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10 Jahre Brexit-Referendum: Leave or Remain?

EU-AUSTRITT – Zehn Jahre nach dem Referendum hat der Brexit der britischen Wirtschaft einen Dämpfer verpasst. Politische Turbulenzen könnten einen Regierungswechsel bringen. Vier Südtiroler:innen im Vereinigten Königreich berichten von den Veränderungen, die sie seit 2016 miterlebt haben – und warum sie geblieben sind.

Lisa Maria Gasser von Lisa Maria Gasser
5. Juni 2026
in Südtirol
Lesezeit: 7 mins read

Reisefreiheit ade! 2026 soll für Britinnen und Briten die elektronische Einreise­genehmigung in die EU kommen. (Foto: Shutterstock / Novikov Aleksey)

Bozen/London – Leave or Remain? Über diese Frage stimmten die Britinnen und Briten am 23. Juni 2016 ab. Knapp 52 Prozent sprachen sich für das „Leave“ und damit den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union aus. Es folgten jahrelange zähe Verhandlungen mit der EU, ab Februar 2020 eine Übergangsphase und am 1. Jänner 2021 der Brexit, mit dem das Vereinigte Königreich den EU-Binnenmarkt und die Zollunion verlassen hat. Eine der Folgen wird Ende 2026 spürbar werden: Ab dann brauchen Britinnen und Briten für Reisen in die EU erstmals eine Einreisegenehmigung.

Die zehn Jahre seit dem Referendum waren geprägt von einer beispiellosen politischen Instabilität mit fünf Premierministerinnen und -ministern und einem verhärteten Diskurs, der sich bis heute durch Parteien und Gesellschaft zieht. Aus wirtschaftlicher Sicht habe sich der Brexit „verheerend“ auf das Land ausgewirkt. Zu diesem Fazit kommt Fabrizio Fabbrini in einem Mitte Mai veröffentlichten Paper. Der Europarechtler stammt aus dem Trentino und hat 2017 das Brexit Institute an der Dublin City University gegründet.

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Neben negativen Auswirkungen auf Beschäftigung und Produktivität zitiert Fabbrini in seinem Paper Schätzungen der Europäischen Zentralbank, nach denen die britischen Warenexporte in die EU seit 2021 um fast 40 Prozent niedriger ausfielen, als sie es ohne den EU-Austritt gewesen wären. Die Direktinvestitionen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich gingen Brexit-bedingt um rund vier Prozent zurück; das britische Bruttoinlandsprodukt lag 2025 um geschätzt sechs bis acht Prozent niedriger, als es ohne Brexit gewesen wäre.

Vier Südtiroler:innen, die seit Langem in England leben, berichten, wie sich der Brexit auf ihre Arbeit und den Alltag ausgewirkt hat – und warum sie geblieben sind.

Ruth Goller, London

Ruth Goller (Foto: Ruth Goller)

Heute lebt Ruth Goller nahe London. Nach England kam sie schon vor 26 Jahren. Deshalb hat sie den „settled status“ problemlos erhalten. Seit 2021 garantiert dieser spezielle Einwanderungsstatus EU-Bürgerinnen und -Bürgern, die vor dem Brexit mindestens fünf Jahre im Vereinigten Königreich gelebt hatten, dauerhafte Rechte, darunter ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Doch davon abgesehen sei „vieles schwieriger“ geworden, sagt die gebürtige Brixner Musikerin. Weniger für sie selbst als vielmehr für ihre englischen Bandkolleginnen und -kollegen. Die dürfen sich seit dem Brexit nur eine gewisse Anzahl an Tagen überhaupt in der EU aufhalten und benötigen für bezahlte Auftritte in vielen Ländern eine Arbeitserlaubnis. „Da wir nun mal sehr viel in Festland-Europa spielen“, erklärt Goller, „beeinflussen die Restriktionen für meine Band natürlich auch mich.“ Ohne ihren italienischen Pass, der ihr uneingeschränktes Einreisen und Arbeiten in der EU garantiert, hätte sie „nicht in England bleiben können – das muss ich ganz klar sagen und ist irgendwie absurd“.

Wenn ich nicht den italienischen Pass hätte, hätte ich für meine Arbeit nicht in England bleiben können.

