Rössler, der seit 1991 an der Spitze der Messe steht. Mit ihm – oder bald nach ihm – verlässt auch Direktor Reinhold Marsoner die Messe. Er hat seinen Job wenige Monate nach Rössler übernommen und tritt im Sommer, sobald sein Nachfolger im Amt ist, in den Ruhestand. Fest steht: Es wird in diesem Jahr einen neuen Messepräsidenten geben und auch einen neuen Direktor. Mit dem Abgang des Messeduos Rössler & Marsoner, die sich seit ihrer Schulzeit am Franziskanergymnasium kennen, geht eine Ära zu Ende, die gekennzeichnet war von tiefgreifenden Veränderungen und vielen Erfolgen.
Blenden wir zurück. Vor 25 Jahren war die Bozner Messe eine Körperschaft öffentlichen Rechts mit einem Generalrat aus 30 Mitgliedern, unter ihnen Vertreter des Staates, der ein Drittel der Quoten hielt. Als Gernot Rössler im August 1990 zum Präsidenten bestellt wurde, war der Generalrat seit zehn Jahren nicht mehr erneuert worden – und wichtige Vorhaben standen an, insbesondere ein Neubau, denn die Messe platzte an ihrem Standort in der Romstraße aus allen Nähten. Rössler, Jahrgang 1953, Sprössling der Rössler Mühle in der Bozner Andreas-Hofer-Straße, hatte in Padua und Rom Jus studiert, bei der Banca Commerciale gearbeitet, war anschließend acht Jahre lang in der Kanzlei von Roland Riz tätig gewesen und hatte sich dann selbstständig gemacht. Von 1985 bis 1989 war er auch Stadtrat für Wirtschaft und Verkehr in Bozen. Als Messepräsident vorgeschlagen haben dürfte ihn der damalige Neo-Landesrat Werner Frick. Kaum war Rössler im Amt, suchte er einen neuen Direktor und schlug den Journalisten Reinhold Marsoner, Jahrgang 1952, vor. Marsoner hatte in Wien und Innsbruck Wirtschaft studiert und 1977 bei der Athesia angeheuert, wo er unter anderem die Lokalredaktion der „Dolomiten“ leitete und 1990 als Chefredakteur zur Sonntagszeitung „Z“ wechselte. Im April 1991 nahm Marsoner seine Arbeit als Direktor der Messe auf und stieg deshalb aus dem Autoimportunternehmen Knoma aus, das er zusammen mit dem späteren HC-Bozen-Präsidenten Dieter Knoll gegründet hatte.
Auf die beiden neuen Messemacher warteten viele Aufgaben, wobei sie von Beginn an mit der Tatsache konfrontiert waren, dass der damals für das Messewesen zuständige Landesrat Remo Ferretti von einem Neubau nichts wissen wollte. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. 1991 beschloss die Stadt Bozen, sich um die Austragung der Eishockey-WM im Jahr 1994 zu bewerben und plante den Bau eines neuen Eisstadions in der Nähe des Schwimmbades in der Trieststraße. Die Stadtverwalter merkten aber bald, dass es ihnen nicht gelingen würde, in kurzer Zeit eine derartige Infrastruktur zu verwirklichen, weshalb sie gemeinsam mit der Landesregierung die Messe mit dem Bau beauftragten. Die Messeleitung stimmte unter der Bedingung zu, dass das Stadion auf dem dafür ausgewiesenen Areal in Bozen-Süd errichtet und auch die Messe nach Bozen-Süd ausgesiedelt würde. „Wir sind“, betonen Rössler und Marsoner, „auf dem Umweg über die sogenannte Eiswelle zur neuen Messe gekommen.“ Noch 1991 wurde der Auftrag unter Dach und Fach gebracht. Vom ersten Beschluss im Stadtrat, in der Landesregierung und in den Messegremien vergingen sieben Monate bis zum Baubeginn. 18 Monate später war das 27 Milliarden Lire (heute etwa 14 Millionen Euro) teure Stadion fertig, und am 4. Dezember 1993 fand hier das erste Spiel (Bozen gegen Klagenfurt) statt.
Parallel liefen auch die Vorbereitungen für den Messeneubau. Im April 1991, als Marsoner seine Stelle antrat, wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben, im August stand der Sieger (Büro Lucchin/D’Ambrogio) fest, und ab 1992 wurden die Ausführungspläne erstellt. Die Planungs- und Bauarbeiten wurden überschattet von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Landesrat Remo Ferretti, die schließlich in eine Anklage mündeten und zu einer Verurteilung führten.
Nichtsdestotrotz: Im Herbst 1995 konnten die Arbeiten zum Neubau der Messe auf dem fünf Hektar großen Areal in der Handelszone Bozen Süd beginnen. Hier entstand bis Anfang 1998 für 61 Milliarden Lire (heute etwa 32 Millionen Euro) das Messezentrum mit 25.000 Quadratmetern überdachter Ausstellungs- und 15.000 Quadratmeter Freifläche. Für weitere 30 Milliarden Lire wurde ein Dienstleistungszentrum errichtet, das Kongresssäle, Showrooms, Büros und Räume für verschiedene Dienste (Polizei, Feuerwehr, Erste Hilfe, Bank, Post, Kinderhort, Restaurationsbetriebe) enthält. Die seinerzeitige Baustelle war nicht nur eine Großbaustelle, sondern auch eine Modellbaustelle in Sachen Arbeitssicherheit laut diesbezüglicher EU-Verordnung. Das Kongresszentrum wurde zu Beginn von der Messe geführt, dann aber an das von der Messe angeregte, 2003 eröffnete sogenannte Messehotel (Four Points by Sheraton) vermietet.