Mit ein Grund, warum sie „nur mehr ganz selten“ auf der Insel spiele, sei das deutlich geschrumpfte Kulturbudget: „Viele Fördermittel und Zuschüsse sind komplett weggefallen.“ Aber auch von europäischen Mitteln seien britische Künstler:innen mittlerweile ausgeschlossen, sagt Goller. Zum Beispiel von einem Fonds, der Musiker:innen bei den Reisekosten für Festivalauftritte unterstützt. Der Gedanke, England zu verlassen, sei ihr schon gekommen, „aber ich habe mein Haus und mein ganzes soziales Umfeld hier“. Für sie war es „ein Riesenfehler“, den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs zum Referendum zu machen. „Für die Wirtschaft ein totales Desaster“, und die Spaltung zwischen Remainers und Leavers wirke bis heute nach. Aus den Kommunalwahlen Anfang Mai ging der Leader der Brexit-Bewegung, Nigel Farage, mit seiner rechtspopulistischen Reform UK als großer Sieger hervor. In der kriselnden Labour-Partei von Premier Keir Starmer ist indes die Brexit-Debatte wieder aufgeflammt: Das Vereinigte Königreich müsse näher an oder gar wieder in die EU. Gelockert womöglich, aber rückgängig werde der Brexit wohl nicht gemacht werden, meint Ruth Goller.

Stefanie Verdorfer, Surrey

Stefanie Verdorfer (Foto: Privat)

Stefanie Verdorfer erinnert sich noch gut an den „Schock“ über das Ergebnis des Brexit-Referendums. „Weil es so knapp war, wollte man anfangs nicht glauben, dass der Brexit tatsächlich kommt.“ Zum ersten Mal auf die Insel kam Verdorfer nach dem Studium, für ein sechsmonatiges Praktikum. Daraus wurden vier Jahre in London. Seit 2011 lebt sie fix in Großbritannien, ist mit der Familie in die südenglische Grafschaft Surrey gezogen. Ihr Mann ist Brite, die Kinder haben den italienischen und den britischen Pass. Verdorfer ist mittlerweile auch Doppelstaatsbürgerin – wegen des Brexit. Eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis hätte sie zwar mühelos erhalten, doch das allein sei ihr zu unsicher gewesen: „Ich möchte mich nicht darauf verlassen, dass sich die Gesetze nicht ändern. Wir sehen es an den USA, wie schnell die Stimmung umschwenken kann.“ Ein Regierungswechsel, wie er dem Vereinigten Königreich bevorstehen könnte, könnte eine verschärfte Einwanderungspolitik, weniger Aufenthaltsgenehmigungen für EU-Bürger:innen bedeuten. „Man weiß es schlicht nicht“, sagt Verdorfer.

Ich möchte mich nicht darauf verlassen, dass die Stimmung nicht umschwenkt – wie in den USA.

Sie ist für einen Philanthropischen Fonds tätig, der mit milliardenschweren Großspendern oder Stiftungen wie der Gates Foundation arbeitet, „die Geld in Projekte in Ländern wie Indien, Kenia oder Südafrika investieren“, erklärt Verdorfer. Da der Fonds weder europäische Fördergelder beziehe noch mit der EU zusammenarbeite, habe sich der Brexit nicht spürbar auf ihre Arbeit ausgewirkt. Bei anderen Organisationen im Nonprofit- und Charity-Sektor sei das anders. Ihr Kollegen- und Freundeskreis dagegen sei deutlich geschrumpft: „Viele sind wieder zurück, nach Deutschland oder Italien, das mit dem rientro dei cervelli äußerst attraktiv ist.“

Die Pakete mit den Basteleien der Kinder an die Oma in Südtirol sind weniger geworden: „Meine Mutter müsste, um sie abzuholen, jetzt jedes Mal 20 oder 30 Euro zahlen.“ Ab Ende des Jahres plant die EU, das Einreisesystem ETIAS zu aktivieren. Dann werden Britinnen und Briten, die in die EU reisen – so wie Verdorfers Mann beim Besuch in ihrer Heimat –, eine elektronische Reisegenehmigung brauchen. Umgekehrt ist das heute schon der Fall. Die Insel sei seit dem Brexit „nicht mehr so welcoming“, bedauert Stefanie Verdorfer.

Paul Seppi, London

Paul Seppi

Nein, er kenne niemanden, der wegen Brexit weggezogen wäre, sagt Paul Seppi, weder im Freundeskreis noch im beruflichen Umfeld. Er ist Anwalt für Kartellrecht, lebt – unterbrochen von einem mehrjährigen Aufenthalt in Hong Kong – seit 2011 in London und kümmert sich in einer internationalen Großkanzlei unter anderem um die wettbewerblichen Aspekte von Unternehmensfusionen und -übernahmen (M&A). Am Arbeitsplatz merke man vom EU-Austritt „operativ wenig“, sagt Seppi: „London bietet eine Kombination, die nur wenige Wirtschaftsstandorte vorweisen können: Kapital, die englische Sprache, ein stabiles Rechtssystem und ein dichtes Ökosystem aus Bankern, Anwälten und anderen Beratern.“ Deshalb sei die britische Hauptstadt ein führendes Zentrum für große M&A-Transaktionen geblieben. Komplexer sei die Arbeit aber geworden: „Früher konnte man oft alle EU-Mitgliedsstaaten mit einer einzigen Anmeldung in Brüssel abdecken. Heute braucht es für grenzüberschreitende Transaktionen ab einer gewissen Größenordnung in Europa regelmäßig zwei parallele Verfahren – eines vor der EU-Kommission und eines vor den britischen Behörden.“

Weil englische Anwältinnen und Anwälte mit dem Brexit das Recht verloren haben, vor europäischen Gerichten aufzutreten, ist er jetzt zusätzlich in Belgien, Irland und Italien als Anwalt zugelassen.

London bietet eine Kombination, die nur wenige Wirtschaftsstandorte vorweisen können.

Deutlich mehr „als irgendeine politische Entwicklung“ habe – „wie wohl alle Eltern bestätigen können“ – das Vaterwerden sein Leben verändert, sagt Seppi. 2016 sei er frisch verliebt gewesen, heute verheiratet und Vater zweier Kinder, „die, wie sie selbst sagen, ein bisschen aus Südtirol, ein bisschen aus Singapur und ein bisschen aus London sind“. Selbst besitzt er neben der italienischen auch die britische Staatsbürgerschaft. Eine Rückkehr nach Kontinentaleuropa zieht er bis auf Weiteres nicht in Betracht: „London bleibt für international tätige Anwälte einer der attraktivsten Standorte weltweit. Und viele der 2016 prognostizierten Verwerfungen sind ausgeblieben.“ Zehn Jahre nach dem Referendum zeigen Umfragen, dass eine Mehrheit der Britinnen und Briten einen EU-Wiederbeitritt befürwortet. „Aber allgemein ist Brexit vom täglichen Gesprächsthema zum Hintergrundrauschen geworden“, sagt Paul Seppi.

Lukas Rier, Nottingham

Lukas Rier (Foto: Privat)

Heute wäre es für ihn schwieriger, zum Arbeiten nach England zu kommen, sagt Lukas Rier. Er zog 2014 nach Nottingham, um dort Physik zu studieren, absolvierte sein Doktorat in medizinischer Physik und blieb als Forscher an der Universität. Als er vom Studenten zum Angestellten wurde, habe er lediglich nachweisen müssen, den „settled status“ zu besitzen. Seit dem Brexit sind die Hürden für EU-Bürger:innen, um an eine Arbeitserlaubnis zu kommen, deutlich höher. Es gibt etwa eine Gehaltsuntergrenze als Bedingung. Ab 2027 wird das Erasmus-Programm reaktiviert, doch an englischen Universitäten gehe man davon aus, „dass weniger Talente aus der EU kommen werden“, sagt Rier. Die Verunsicherung im akademischen Umfeld und unter Forschenden sei groß: „Es ist oft nicht klar, an welchen EU-Programmen man teilnehmen kann, welche Gelder einem zustehen.“ Deshalb seien auch Wissenschaftskooperationen seltener geworden.

An der Uni sind wir mit inländischen Mitteln gut aufgestellt und nicht abhängig von EU-Geldern.

Auf Social Media verfolgt Rier Erfahrungsberichte von Ausgewanderten, die zurück nach Italien wollen. „Aber weil sich für mich selbst seit dem Brexit kaum etwas geändert hat und ich in England beruflich mehr Möglichkeiten habe, stellt sich die Frage nach der Rückkehr momentan nicht“, sagt er. Trotz Abwerbungsversuchen. Als konkreten Spielraum, den ihm England nach wie vor bietet, nennt Rier die Forschungsgelder für seine Arbeit: „Wir sind mit inländischen Mitteln gut aufgestellt und nicht abhängig von EU-Geldern.“ Aktuell berät er unter anderem ein englisches Unternehmen, das Hirnscanner herstellt. Dort habe er mitgekriegt, „dass Import–Export komplizierter geworden ist – vieles läuft langsamer und an der Grenze stockt es“.

Auch Gemüse im Geschäft sei „nicht mehr so frisch“. Auf die eigene Ein- und Ausreise hat sich der Brexit hingegen nicht ausgewirkt. Genauso wenig wie auf die seiner Partnerin, britische Staatsbürgerin, angehende Rechtsanwältin. „Sie besitzt auch den irischen Pass und hat damit keine Probleme, in die EU zu kommen“, erklärt Lukas Rier. Er kenne sehr viele Britinnen und Briten, die nach dem Brexit die irische Staatsbürgerschaft beantragt hätten. Möglich ist das zum Beispiel, wenn ein Großelternteil aus Irland stammt.

Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: „Leave or Remain?“

Schlagwörter: 22-26free

Ausgabe 22-26, Seite 5

Lisa Maria Gasser

Lisa Maria Gasser

Nach dem Studium in Trient und Wien wieder in Seis angekommen. Sieben Jahre beim Onlineportal salto.bz. Jetzt freiberufliche Journalistin, seit 2022 auch für die SWZ. Geschichten begegnen überall – einfach hinhören.

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