Wichtige Meilensteine waren der Übergang der Staatsanteile an das Land, dem mit dem 1. Jänner 2003 die Umwandlung der Messe in eine Aktiengesellschaft folgte. Anteilseigner sind heute neben dem Land Südtirol (63 Prozent) die Region, die Stadt Bozen und die Handelskammer.
Weitere umfangreiche Investitionen nach dem Bau wurden zwischen 2007 und 2013 in die Stromerzeugung aus Sonnenergie getätigt. Heute werden auf dem Messedach über eine Million kWh jährlich an grünem Strom erzeugt. Damit wird theoretisch der Gesamtbedarf des Messegeländes gedeckt.
Aber Rössler und Marsoner waren nicht nur emsige Bauherren, sondern haben darüber ihre Hauptaufgabe nicht vernachlässigt, nämlich das Messemachen. Als sie die Messe übernahmen, gab es neben der traditionellen Herbstmesse bereits mehrere Fachmessen, so die Landwirtschaftsschau, die Hotelmesse, die Freizeitmesse und Ufficio-Büro, die Bauschau und die Holzfachmesse Lignomec. 1997 die erste Alpitec (Fachmesse für Wintertechnologien) organisiert, im Juni 1998 die erste Apfelfachmesse Interpoma, im April 2001 fand erstmals die Wintersportmesse Prowinter statt. Seitdem kam ein weiteres Dutzend Fachmessen dazu (etwa die Biolife/Nutrisan oder die Autochtona und die Klimaenergy), andere finden nicht mehr statt oder wurden zusammengelegt. Den größten Erfolg hatte die „Klimahouse“, eine Fachmesse für Niedrigenergiegebäude, die nicht nur viele Tausend Besucher aus ganz Italien (und dem Ausland) anlockt, sondern längst ein Exportschlager geworden ist: Messe Bozen hat diese Veranstaltung schon in mehreren Regionen Italiens ausgerichtet. Den weitesten Sprung hat die Messe aber mit der Alpitec gemacht: Die Alpitec China findet zusammen mit der ISPO in Peking statt.
Das Wachstum der Messe in diesem letzten Vierteljahrhundert lässt sich in Zahlen ausdrücken: Als Marsoner und Rössler die Verantwortung für die Messe übernahmen, setzte diese zwei Milliarden Lire (gut eine Million Euro) um und beschäftigte zwölf Mitarbeiter. Heute sind es zehn Millionen Euro und 32 Mitarbeiter. Und sehr positiv haben sich auch die Bilanzergebnisse entwickelt. In den ersten Jahren nach dem Neubau war die Bilanz wegen der hohen vorzeitigen Abschreibungen negativ, aber seit 2003 schreibt die Gesellschaft schwarze Zahlen. Im Jahr 2012 betrug der Überschuss 620.000 Euro, 2013 waren es 340.000 Euro und 2014 werden es gar deutlich mehr sein (nach inoffiziellen Informationen der SWZ 900.00 Euro). Dabei investiert die Messe seit zehn Jahren im Schnitt jedes Jahr knapp eine Million Euro, und der Investitionsplan 2015 – 2019 sieht weitere etwa neun Millionen vor.
Wenn Rössler und Marsoner jetzt abtreten, tun sie es mit ein bisschen Wehmut, aber sie sind mit Recht auch ein wenig stolz darauf, was sie geleistet haben. Der scheidende Präsident teilt seine Amtszeit in drei Perioden ein: „Zuerst haben wir gebaut, dann neue Messeveranstaltungen ins Leben gerufen und Strategien entwickelt – und schließlich die Messe konsolidiert und internationalisiert.“ Und Marsoner, der längere Zeit auch Präsident der SMG war, erinnert daran, dass „die Messe gut aufgestellt ist, aber sicher einer ständigen Überprüfung bedarf, denn das Angebot muss ständig erneuert und ergänzt werden.“ Zwei oder drei neue Messen seien bereits konzipiert und könnten 2016 und oder 2017 starten, wenn sich die neue Messeleitung die Pläne zu eigen macht. Sprich: Das scheidende Messeduo übergibt ein gesundes und entwicklungsfähiges Unternehmen.
Gernot Rössler scheint der Bedächtige der beiden; er zeigt kaum Emotionen, und nur hie und da bricht ein wenig von seinem trockenen Humor durch. Reinhold Marsoner dagegen ist der Typ Antreiber, der schon einmal Dampf ablässt und der auch einmal aneckt. So haben sich die zwei an der Spitze der Messe ergänzt. Unbestreitbar (weil belegbar) ist: Unter ihrer Führung hat sich die Messe vom Sorgenkind zum Leistungsträger entwickelt. Ihre Nachfolger haben es nicht leicht, denn sie werden an ihnen gemessen werden.

















